Euthanasie-Opfer bekommen im Mai Gedenksteine

Detektivarbeit für neue „Stolpersteine“

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Die bislang letzten: In der Langen Straße in Nienburg verlegte der Kölner Künstler Gunter Demning im März dieses Jahres Stolpersteine. Sie erinnern an Vally Heynemann.

NIENBURG - von Leif Rullhusen. "Stolpersteine" gedenken in Nienburg an die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors. Jetzt wollen die in Nienburg an dieser Aktion Beteiligten den Opferkreis erweitern, an den "Stolpersteine" erinnern. Das erfordert umfangreiche Recherchearbeiten.

NIENBURG (ru). Tagelang recherchierte Gerd-Jürgen Groß in den Archiven der Gedenkstätte Hadamar nach Opfern aus Nienburg. In der einstigen Landesheilanstalt bei Limburg an der Lahn brachten die Nationalsozialisten geistig behinderte und psychisch kranke Menschen im Rahmen des sogenannten Euthanasieprogrammes um. „Es ist erschreckend, wenn man dort auf die Unterlagen stößt, die die Zwangseinlieferung und anschließende Ermordung dokumentieren“, berichtet der Autor des Buches „Sie lebten nebenan“ sowie Mitglied des Arbeitskreises Gedenken und der Recherchegruppe „Stolpersteine“. Für letztere war Groß in Hadamar und suchte nach Nienburgern, die dort gewaltsam starben.

Die Mitglieder der Recherche- und Lenkungsgruppe mit dem druckfrischen neuen Flyer.

Für sie will Gunter Demning nämlich im kommenden Mai vor ihrem letzten freigewählten Wohnsitz „Stolpersteine“ verlegen. Seit 1993 praktiziert der Kölner Künstler dieses Zusammenspiel von Kunst und Gedenken. In die zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader, die er in den Boden einbettet, ist eine Messingplatte mit einer Inschrift eingelassen, die jeweils mit „Hier wohnte“ beginnt. Es folgen Name, Geburtsjahr, Deportationsjahr und -ort und Angaben zum Schicksal der jeweiligen Person. In Nienburg verlegte Demning bislang 26 Stolpersteine, ausnahmslos vor Häusern jüdischer Opfern des Nazi-Terrors. Nun wollen die Beteiligten – unter anderem die Stadt Nienburg, das Stadt- und Kreisarchiv sowie der Lions Club – die Opfergruppe, der mit Stolpersteinen gedacht werden soll, ausweiten. Neben Euthanasieopfer, soll die unter anderem auch ermordete Homosexuelle, religiös Verfolgte, Sinti und Roma umfassen. „Gerade bei Sinti und Roma ist die Datenlage sehr schwierig. Deshalb gibt es für sie noch keinen Stein“, erläutert Cornelia Kramer vom Kulturbüro der Stadt Nienburg. Unterstützung bei der Recherche seitens der Bevölkerung ist deshalb willkommen. Die meisten Unterlagen gebe es über verfolgte Juden, ergänzt Gerd-Jürgen Groß, der seit Jahren nach Opfern des Nazi-Regimes recherchiert. Der Nienburger reist durch die gesamte Bundesrepublik, um sich in Archiven auf Spurensuche zu begeben. „Das ist oft richtig aufwendige Detektivarbeit“, schildert der Buchautor. Aufwendig, aber immens wichtig: „Die Nazis wollten die Namen auslöschen, deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sie zurückkehren und erhalten bleiben“, macht Groß klar. Es sei auch nicht damit getan, dass die Namen in den Stolpersteinern an die Opfer erinnern, verdeutlicht Lions-Mitglied Dr. Eilert Ommen. „Die Steine stehen nicht alleine für sich. Hinter jedem Stein gibt es eine Geschichte, die wir langfristig dokumentieren wollen“, erklärt Ommen im Namen des Nienburger Lions Clubs, der die Stolperstein-Aktionen in der Kreisstadt initiierte und die Finanzierung der Aktionen absichert, bis jeweils Paten für die Steine gefunden werden. „Das war bislang ausnahmslos der Fall“, berichtet Cornelia Kramer. Für die weiteren Aktionen sucht die Stadt allerdings noch Patenschaften. Die können sich Interessierte übrigens auch teilen, so dass eine ganze Gruppe die Finanzierung oder Pflege eines Steines übernimmt. Ein jetzt neu aufgelegter Flyer der beteiligten Gruppen dokumentiert den aktuellen Stand der Arbeiten. Er informiert zudem über das Projekt Stolpersteine, weitere Pläne, Ansprechpartner und beinhaltet ein Anmeldeformular für eine Partnerschaft. Die Flyer liegen unter anderem im Rathaus, bei der Mittelweser-Touristik, im Theater, im Museum und Stadtarchiv aus. Im Internet werden Interessierte zudem unter www.nienburg.de/unsere-stadt/stolpersteine/ fündig. Eine Karte mit allen aktuellen Stolperstein-Standorten in Nienburg befindet sich derzeit neben einer Informationstafel auch im Vestibül des Rathauses.

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