„€žWir dürfen loslassen, wenn es ans Sterben geht“

Sterbebegleiter Georg Kroppach spricht über das Erlebte

Georg Kroppach war seit den Anfängen des Hospizvereins „Dasein“ dabei und dessen einziger männlicher Sterbebegleiter. Seinen 75. Geburtstag nahm er zum Anlass, ehrenamtlich kürzerzutreten.

Hoya - Aus Altersgründen beendet jetzt Georg Kroppach seine langjährige Tätigkeit im Hospizverein „Dasein“, der in den Samtgemeinden Hoya und Bruchhausen-Vilsen aktiv ist. Der Eystruper ist der einzige männliche Sterbebegleiter in dem Verein und seit dessen Anfängen vor gut zehn Jahren dabei.

Er hat viele Menschen und deren Angehörige in der schweren Zeit des Abschiednehmens begleitet und sich auch in der Vereinsarbeit engagier. Anlässlich seiner Aufgabe des Ehrenamts führte die Vorsitzende des Vereins, Edeltraut Güttler, ein Gespräch mit Georg Kroppach.

Wie kamst du dazu, Sterbende zu begleiten?
Nach meiner Pensionierung wollte ich gerne eine sinnvolle Tätigkeit ausüben – möglichst gemeinsam mit meiner Frau. Zufällig gab zu dieser Zeit unsere Hausärztin ihre Praxis auf. Ihre Nachfolgerin (Dr. Ulrike van Loo), die dem Hospizgedanken nahesteht und zusätzlich Palliativärztin ist, sprach mit mir über Hospizarbeit. Das Thema berührte mich. Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen, und wir haben uns gemeinsam entschieden, eine Ausbildung zu Sterbebegleitern zu machen, um danach im Hospizverein „Dasein“ mitzuwirken.

Erinnerst du dich noch an deine erste Begleitung?
Sehr wohl! Sie dauerte ein viertel Jahr, und ich begleitete den Sterbenden bis zum Tod. Seine Tochter, die Bezugsperson für mich war, verreiste ein paar Tage in Absprache mit mir, und genau an einem dieser Tage trat der Tod ein. Für mich war es eine wunderbare Begleitung und für meine weitere Tätigkeit eine hilfreiche Erfahrung. Es tat mir gut, der Familie hilfreich zur Seite zu stehen.

Wie fühltest du dich, wenn eine Begleitung zu Ende war? Traurig?
Sehr unterschiedlich! Es kam immer darauf an, wie lange eine Begleitung dauerte und ob ich in der zur Verfügung stehenden Zeit alles tun konnte, was möglich gewesen wäre.

Woher hast du deine Kraft genommen?
Meine langjährige Tätigkeit als Prädikant in unserer Kirchengemeinde und mein Glaube gaben mir immer wieder Kraft – auch in schwierigen Begleitungen mit kirchenfernen Personen.

Was hast du als Sterbebegleiter des Hospizvereins getan, um eine Begleitung „perfekt“ zu machen?
Wenn es noch möglich war, war es mir immer vorrangig, eine „Beziehung“ zur begleitenden Person herzustellen und deren persönliches Umfeld wahrzunehmen, um es in meine Gespräche und Handlungen einzubeziehen. Es gilt, immer die nötige Geduld zu bewahren, denn der Tod lässt sich nicht herbeireden. Und ich habe den Grundsatz eingehalten, dass nicht mein Wille geschehe, sondern der des Sterbenden.

Was war das schönste Erlebnis im Rahmen der Hospizarbeit?
Als ich eine Begleitung eines früheren Kirchenvorstandskollegen hatte. Ich war bei seinem Tod dabei, und ich konnte die engere Familie einladen, mit mir vor der offiziellen Trauerfeier eine Andacht am Sterbebett zu feiern.

Was hast du denn zurückbekommen?
Alles ehrenamtliche Engagement ist freiwillig und umsonst – es ist zwar umsonst aber niemals ohne Gewinn.

Hast du dich auch manchmal hilflos gefühlt?
Auch das hat es gegeben! Hier hatte ich aber immer die Möglichkeit, über schwierige Situationen zu sprechen – anfangs mit meiner Ehefrau (sie war auch Begleiterin im selben Verein) und weiterhin mit den anderen Begleiterinnen oder auch bei den Supervisionen.

Hatte eine Begleitung Auswirkungen auf dein Privatleben?
Wenn ich das Gefühl hatte, eine Begleitung ist gelungen – sie hat dem Sterbenden und den Angehörigen geholfen –, dann konnte ich auch private Dinge in den Hintergrund stellen.

Was sind die wichtigsten Dinge, die du im Umgang mit Sterbenden gelernt hast?
Ich durfte lernen, dass wir loslassen dürfen, wenn es ans Sterben geht. Das gilt für Sterbende und Angehörige gleichermaßen. Dies zu vermitteln ist erst möglich, wenn wir es selbst begriffen haben. Und ganz wichtig: Ruhe im Sterbezimmer, keine Hektik. Nicht alle Nachbarn müssen noch kommen.

Was war der Grund, deine Begleitertätigkeit zu beenden?
Das Auftreten gesundheitlicher Probleme bei mir und meiner Ehefrau ließ mich in meiner Zeiteinteilung nicht mehr so frei sein. Zunächst habe ich meine Begleitertätigkeit aufgegeben, bin aber immer noch bei den monatlichen Begleitersitzungen dabei gewesen. Ich war auch immer noch bereit, wenn es Sonderaufgaben zu erledigen gab, zum Beispiel bei der Vorbereitung unseres zehnjährigen Vereinsjubiläums. Hinzu kam, dass ich kurz darauf 75 Jahre alt wurde und dies zum Anlass nahm, meine aktive zehnjährige Tätigkeit im Hospizverein zu beenden, um mehr Zeit für Haus und Garten zu haben.

Würdest du Männern Mut machen, auch eine Ausbildung zum Sterbebegleiter zu machen?
Entgegen der häufig geäußerten Meinung von Männern, Hospizarbeit sei Frauensache, kann ich für mich sagen: Ich habe durchaus Freude und Genugtuung bei dieser erfüllenden Tätigkeit gehabt, wenngleich ich mich gefreut hätte, männliche Mitstreiter gehabt zu haben. Bei den Schwerstkranken und Sterbenden gibt es durchaus auch den Wunsch, einen männlichen Begleiter zu haben. Fazit meiner langen Zeit als Sterbebegleiter: Alles ehrenamtliche Engagement ist niemals ohne Gewinn für das eigene Selbstgefühl.

Der Hospizverein „Dasein“ organisiert im Herbst einen Kurs für neue Sterbebegleiter mit Kornelia Falkenburg. Weitere Infos dazu folgen. Das Bereitschaftstelefon des Vereins hat die Nummer 0177/5405929.

Quelle: kreiszeitung.de

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