Basis-Angebot des Landkreises Nienburg

Flüchtlinge nutzen Jugendwerkstatt: „Kann nicht beschreiben, was es mir bedeutet“

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Drei Männer packen an: Khaled (von links) und Ahmed bauen mit Christian Bittin ein Futterhäuschen.

Marklohe - Von Julia Kreykenbohm. Geschickt gleitet der Pinsel über das helle Holz und verwandelt allmählich die Wand des Nistkastens in ein kleines Kunstwerk aus grünen, weißen und gelben Tupfern. Die Künstlerin ist 16 Jahre alt und strahlt über das ganze Gesicht. Man merkt, wie viel Freude ihr die Arbeit macht. Gemalt hat Teodora schon immer gern, auch in ihrer Heimat, Rumänien. Damals wollte sie am liebsten Schauspielerin werden. Nun lebt sie seit drei Jahren in Deutschland und hat andere Vorstellungen von ihrem Traumberuf.

„Köchin wäre toll. Oder in einer Bäckerei arbeiten“, erklärt sie in schon recht gutem Deutsch. Aus diesem Grund möchte Karsten Schröter von der Jugendwerkstatt in Marklohe die junge Frau so bald wie möglich in dem Bereich „soziale Dienstleistungen“ unterbringen, zu dem auch Hauswirtschaft zählt.

Teodora ist eine von insgesamt fünf jungen Leuten, die das neue Basis-Angebot der Jugendwerkstatt des Landkreises Nienburg nutzen. Das ist ein Beschulungsangebot für nicht mehr schulpflichtige junge Menschen. Es vermittele wichtige Grundlagen für einen Berufs- oder Ausbildungseinstieg und ist eigentlich für junge Asylbewerber gedacht, die sich offiziell im Landkreis aufhalten, unabhängig von Bleibestatus und Herkunftsland, erläutert Schröter. Die junge Rumänin ist quasi eine „Ausnahme“.

Vormittags Theorie, nachmittags Praxis

Das Angebot umfasst fünf Tage in der Woche. Während vormittags Theorie-Unterricht auf dem Plan steht, wie Deutsch, Mathemathik, Werte, Kultur oder aktuelles Weltgeschehen, können die Jugendlichen sich am Nachmittag praktisch in einem der drei Bereiche austoben, die in der Jugendwerkstatt angeboten werden, und an denen auch in Deutschland geborene Jugendliche teilnehmen. Dazu gehört neben den sozialen Dienstleistungen auch Metall/Fahrzeugtechnik und Garten/Landschaftsbau. Letzteres steht an diesem Tag auf dem Plan.

Während Teodora weiterhin eifrig die Nistkästen verziert, widmen sich drei junge Männer am Nachbartisch dem Bau eines Futterhäuschens für Vögel. Khaled kommt aus Syrien und ist 25 Jahre alt. Wer sieht, wie er den Akkuschrauber bedient und mit sicherem Griff die einzelnen Holzteile betastet und zusammenfügt, merkt schnell: Er macht das nicht zum ersten Mal.

Kosten übernimmt der Landkreis

Mit dabei ist auch der 22-jährige Ahmed, der aus dem Irak stammt und gewissenhaft mit Geo-Dreieck und Zollstock ausmisst, wo die nächsten Löcher gebohrt werden müssen. „Ich bin seit neun Monaten in Deutschland“, berichtet er. Im Irak war er in der Werbung tätig, doch das handwerkliche Arbeiten gefällt ihm auch sehr gut. Jeden Tag kommt er mit dem Bus aus Rodewald nach Marklohe, was rund eine Stunde dauert. Die Kosten übernimmt der Landkreis. „Es ist schön, diese Häuschen zu bauen und im Team zu arbeiten“, sagt Ahmed. Sein Traumberuf ist allerdings Fotograf, denn er liebt es, Bilder zu machen.

Der jüngste im Bunde ist der 15-jährige Antonio aus Eritrea. Während Ahmed und Khaled schon wie ein eingespieltes Team miteinander agieren, sich Schrauber und Lineal reichen, steht der Junge manchmal noch etwas schüchtern daneben, bemüht sich aber sichtlich, immer eine helfende Hand zu reichen, wenn sie gebraucht wird. Alles unter den Augen von Christian Bittin, der im Bereich Garten/Landschaftsbau die Aufsicht führt. Seine fünf Schützlinge machen ihm Freude. „Sie sind wahnsinnig motiviert und benehmen sich sehr respektvoll. Das wirkt sich auch positiv auf die anderen Teilnehmer aus.“

Es wird Deutsch gesprochen

Die wichtigste Regel lautet: Es wird Deutsch gesprochen. Auch untereinander. Die jungen Flüchtlinge halten sich daran, auch wenn es manchmal die Klärung eines Problems erschwert. Die Holzstücke, die einmal das Dach des Häuschens bilden sollen, sind zu lang geraten. Was nun? Bittin und die drei jungen Männer besprechen sich: in kurzen Sätzen, durch Zeigen, Nicken, Kopfschütteln, Blicke – und irgendwie klappt es immer.

Es wird auch gescherzt und gelacht. Die Stimmung ist locker und fröhlich und wenn es nach den Mitarbeitern der Jugendwerkstatt geht, könnten gern noch mehr Flüchtlinge an dem Angebot teilnehmen. „Wir nehmen sowohl Menschen, die uns das Job-Center schickt, als auch Menschen, die aus Eigeninitiative herkommen oder vielleicht durch Flüchtlingshelfer“, so Schröter. Wichtig zu wissen sei, dass es eine verbindliche Anmeldung gibt, die dazu verpflichtet, regelmäßig teilzunehmen. Sind die Flüchtlinge allerdings zu Sprachkursen eingeteilt, müssen diese erst beendet werden, bevor sie das Basis-Angebot nutzen können.

Leute fördern und motivieren

„Wir wollen die Leute fördern, sie motivieren und auch Wartezeiten überbrücken, damit sie keinen Leerlauf haben und untätig herumsitzen“, beschreibt Schröter. Auf dieses Weise könne man erkennen „wer, was kann“ und demjenigen dann ein Praktikum vermitteln.

Die Mitarbeiter machen aber auch Freizeitangebote und sind Ansprechpartner für die Flüchtlinge, indem sie bei Fragen zu Formularen weiterhelfen, oder wenn es darum geht, an welche Behörde sie sich mit welchem Anliegen wenden müssen. Den Teilnehmern gefällt das Angebot. „Ich kann nicht beschreiben, was es mir bedeutet“, sagt Teodora. „Auch wenn man nicht gut Deutsch spricht, wird man verstanden und alle sind freundlich.“

Der Name Basis steht für Beruf, Alltag, Sprache, Integration und Schlüsselkompetenz. Seit dem Jahr 2000 bietet die Jugendwerkstatt Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene im Übergang von Schule und Beruf an. Die Jugendwerkstatt gehört zum Fachdienst Jugendarbeit und Sport des Landkreises und wird darüber hinaus durch das Jobcenter, das Land Niedersachsen und aus Mitteln des europäischen Sozialfonds finanziert.

Kontakt

Institutionen sowie Interessierte wenden sich unter Telefon 05021/9171415 an Karen Wolf und Karsten Schröter von der Jugendwerkstatt . Grundsätzlich ist die Jugendwerksatt auch unter 05021/917140 oder kjp@kreis-ni.de zu erreichen.

Quelle: kreiszeitung.de

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