Angeklagter bleibt wegen eines anderen Mordes weiter in Haft

Nienburg: Freispruch im Angler-Prozess

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Das Landgericht in Verden sprach den Angeklagten im Angler-Prozess am Dienstag frei.

Verden/Nienburg - von Wiebke Bruns. Das Urteil im Nienburger Angler-Prozess zeichnete sich vergangene Woche bereits ab. Überraschend ist es dennoch.

Am Dienstag ist am Landgericht Verden ein Mörder freigesprochen worden. Seit fünf Monaten musste sich der 56 Jahre alte Angeklagte für den 35 Jahre zurückliegenden Mord an dem Angler Wilhelm Rettberg in Nienburg verantworten. In diesem Fall überwogen die Zweifel beim Gericht, aber auf freien Fuß kam der Mann trotz des Freispruchs nicht. Denn er wurde 1989 wegen eines anderen Mordes verurteilt und diese Strafe sitzt er noch immer ab.

"Keine objektiven Anhaltspunkte"

„Objektive Anhaltspunkte, dass der Angeklagte den Herrn Rettberg getötet hat, liegen nicht vor“, hieß es am Dienstag in der Urteilsbegründung. Doch zunächst ging der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk auf die Besonderheit dieses „Cold Case“, also kalten, ungeklärten Falls ein.

Sonst seien es vielfach objektive Spuren, wie DNA, die Grund für eine Anklageerhebung seien. In diesem Fall waren es Zeugenaussagen. Die zur Überzeugung der Ersten Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt belegen, dass der Angeklagte exklusives Täterwissen gehabt habe. Gegenüber einem Cousin soll er von dem Mord als Ereignis berichtet berichtet haben, als die Tat noch gar nicht bekannt gewesen war. Er habe von einer Kornflasche als Tatwerkzeug berichtet, noch bevor die Polizei diese Erkenntnis gehabt habe.

"Fulminanter" Schlussvortrag

Die Aussage des kurz nach der Tat nach Kanada ausgewanderten Cousins bezeichnete sie in ihrem Plädoyer als das „wesentliche Puzzle-Teil“. „Ich habe keinen Zweifel, dass es der Angeklagte war“, betonte sie und beantragte eine Verurteilung wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Ihren knapp einstündigen Schlussvortrag bezeichnete Verteidiger Jochen Zersin anerkennend und vollkommen treffend als „fulminant“. Wenngleich er einen Freispruch forderte.

Doch das sich für die Staatsanwältin aus allen Teilen ergebende Gesamtbild vermochte die Kammer nicht zu erkennen. Um bei dem Sinnbild zu bleiben: aus Sicht der Richter konnten viele der von der Staatsanwaltschaft zusammengetragenen Puzzle-Teile aus rechtlichen Gründen nicht verwendet werden. Zeugen, die inzwischen verstorben sind, seien damals nicht förmlich vernommen worden. Weil über deren Aussagen bei der Polizei nur Vermerke worden sein, könne man diese aus strafprozessualen Gründen nicht in den Prozess einführen könne. Der Angeklagte sei zwar zwölfmal vernommen, aber zumeist nicht richtig belehrt worden. Deshalb habe man auch diese Aussagen nicht verwerten können. Diesbezüglich habe die Polizei 1984 einen „ganz, ganz schlechten Job gemacht“, kritisierte der Vorsitzende.

„Wir haben Bedenken, über die wir nicht hinwegkommen“

Selbst in der Gesamtschau komme man nicht zu dem sicheren Schluss, dass der Angeklagte die Tat begangen hat, betonte Stronczyk. „Wir haben Bedenken, über die wir nicht hinwegkommen“, fasste er zusammen. Aber selbst wenn man diese Bedenken außer Acht gelassen hätte, dann hätte man keine Mordmerkmale feststellen können und ein Totschlag wäre anders als ein Mord bereits verjährt. Am Ende betonte er: „Die Kammer hat sich bemüht, aber es ließ sich nicht aufklären.“

Rechtskräftig ist das Urteil nicht. Die Staatsanwaltschaft hat die Möglichkeit der Revision.

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