Friedrich Graf zu Dohna berichtet vom ehemaligen Schloss in Schlobitten

Von großen Wandteppichen bis zu einem Wasserklosett

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Friedrich Graf zu Dohna referiert in Bücken.

Bücken - Von Andree Wächter. Der Ort Schlobitten liegt heute in Polen, ist aber preußischen Ursprungs. Viele Einwohner sind im zweiten Weltkrieg vor der Roten Armee geflüchtet. Sie siedelten sich im Großraum Hoya an. Mehr als 50 Überlebende und Interessierte kamen am Mittwoch in die Grundschule Bücken. Auf Einladung der Volkshochschule (VHS) Bücken referierte Friedrich Graf zu Dohna über sein Schloss.

Bis zur Flucht im Januar 1945 lebten die Familienmitglieder des Adelsgeschlechts in der Nähe von Königsberg. Über die Flucht berichtete Friedrich Graf zu Dohna bereits im Oktober. Am Mittwoch zeigte der Graf teils private Einblicke in sein Schloss, auf dem er elf Jahre lebte.

Die heutige Ruine wurde per Computeranimation wieder aufgebaut. Als Grundlage dienten alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Gemacht wurden sie von einem Berliner Fotografen im Auftrag des Schlossherren und auf staatliche Verordnung der Reichsregierung. Im Krieg wurden alle Kirchen und Schlösser fotografiert. Falls sie bei Luftangriffen beschädigt würden, sollten sie anhand der Bilder wieder aufgebaut werden.

Durch die Animation gingen die Gäste virtuell durchs Schloss. Zu den einzelnen Räumen erklärte der Graf die Funktion – und auch Anekdoten durften nicht fehlen: Unter einem großen ovalen Esstisch befand sich eine Klingel. Die Mutter drückte diese, wenn die Dienerschaft das Essen servieren sollte. Wenn Friedrichs Spielfreunde mit am Tisch saßen, dann fasste sich der Vater an die Nase und die Mutter drückte parallel den Fußschalter. So dachten die Kinder, dass es klingelt, wenn sich der Vater an die Nase fasst.

Markant waren die großen Wandteppiche in den hohen Räumen. Es gab sogar ein Wasserklosett – eine Errungenschaft, die im späten Mittelalter eine Seltenheit war. Von Wandteppichen, aus China importiertem Porzellan und Besteck ist jedoch nur wenig gerettet worden. Um den Familienschatz zusammenzuhalten, sind die übergebliebenen Stücke heute im Schloss Schönhausen in Berlin ausgestellt.

Fachkräftemangel ist kein Phänomen der Neuzeit. „So ein Schloss samt landwirtschaftlichem Betrieb muss professionell geleitet werden“, sagte Friedrich Graf zu Dohna. Schließlich hängt alles von einer guten Ernte ab. Da sein Vater das erkannte, bezahlte er den Manager fürstlich. Dieser bekam 1000 Mark im Monat. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente damals rund 100 Mark. Dafür hatte er auch die Verantwortung für 600 Arbeiter. So viele waren nötig, um die Felder zu bestellen, den Haushalt zu führen und die Pferdezucht erfolgreich zu gestalten.

Nach mehr als einer Stunde mit Bildern, Filmen und Geschichten aus dem Heimatschloss hatten die Besucher einige Fragen. Eine Frau wollte beispielsweise wissen, wie die Situation heute wäre, wenn alles so geblieben wäre, wie es war. In seiner charmant-witzigen Art antwortete der Graf: „Dann müssten sie ‚Durchlaucht‘ zu mir sagen.“

Aufgrund der Flucht hat er keinen Anspruch mehr auf den ehemaligen Familiensitz. Heute gehört die Ruine einer Investorengruppe, die es als Abschreibeobjekt nutzt. Sie hat vermutlich wenig Interesse an der Geschichte. Die Überlebenden aus Schlobitten und deren Nachfahren schon. Sie treffen sich am ersten Juliwochenende in Hoya. Dann ist der 70. Jahrestag der Flucht aus Schlobitten.

Quelle: kreiszeitung.de

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