Mehr als marschiere

Führungskräfte machen Praktikum bei der Bundeswehr

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In Nienburg ist es möglich: Zivilisten machen ein Praktikum bei der Bundeswehr. 

Nienburg - Von Christina Sticht. Es klingt kurios: Während Skandale die Truppe erschüttern, absolvieren Chefs aus unterschiedlichen Branchen und Behörden eine Schnupper-Grundausbildung. Das Camp im Nienburger Stadtteil Langendamm ist auch eine vertrauensbildende Maßnahme.

In ihren Jobs an der Universität, in Unternehmen oder Behörden sitzen sie überwiegend am Schreibtisch, in dieser Woche erleben sie Abenteuer unter freiem Himmel. Das Praktikum bei der Bundeswehr für Führungskräfte beinhaltet ein feierliches Gelöbnis, Schießtraining, Marschieren, Hangeln und Feuermachen im Feld sowie Übernachten im Vier-Mann-Zelt.

Während Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in Berlin wegen der Affäre um den terrorverdächtigen Soldaten Franco A. im Kreuzverhör steht, absolvieren Professoren, Unternehmensberater und Behördenleiter eine Schnupper-Grundausbildung bei der Truppe. Sie "tauschen Krawatte und Kostüm gegen Kampfanzug", wie es das Landeskommando Niedersachsen formuliert.

Aber was sollen Chefs ausgerechnet von der Bundeswehr lernen, wenn ihr selbst die Verteidigungsministerin "Haltungsprobleme" und "Führungsschwäche" attestiert? Hauptmann Björn Rusche, der das aufwendige Camp organisiert hat, sieht das Praktikum unabhängig von der aktuellen Diskussion um Missstände. 

Bundeswehr stellt sich vor 

"Niemand hat hier einen Maulkorb", betont er am Mittwoch. Allerdings ziele die Dienstliche Veranstaltung zur Information in der Streitkräftebasis - so der offizielle Titel - darauf ab, das Kerngeschäft vorzustellen. "Wir möchten die Teilnehmer als Multiplikatoren gewinnen."

Das Truppenpraktikum als vertrauensbildende Maßnahme: Seit der Abschaffung der Wehrpflicht werde die Distanz zur Bevölkerung größer, erläutert Ludger Terbrüggen, Referatsleiter im Presse- und Informationszentrum der Streitkräftebasis, die Hintergründe.

20 Männer und 7 Frauen im Alter von 28 bis 59 Jahren lernen in dieser Woche in der Clausewitz-Kaserne die Truppe von innen kennen. Peter Baier, Berufsschullehrer aus Nienburg, hat sich beworben, weil er häufig von Schülern um eine Einschätzung der Bundeswehr als Arbeitgeber gebeten wird. "Eine überraschende Erkenntnis ist, wie vielfältig und facettenreich der Beruf ist, zum Beispiel welche Rolle Fremdsprachen spielen", sagt der 47-Jährige.

Für Christof Wetter, Professor am Fachbereich Energie der Fachhochschule Münster, ist es eine Premiere. Wehrdienst hat er nicht geleistet. "Was mich sehr überrascht hat, ist der ausgesprochen freundliche, kameradschaftliche Umgangston - nicht nur im Umgang mit uns, sondern auch mit den Rekruten", sagt der 56-Jährige. Hanna Fritz, politisch engagierte Verwaltungsökonomin aus Köln, will sich selbst ein Bild von der Bundeswehr machen. Die Berichte in den Medien seien derzeit sehr einseitig, meint sie.

Oberleutnant auf Zeit

Das Praktikum ist aufwendig inszeniert. Am Montag ging es mit dem Einkleiden und dem feierlichen Gelöbnis los. Alle Teilnehmer haben den Dienstgrad Oberleutnant auf Zeit und ein eigenes Gewehr erhalten, das stets am Mann beziehungsweise an der Frau getragen werden muss. Etwa 40 Berufssoldaten wirken mit, zum Beispiel als Rollenspieler, wenn die Praktikanten mit dem Bürgermeister des fiktiven Landes Tytan verhandeln müssen. "Es ist eine Stabilisierungsoperation wie in Afghanistan oder Mali", erläutert Hauptmann Rusche die Mission.

Führungskräfte machen Praktikum bei der Bundeswehr

Der Mittwoch startete mit einem Drei-Kilometer-Marsch um 6.30 Uhr, am Nachmittag mussten die Führungskräfte schwere Schutzwesten tragen - insgesamt rund 35 Kilogramm Marschgepäck. Gemeinsame Anstrengungen stärken das Gruppengefühl.

Teilnehmer Oliver Ried schreibt zurzeit seine Doktorarbeit in Entwicklungsökonomie an der Universität Marburg. Er glaubt, dass Führungskräfte von der Bundeswehr lernen können. "Aus meiner Wehrdienstzeit weiß ich, dass man lernt, mit Menschen aus völlig unterschiedlichen Hintergründen zusammenzuarbeiten."

dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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