Seminar anlässlich des „Equal Pay Day“

Gehaltsverhandlung: Selbstbewusst für sich einstehen

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Machen gemeinsam auf die Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern aufmerksam (von links): Luise Friederike Schäfer von „frau+wirtschaft“ und „Equal Pay Day“-Beraterin Christina Runge.

Landkreis Nienburg - Von Johanna Müller. Eine gute Vorbereitung ist das Wichtigste vor einer Gehaltsverhandlung. Das ist das Fazit des Seminars „Kniffe der Gehaltsverhandlung“, welches die Koodinierungsstelle „frau+wirtschaft“ anlässlich des „Equal Pay Days“ angeboten hat.

Da aber auch Chefs und Vorgesetzte wissen, welche Bedeutung die Vorbereitung hat, haben die Seminarteilnehmerinnen das Thema gemeinsam mit Referentin Christina Runge noch weiter vertieft. 

Ziel setzten 

Wer in eine Gehaltsverhandlung geht, sollte ein festes Ziel im Blick haben. „Aber bleiben Sie dabei realistisch“, rät Christina Runge. Daher sei es sinnvoll, sich zunächst darüber zu informieren, was in der jeweiligen Branche gezahlt wird. Etwa Tarifverträge können ein Anhaltspunkt sein, selbst wenn das eigene Unternehmen keine Tarifbindung hat.

Möglich sei es zudem, Kollegen nach ihrem Gehalt zu fragen. Zwar sei das in vielen Köpfen noch ein Tabu – schließlich spricht man nicht über Geld – doch fragen sei erlaubt, findet Runge. Nur so könne man an nötige Informationen kommen. Und vielleicht geben die Mitarbeiter ihre Bezüge preis. „Wenn sich mehrere Kollegen unfair behandelt fühlen, kann man sich auch zusammentun“, gibt Runge zudem zu bedenken.

Argumente finden 

Ist das Ziel klar definiert, werden Argumente für eine erfolgreiche Verhandlung gesucht. Einfach zu sagen, „Ich möchte mehr Geld“ oder „Ich bin doch schon lange dabei“ ist jedoch keine geschickte Argumentation. Vielmehr sollten Gründe dafür gefunden werden, dass die eigene Arbeit wertvoller ist, als die Summe, die monatlich auf dem Gehaltszettel steht.

Wer schon lange dabei ist, kann diesen Aspekt etwa ausschmücken. Denn durch die langjährige Erfahrung wurden vielleicht auch mehr Verantwortung und weitere Aufgaben übernommen. Eventuell gab es auch Fortbildungen und weitere Qualifizierungen. Langjährige Mitarbeiter lernen häufig auch Einsteiger an oder übernehmen die Ausbildung in einem Unternehmen. All das kann relevant sein.

„Ein allgemeingültiges Patentrezept gibt es aber nicht“, weiß auch Dozentin Christina Runge. Sie empfiehlt daher, Argumente zu sammeln und sich genau auf seine Kompetenzen zu berufen. 

Selbstvertrauen sammeln 

Denn wer weiß, was er kann, der kann sich auch besser verkaufen. Das ist jedoch ein Punkt, der besonders Frauen schwerfällt, erklärt Runge, die eine Ausbildung zur „Equal Pay Day“-Beraterin durchlaufen hat: „Frauen trauen sich selbst weniger zu. Ihnen wird aber auch häufig weniger zugetraut.“ Das sei einer der Gründe, aus denen die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen resultiert. Der Ursprung fange aber schon bei der Berufswahl an. Häufig hört Runge in ihren Seminaren die Begründung „Das war am einfachsten“, wenn es um die Wahl eines Ausbildungsplatzes geht. Gerade in früheren Generationen und im ländlichen Bereich fühlen sich Frauen stark regional gebunden. Zudem fehle es an Unterstützung durch die Familie, wenn ein höherer Abschluss oder eine Ausbildung fern der Heimat angestrebt wird.

Damals wie heute ein Thema sei zudem der Nachwuchs. Besonders früher seien Frauen wenig gefördert worden, schließlich würden sie ohnehin später Mutter sein. Diese Einstellung begegnet Runge auch heutzutage noch. Sind die Kinder dann auf der Welt, steigen weiterhin überwiegend Frauen aus dem Berufsleben aus oder arbeiten in Teilzeit. Das führe unter anderem dazu, dass Frauen heute durchschnittlich etwa die Hälfte der Rente erhalten, die Männer beziehen. Teilzeitbeschäftigte werden zudem bei Beförderungen eher nicht berücksichtigt.

Umso wichtiger sei es, für sich selbst einzustehen. Als Tipp hat Runge daher den Seminarteilnehmerinnen mitgegeben: „Schreiben Sie auf, was Sie geleistet haben und welche Kompetenzen Sie mitbringen.“ So könne sich jeder positiv beeinflussen und gut auf eine Gehaltsverhandlung einstimmen. 

Gut kontern 

Ist der symbolische Koffer voll mit Argumenten und einem Ziel gepackt, fehlen noch die Gegenargumente. Denn auch wenn Gehaltsverhandlungen für viele Arbeitnehmer ungewohntes Terrain sind – Personaler und Chefs kennen diese Situationen genau. Daher sollte sich für die Verhandlung eine Strategie für geeignete Konter zurechtgelegt werden. Angefallene Überstunden können beispielsweise einem Angestellten schnell mal zur Last gelegt werden. „Das hätten Sie doch schnell schaffen können“, „Die Kollegen arbeiten effizienter“ oder „In diesem Fall haben Sie nicht kostendeckend gearbeitet“ bringen einen schnell aus dem Konzept. Daher sind zurechtgelegte Antworten sinnvoll. Denn nicht immer ist wirklich der Arbeitnehmer für Missstände verantwortlich. „Es ist schwierig und wir müssen über unseren Schatten springen“, sagt Runge, die dennoch jedem Mut zuspricht, für sich einzustehen. 

An Konsequenzen denken 

Bei allen Chancen, die eine Gehaltsverhandlung mit sich bringt, sollten aber auch die Konsequenzen bedacht werden. Nicht jeder Vorgesetzte lasse sich auf Forderungen ein. Doch wenn das Anstellungsverhältnis unfair ist und bleibt, regt Runge dennoch dazu an, zu handeln: „Wenn gar nichts mehr geht, lassen Sie auch den Gedanken zu, woanders ihr Glück zu suchen“.

Das ganze Programm der Koodinierungsstelle „frau+wirtschaft“ gibt es online unter www.frau-und-wirtschaft-ni.de.

Kommentar zum Thema „Haben ist besser als brauchen“

"Liebe Frauen, das muss nicht sein. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Klischees zutreffen", schreibt Blickpunkt-Redakteurin in ihrem Kommentar mit dem Titel „Haben ist besser als brauchen“. Darin geht es um den „Equal Pay Day“ und das Verhältnis von Frauen und Finanzen. 

Aktionstag „Equal Pay Day“

Gleiche Bezahlung für Männer und Frauen – noch immer ist das nicht überall Realität. Am „Equal Pay Day“ geht es darum, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Der Aktionstag lag in diesem Jahr auf dem 18. März, der Tag ab dem Frauen theoretisch überhaupt etwas verdienen. Denn der durchschnittliche Verdienstunterschied liegt bei 21 Prozent, berichtet das Statistische Bundesamt. Kritisiert wird diese Zahl jedoch etwa vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Eine ideale Berechnung würde etwa ausschließlich den Lohn von gleich qualifizierten Männern und Frauen vergleichen, die unter exakt gleichen Bedingungen arbeiten. Diese sogenannte bereinigte Lohnlücke beziffern die Wissenschaftler auf 3,8 Prozent.

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