„Es geht um die nächste Generation“

Tennet in Hoya: Günter Brünjes spricht sich für Erdverkabelung aus

Günter Brünjes ist in der „Bürgerinitiative gegen den Trassenwahn“ aktiv. Direkt hinter seinem Haus verlaufen zwei Höchstspannungsleitungen. - Foto: Michael Wendt

Windhorst - Von Michael Wendt. Er hat den „Konfliktpunkt 5“ vor der Haustür – oder genauer gesagt hinter der Terrasse: Nach heutigen Maßstäben viel zu nah führt die bestehende Stromleitung an seinem Wohnhaus vorbei. Deshalb ist Günter Brünjes auch gut informiert über die Planungen der Firma Tennet zum Neubau der Stromleitung von Stade nach Landesbergen. Der Windhorster spricht sich vehement für eine Erdverkabelung aus und kritisiert einen Teil der Samtgemeinde-Stellungnahme zum Raumordnungsverfahren für den Leitungsneubau.

„Wenn jetzt nicht erdverkabelt wird, dann haben wir für alle Zeiten verloren“, befürchtet Brünjes. Direkt hinter dem Hof seiner Familie verlaufen zwei Überland-Stromleitungen:

– die 1957 gebaute 220-Kilovolt-Trasse, die Tennet nun durch einen 380-Kilovolt-Neubau in unmittelbarer Nähe ersetzen will, und

– eine 1972 errichtete 380-Kilovolt-Leitung, die von den Neubauplänen nicht betroffen ist. Für sie gilt Bestandsschutz.

Wird nun die 1957 gebaute Freileitung wie derzeit geplant durch eine neue Freileitung ersetzt, dann werde es in 15 oder 20 Jahren, wenn die zweite Leitung ebenfalls ersetzt werden muss, wenig Argumente geben, diese unter die Erde zu bekommen, sagt Günter Brünjes. „Von einer 380-Kilovolt-Leitung geht eine viermal stärkere elektromagnetische Strahlung aus als von einer 220-Kilovolt-Variante. Eine 500-Kilovolt-Leitung strahlt gar die 16-fache Menge Elektrosmog aus“, sagt der Windhorster, der es für möglich hält, dass 500 Kilovolt in 10 bis 20 Jahren Stand der Technik sind.

„Aktuell geht es nicht nur um uns, sondern auch um die nächste Generation. Wir müssen jetzt die Weichen für die Zukunft stellen“, sagt Brünjes. Er fordert aber nicht nur, er hat auch ein Angebot gemacht. Unweit seines Wohnhauses und der bestehenden Stromtrassen besitzt er Land, das von zwei Seiten von einem alten Baumbestand umgeben ist. Dort könnte eine Kabelübergabestation entstehen. Dadurch könnten die Kabel der neu zu bauenden Stromleitung ab dort unterirdisch hinter seinem Haus in Richtung Wietzen führen.

In Wietzen besteht das gleiche Problem wie in der Gemeinde Warpe: Es gibt zahlreiche Einzelgebäude, die es Tennet schwer machen, eine Freileitung mit dem nötigen Abstand von 200 Metern daran vorbei zu führen. Deshalb plant Tennet auf dem Gebiet der Gemeinde Wietzen eine Erdverkabelung – nicht aber in Warpe.

Ob Brünjes’ Angebot, sein Land zur Verfügung zu stellen, auf Interesse stößt, wird im Verlauf des Raumordnungsverfahrens deutlich werden, das wahrscheinlich bis ins erste Quartal 2018 hinein laufen wird.

Stellungnahme widersprüchlich

Während kürzlich der Warper Gemeinderat in seiner Stellungnahme zum Raumordnungsverfahren kritisiert hat, dass die neu geplante Stromtrasse die geforderten Abstände zu Wohnhäusern nicht einhält und deshalb eine Erdverkabelung im gesamten Gebiet der Gemeinde gewünscht ist, geht die Samtgemeinde in ihrer Stellungnahme einen anderen Weg. Sie schreibt an die Raumordnungsbehörde, das Amt für regionale Landesplanung (ArL) in Lüneburg:

Die im Bereich der Gemeinde Warpe an der Grenze zur Nachbargemeinde Wietzen vorgesehene Kabelübergabestation ist in das Gebiet der Gemeinde Wietzen zu verlegen, da die Station der Verlegung des Erdkabels im Gebiet der Gemeinde Wietzen dienen soll.

Im Umkehrschluss könnte dies bedeuten: Auf Warper Gebiet ist eine Freileitung aus Sicht der Samtgemeinde in Ordnung. Aber deren Stellungnahme enthält auch folgende Forderung:

Nach der Planung unterschreitet die 380-Kilovolt-Leitung die einzuhaltenden Mindestabstände (200 Meter zu Einzelgebäuden im Außenbereich beziehungsweise 400 Meter zu Siedlungsbereichen). Die Leitung ist so zu trassieren, dass diese Mindestabstände eingehalten werden. Alternativ ist die Leitung als Erdkabel zu verlegen.

Beides passt nicht so recht zusammen, meint Günter Brünjes, der sich in der regionalen „Bürgerinitiative gegen den Trassenwahn“ engagiert. Er hätte sich gewünscht, dass die Samtgemeinde erst nach den Gemeinden ihre Stellungnahme beschlossen hätte. Nun aber lief es anders: Bücken, Hoya und Hoyerhagen haben eine gleichlautende Stellungnahme wie die Samtgemeinde beim ArL eingereicht – gemeinsam und im Namen aller vier Kommunen, wie das Bauamt unserer Zeitung gegenüber bestätigt. Die Gemeinden Hilgermissen und Warpe haben eigene Stellungnahmen abgegeben.

Einen Hinweis von der „Bürgerinitiative gegen den Trassenwahn“ hat die Samtgemeinde aber kurzfristig noch aufgenommen: Sie regt an, bei Freileitungen den Einsatz sogenannter Kompaktmasten zu prüfen. Diese haben weniger breite Ausleger für die Stromkabel als herkömmliche Modelle. Das erhöht bei gleichem Mastenstandort den Abstand der Leitung zu einem Gebäude. Denn Tennet misst den Abstand anders, als man vermuten könnte: nicht von den außen an einem Mast hängenden Leitungen, sondern von der Mastmitte aus – eine Gesetzes-Lesart, die nicht unbedingt zur Beseitigung von „Konfliktpunkt 5“ und anderen beiträgt.

Hintergrund: Kabel im U-Boot-Verfahren verlegen 

Als Hobbylandwirt kann Günter Brünjes die Befürchtungen von Bauern gegenüber einer Erdverkabelung nachvollziehen. Arbeiten auf fast 30 Metern Breite und einen späteren Schutzstreifen von 20 Metern Breite mit Sand und Beton im Boden wünscht sich niemand. Brünjes betont aber, dass auch beim Aufstellen von Masten der Ackerboden durch die nötigen Maschinen stark belastet werde und dass der Landwirt unter Freileitungen weniger Ertrag habe. Er selbst habe dies gemessen. Je schlechter der Boden, desto eher fällt der Minderertrag ins Gewicht, sagt der Windhorster. 

Er macht sich deshalb nicht nur für eine Erdverkabelung stark, sondern auch für eine neue Verlegungsweise: das sogenannte U-Boot-Verfahren. Seit Herbst 2016 betreiben die Stadtwerke Stade und die Firma AGS-Verfahrenstechnik eine Pilotstrecke mit einem wassergekühlten Kabel. Gerade einmal 1,7 Meter breit ist die dadurch entstehende Trasse. Dank der Wasserkühlung erwärmt sich die Erde rund um das Kabel nicht, und für den Einbau ist nur ein sieben Meter breiter Korridor nötig. Tennet hingegen setzt in seiner Planung auf eine technisch weniger anspruchsvolle, bereits erprobte Erdverkabelung, für die viel Fläche benötigt wird.

www.ags-verfahrenstechnik.de

Quelle: kreiszeitung.de

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