Melanie Beiner schreibt über ihren Flug über Hoya

Gott ganz nah: Eine Pastorin lernt Segelfliegen

Melanie Beiner (Vierte von rechts) absolvierte ihren ersten Alleinflug mit der Hilfe der Fluglehrer Klaus Stuwe (Dritter von rechts) und Klaus Meitzner (Zweiter von rechts). Außerdem auf dem Bild: der Vorsitzende Carsten Niemeyer (rechts), die Ausbildungsleiterin Ulla Voß und weitere Vereinsmitgliedern.

Hoya - Von Melanie Beiner. „Seil anziehen“, ich höre die Worte des Flugleiters, schon zieht mich das Seil am Segelflieger mit hoher Geschwindigkeit an. Nur ein, zwei Sekunden rollt das Flugzeug über das Gras, dann hebt der weiße Vogel vom Boden ab. Schnell sehe ich nur noch weiße Wolkenfetzen vor blauem Hintergrund.

Der Flieger wird im 45-Grad-Winkel in die Höhe gezogen. Jetzt heißt es möglichst Kurs halten – auch wenn ich in der Schräglage kaum eine Orientierung habe – das Höhenruder langsam ziehen, auf die Geschwindigkeit achten.

Der Flieger steigt 100, 200, 300 Meter – dann ist der Anstieg vorbei, und damit auch die schräge Lage. Es gibt einen lauten Ruck: „Seil ab!“, meldet der Flugleiter am Boden. Doch davon bekomme ich nichts mehr mit: Ich bin im Himmel angekommen.

Schon mehr als 100 Mal habe ich im Schulungsflieger des Segelflugvereins Hoya, der ASK 21, gesessen. Das Flugzeug trägt seit rund 30 Jahren Segelflugschüler wie mich in die Lüfte. Doch heute ist es ein besonderer Flug. Denn der Sitz hinter mir im Flieger, auf dem sonst ein Fluglehrer saß, ist dieses Mal leer. Er kann mir nichts erklären, nicht nachsteuern, loben, warnen – das ist mein erster Alleinflug. Das erste Mal bringe ich ein Segelflugzeug alleine in die Luft und vor allem wieder sicher hinunter. Meine Entscheidung zählt.

Weser schlängelt sich malerisch

Unter mir schlängelt sich die Weser malerisch durch die Landschaft. Felder, Häuser, die blaue Brücke in Hoya – alles ist kleiner, aber noch gut zu erkennen. Die Sicht von oben auf dieses Fleckchen Erde bietet ein unglaublich schönes Bild.

Die Grafschaft Hoya von oben: Eine Aussicht, die auch Melanie Beiner am Steuer des Segelfliegers genießt.

Wichtig ist, sauber zu fliegen, sodass der rote Faden, der auf der Haube des Segelfliegers befestigt ist, gerade bleibt. Das ist ein Zeichen dafür, dass das Flugzeug gut ausgesteuert ist. Ob der Schüler alleine fliegt oder mit dem Lehrer auf dem Rücksitz, immer heißt es: aufmerksam sein.

Vom ersten Flug an sitzt der Schüler vorne. „Du fliegst“, wie oft habe ich diese zwei Worte vom Fluglehrer gehört? Die Mischung aus Vertrauen in die Schüler, Aufmerksamkeit für die Situation und fachlichem Können scheint ein Erfolgsrezept in Sachen Lernen zu sein – zumindest bei mir.

Der erste Alleinflug ist eine sogenannte Platzrunde. Ich bleibe in Sichtweite derer, die unten warten. Nach zehn Minuten, die ich jetzt in der Luft bin, fliegt die ASK auf nur noch 200 Metern Höhe. Zeit für den Landevorgang. Ich melde dem Startleiter per Funk, dass ich landen möchte. Mit 100 Kilometern pro Stunde fliege ich über zwei 90-Grad-Kurven in den Landeanflug. Das habe ich etliche Male geübt. Es geht auf die Zielgerade, die Bremsklappen sind herausgezogen und das Flugzeug sinkt. Jetzt kommt der Flugplatz schnell näher.

Höhenruder rechtzeitig hochziehen

Im rechten Moment, nur knapp über dem Boden, ziehe ich das Höhenruder, und der Flieger gleitet noch einige Meter in der Luft. Er muss ausschweben, damit man sanft aufsetzen kann und noch einige Meter weiterrollt, bis die Radbremse wirkt und der 17 Meter breite Vogel, der eben noch leicht dahingeschwebt ist, nun wieder schwer und wackelnd seinen Flügel ablegt. Denn auf diesem ruht der Flieger, bis zum nächsten Start.

Ich öffne die Haube und atme die Luft am Boden ein. Sicher gelandet. Gott sei Dank. Und dank den Vereinsmitgliedern, die mich bis hierher gebracht haben.

Ich steige aus dem Flieger, schnalle den Rettungsschirm ab, den ich für den Notfall getragen habe. Dan warte ich, bis mich jemand mit dem Flugzeug wieder zum Startpunkt zieht. Denn das war nicht mein letzter Alleinflug an diesem Tag.

„Eine Pastorin lernt Segelfliegen“, haben einige Vereinsmitglieder schmunzelnd bemerkt, andere fügten mit einem Augenzwinkern an: „Klar, dass du dem lieben Gott näherkommen möchtest.“ So gesehen sind die Tausenden von Urlaubern, die jedes Jahr in großen Maschinen in zehn Kilometern Höhe quasi im Vorgarten Gottes vorbeirauschen, weit näher an ihm dran als ich im Sichtflug zwischen Erde und Wolkenuntergrenze, zwischen rund 300 und 1 800 Metern.

Verbindung zwischen Fliegen und Glauben

Hat das Fliegen dennoch etwas mit meinem Glauben zu tun? Zum einen weckt das Fliegen die Achtung, die Faszination und auch die Demut vor dem Naturgeschehen in der Luft. Wer achtsam bleibt und sich auf die Natur einlässt, den hebt der Himmel höher; wer versucht, Höhenmeter zu erzwingen, der wird die Grenze seiner Macht schnell erleben. Und vielleicht trägt mich zwischen Himmel und Erde mehr als ich sehen kann.

Zum anderen ist das Segelfliegen eine Sportart, für die es ein gutes soziales Miteinander und Teamgeist braucht. Auch wenn man in der Luft stundenlang alleine fliegen kann, kein Flug ohne Motor kommt zustande, wenn nicht ein Bodenteam hilft. Es übernimmt Aufgaben wie das Seil anziehen, den Start erlauben und den Flügel halten, solange der Flieger noch steht.

Von allen wird äußerste Sorgfalt erwartet, ob sie 14 oder 74 Jahre sind, denn die Sicherheit der Flieger hängt davon ab. Neben dem Spaß wird die Bedeutung einer ordentlichen Flugvorbereitung im Hoyaer Verein großgeschrieben. Es ist der beste Schutz vor unvorhergesehenen Ereignissen, und alle halten sich daran.

Dr. Melanie Beiner ist Pastorin und zudem Leiterin und Geschäftsführerin der Evangelischen Erwachsenenbildung (EEB) Niedersachsen mit Sitz in Hannover. Sie wohnt in Nienburg und ist seit dem Sommer des Jahres 2013 Mitglied im Hoyaer Segelflugverein.

Ausbildung im Segelflugverein

Der Hoyaer Segelflugverein besteht seit fast 86 Jahren und hat derzeit 86 Mitglieder. Vorsitzender ist Carsten Niemeyer. Die Ausbildung zum Segelflugzeugführer kann ab 14 Jahren begonnen werden. Sie gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. 

In der Theorie lernt der Schüler unter anderem Inhalte über Luftrecht, Navigation und Technik. Die Praxis setzt sich aus drei Teilen zusammen: der Ausbildung mit einem Fluglehrer im doppelsitzigen Segelflugzeug bis zum ersten Alleinflug, der Vertiefung der fliegerischen Kenntnisse mit und ohne Fluglehrer sowie der Ausbildung im Überlandflug mit dem Ziel eines 50 Kilometer langen Alleinflugs. 

Nach bestandener Prüfung erlangt der Schüler den Luftfahrerschein, der dazu berechtigt, mit Segelflugzeugen eigenverantwortlich am Luftverkehr teilzunehmen. Diesen bekommt man ab 16 Jahren. Das rund 10 500 Quadratmeter große Gelände des Segelflugvereins Hoya befindet sich zwischen Hoya und Hassel. 

Der Flugbetrieb findet regelmäßig an den Wochenenden von April bis Oktober statt. Von 9 bis 18 Uhr starten und landen die Flieger je nach Wetterlage im Minutentakt. Zurzeit sind es sieben Fluglehrer und eine -lehrerin, die den Schulungsbetrieb organisieren. Interessierte können zunächst eine vierwöchige Schnuppermitgliedschaft abschließen, bevor sie sich für das Hobby entscheiden. Weitere Informationen im Internet oder unter Telefon 04251/2526. www.sfv-hoya.de

Quelle: kreiszeitung.de

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