Rund drei Stunden „Family Boogie“

Gottfried Böttger und Hennig Pertiet verzaubern ihre Zuhörer

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Henning Pertie

Eystrup - Von Horst Friedrichs. War es Magie? Waren es herbeigerufene Geister? Oder war es einfach nur meisterhaftes Können? So oder so – Gottfried Böttger und Hennig Pertiet verzauberten ihre Zuhörer. Was sie am Samstagabend in Eystrup aus Klavier und Flügel herausholten, erzielte Faszination pur.

Die Zuhörer im ausverkauften alten Güterschuppen des Heimatvereins ließen sich zu Begeisterungsstürmen hinreißen und genossen gleichermaßen die familiäre Atmosphäre, die Onkel Gottfried und Neffe Henning ihnen musikalisch bereiteten. „Family Boogie“ hieß denn auch das Programm des lang erwarteten Abends. Und nach drei Stunden Dauer wollten die Begeisterten immer noch mehr hören. Natürlich ließen sich die beiden Tastenmagier zur Zugabe überreden.

Ausnahme-Pianisten

Die Geister der alten Meister des Jazz waren ganz sicher auch schon anwesend, als sich die Pianostars im Güterschuppen mit schwarz-glänzender Konzerteleganz ankündigten, sprich: spiegelblanker Klavierlack in Form eines Digitalflügels und eines herkömmlichen Klaviers harrten als noch stumme Vorboten einer überragenden Musik-Performance, die vom Volldampf-Boogie bis zum Blues-Feeling aus dessen Ursprüngen reichte. 

Von Jelly Roll Morton bis George Gershwin ließen sich dann mit geballter harmonischer Wucht die Geister all jener Größen, die Jazzgeschichte geschrieben haben, auf der Bühne verkörpern – durch zwei Ausnahme-Pianisten, die sich als auserwählt erwiesen, die uramerikanische Musik mit eigenem Stil und zugleich so herüberzubringen, wie es ihren großen Vorbildern gefallen hätte.

Ein Quäntchen Magie schien durchaus auch im Spiel zu sein, und das meisterhafte Können der beiden Bühnen-Stars war ohnehin Voraussetzung für die wirbelnde Rasanz der Töne, die sie den schwarzen und weißen Tasten ihrer Instrumente entlocken.

Pertiet beginnt, Böttger übernimmt

Gottfried Böttger spielte einen transportablen Digitalflügel aus Dänemark, ganz aus Holz gebaut von Henrik Schouw. Henning Pertiet zeigte sein Können auf einem edlen Klavier aus dem nahen Hause Hellmich. Onkel und Neffe eröffneten das Konzert gemeinsam mit rollendem, grollendem Boogie-Woogie-Rhythmus und feuerten sich dabei gegenseitig an – mit einem Wechselspiel von Phrasen, die sie sich wie Spielbälle zuwarfen.

Gottfried Böttger

Henning Pertiet, der den ersten Konzertteil bestritt, lud das Publikum in eine imaginäre Jazzkneipe ein, mit rauchgeschwängerter Luft und der Stimmung eines frühen Morgens gegen drei Uhr. Der „Barrelhouse Blues“ diente als wirkungsvoller Einstieg in ebenjene Jazzkneipen-Atmosphäre. Es folgten mitreißende Blues-Beispiele und schließlich ein Stück im Stil des Stride Piano, in dem Pertiet das typische „Schreiten“ der linken Hand demonstrierte. 

Humorvoll und bildhaft schilderte Henning Pertiet seinen Zuhörern wie ihn „Hamburg ‘75“, eine Komposition seines Onkels Gottfried Böttger, faszinierte und wie er vor 28 Jahren eine Boogie-Figur von ihm lernte, die er noch heute verwendet. Nicht enden wollenden Applaus erntete Pertiet für eine Eigenkomposition, mit der er sein „kleines Leben“ darstellte. Gemeinsam spielten die beiden Pianisten den New-Orleans-Standard „Just a Closer Walk with Thee“, bevor Gottfried Böttger seinen eigenen Konzert-Part übernahm.

Spielerisch den Unterscheid zwischen Jazz und Dixieland erklärt

Mit dem „Original Jelly Roll Blues“, dem ersten komponierten und in Noten aufgeschriebenen Jazztitel von 1915, erwies Gottfried Böttger dem selbsternannten Erfinder des Jazz, Jelly Roll Morton, seine Reverenz. Es folgte eine musikalische Verneigung vor William Christopher Handy in Form von dessen „St. Louis Blues“, und Riesenbeifall erntete Böttger für den alten New-Orleans-Hit „Basin Street Blues“. Wie er aus Scott Joplins „Amazon Rag“ das Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“ herausfilterte, schilderte Böttger in einer geradezu spannenden Geschichte. Am Beispiel von „Sweet Georgia Brown“ beschrieb er musikalisch den Unterschied zwischen dem alten Jazz und dem moderneren Dixieland.

Weiter ging es nach der Pause mit „Some of These Days“ und George Gershwins weltberühmter Komposition „I Got Rhythm“, bevor Böttger mit Fats Wallers „Honysuckle Rose“ durch volltönende Basslinien einmal mehr die volle Flügelwirkung seines Instruments demonstrierte.

Hat Mozart den Boogie erfunden?

Viel Spaß bereitete er dem Publikum mit einem nicht ganz ernstzunehmenden Beweis dafür, dass Mozart den Boogie erfunden habe. Zum ersten Mal hörte das Eystruper Publikum schließlich die gesamte Intromelodie von „III nach Neun“, die Böttger vor 43 Jahren komponierte.

Zum Abschluss versetzte Henning Pertiet mit unvergleichlichem Boogie-Schwung noch einmal die Klaviertasten in Ekstase, bevor er gemeinsam mit seinem Onkel dem Heimatverein Eystrup einen Boogie Woogie widmete, den es „in dieser Form noch nie gab und auch nie wieder geben wird.“ Lohn dafür war stürmischer, stehender Applaus, ehe das Publikum einen letzten Blues als Zugabe erhielt.

Quelle: kreiszeitung.de

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