Große Marken auf Achse

Roller- und Kleinwagentreffen in Gandesbergen

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Mit dem lediglich elf PS starken Lloyd LP 250 ist Heinrich Wilkens aus Engeln (links) alles andere als ein Dauergast auf der Überholspur. Heinz Timmermann aus Ganderkesee ist mit einem 1959 erstmals zugelassenen Heinkel Tourist A 103 A1 samt Camping-Anhänger unterwegs.

Gandesbergen/Eystrup - Von Ulf Kaack. Zum vierten Mal veranstaltete der Oldtimer-Stammtisch Gandesbergen am Samstag ein Treffen für historische Roller- und Kleinwagen.

Natürlich mit einer gemeinsamen Ausfahrt, einem technikorientierten Besichtigungstermin und reichlich Gelegenheit für die obligatorischen Benzingespräche. Müsste allerdings, will man denn ganz korrekt sein, Gemischgespräche heißen, denn fast alle Fahrzeuge wurden von Zweitaktmotoren angetrieben.

Kurze, aber prägnante Phase der Automobilgeschichte

Hans-Jürgen Kern, in dessen Garten das zuvor dreimal in Hoya beheimatete Treffen stattfand, freute sich über 35 Wagen sowie 17 Roller und Mopeds, die aus dem gesamten norddeutschen Raum auf eigener Achse angereist waren. Zwischendurch gab es eine kurze Ausfahrt, die bei moderatem Tempo und idyllischer Streckenführung in Eystrup beim Industriedenkmal Senffabrik Station machte. Klar, dass die Freunde antiquierter Technik dort die über 100 Jahre alte Dampfmaschine genauestens unter die Lupe nahmen.

Messerschmitts Schneewittchensarg, die Knutschkugel Isetta von BMW oder der legendäre Leukoplastbomber von Lloyd: Das was dort auf zwei, drei und vier Rädern unterwegs war, repräsentierte eine kurze, aber umso prägnantere Episode der automobilhistorischen und gesellschaftlichen Nachkriegszeit. „Das unmittelbar nach der Kapitulation herrschende Vakuum in allen Bereichen des Lebens war überwunden, der erhardsche Wirtschaftsboom hatte sich noch nicht in vollem Umfang entfaltet“, erklärt Hans-Jürgen Kern, der selber ein Goggomobil besitzt, diese Epoche. „Die Menschen waren froh, wenn sie mit einem Roller, Moped oder einem Kleinstwagen ein Stück Mobilität hatten. Ein VW Käfer war in den frühen 50ern für die breite Masse kaum erschwinglich, Mittelklasseautos gar utopisch.“

Unter den Zweirädern dominieren die Roller vom Flugzeugbauer Heinkel

Doch hatten sich auch einige Kleinwagen jüngeren Datums unter die Flotte gemischt. Zwei bildhübsche BMW 700 beispielsweise und nicht minder attraktiv, aber hierzulande deutlich seltener: ein feuerrotes Autobianchi Bianchina Cabriolet. Die französische Trikolore wurde von einem Citroën 2CV, einem R4 und einem 4CV aus dem Hause Renault hochgehalten. Youngtimer-Freunde freuten sich über ein 66er Coupé von DAF, dem einzigen Automobil-Hersteller in den Niederlanden.

Unter den Zweirädern dominierten unübersehbar die Motorroller der Marke Heinkel. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sich die ehemaligen Flugzeugbauer ein neues Betätigungsfeld suchen, fanden dies in dem Zweiradsektor. Von 1953 bis 1965 entstanden mehr als 160.000 Exemplare des Motorrollers Heinkel Tourist, angetrieben übrigens von einem Viertaktmotor.

Heinz Timmermann aus Ganderkesee besitzt seit 35 Jahren einen A 103 A1 mit 9,2 PS aus einem Hubraum von 174 Kubikzentimetern. Das langt in der Spitze für 95 Sachen. „Den hat mein Bruder seinerzeit in Zahlung genommen, wollte ihn restaurieren, aber seine Frau war dagegen“, blickt der 71-Jährige lächelnd zurück. „Da habe ich den Roller für kleines Geld, aber mit TÜV-Siegel übernommen.“ Schrittweise hat er seinen Heinkel Tourist in den vergangenen drei Jahrzehnten technisch und optisch in einen Topzustand versetzt. 

Besonders stolz ist er auf den seltenen und zudem äußerst praktischen Campinganhänger. Der wurde einst in der Tschechei hergestellt. Die Zulassung und das Eintragen der Anhängerkupplung stellten eine erhebliche behördliche Hürde dar, die aber schließlich gemeistert wurde. In aller Regelmäßigkeit unternimmt Heinz Timmermann gemeinsam mit Ehefrau Edda mehrtägige Urlaubsreisen mit dem Heinkel-Gespann.

Hingucker und Bremsklotz

Ein ausgesprochener Exot ist der Lloyd LP 250 von Heinrich Wilkens aus Engeln. Zwar war diese – mit dem Leukoplastbomber beginnende und dem Alexander endende – Baureihe des Bremer Borgward-Konzerns mit mehr als 300.000 verkauften Kleinstwagen äußerst erfolgreich, vom LP 250 mit seinen knapp bemessenen elf PS verließen jedoch innerhalb von 15 Monaten nur 3768 Exemplare die Werkshallen in der Bremer Neustadt. „Die Basisversion war äußerst spartanisch ausgestattet und das Modell richtete sich damals an Käufer, die den kleinen Führerschein Klasse IV für maximal 250 Kubikzentimeter hatten“, weiß der 61-Jährige. „Mein kleiner Zweitakter kam 1957 als Neuwagen nach Engeln. Ich habe ihn 1978 vom Erstbesitzer gekauft und mir mit der Restaurierung zehn Jahre Zeit gelassen. Er ist ein Stück Dorfgeschichte bei uns.“

Kleinwagentreffen in Gandesbergen

Ausgeliefert wurde der LP 250 für knapp 3000 D-Mark ohne Radkappen, Stoßstangen, Dachhimmel und Rücksitzbank. Nach der Komplettrestaurierung hat ihm Heinrich Wilkens alles gegönnt, was der Zubehörmarkt zu bieten hatte. Viel Chrom, außen eine Sonnenschutzblende, ein zeitgenössisches Radio …

Nach zwei Kolbenfressern hat er die Kühlung modifiziert und ein MZ-Vergaser sorgt nun für eine optimale Kraftstoff-Öl-Mischung.

Vor allem auf Kleiwagentreffen zeigt der oldtimerbegeisterte Landwirt Flagge. Bei Ausfahrten im Konvoi mit normalen Oldies wird er hingegen schnell zum Bremsklotz, sagt er: „Schon mit einem Käfer kann der Lloyd nicht mithalten. Bei 75 auf dem Tacho ist Schluss, aber bereits ab 60 Klamotten wird es laut und ungemütlich. Der Lütte ist halt ein Kind seiner Zeit.“

Quelle: kreiszeitung.de

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