Briefe nach Puerto Rico

Heimatverein Eystrup präsentiert Buch mit Schreiben von Tante Hannchen

Die Buchpräsentation: Gerhard Grönke, Dr. Maria Klein und Horst Müller-Kuntzer (rechts) zeigen das fertige Werk und die dazugehörige Vorlage.
+
Die Buchpräsentation: Gerhard Grönke, Dr. Maria Klein und Horst Müller-Kuntzer (rechts) zeigen das fertige Werk und die dazugehörige Vorlage.

Eystrup – Anfänglich war Horst Müller-Kuntzer, Vorstandsmitglied des Heimatvereins Eystrup, noch skeptisch. Dr. Maria Klein, die Besitzerin der Villa Strube in Eystrup, übergab ihm anlässlich eines Vortrages über die Arbeit der Geschichtswerkstatt eine Mappe. In ihr waren Abschriften von mehr als 100 Briefen. Horst Müller-Kuntzer schaute sie sich an. Diese Briefe gibt es jetzt in Buchform editiert.

Wie er bei der Präsentation des Buches verriet, habe er zunächst befürchtet, dass die Korrespondenz eher langweilig und uninteressant sei. Zu Unrecht, denn seine Begeisterung sei vielmehr beim Lesen von Brief zu Brief gewachsen.

Doch der Reihe nach: Die Verfasserin der in schönstem Sütterlin geschriebenen Briefe war die in der Familie der Bremer Kaufleute und Bankiers Schröder liebevoll „Tante Hannchen“ genannte Johanne Knippenberg (1818-1911). Adressat war ihr Lieblingsneffe Jules Schröder (1853-1908), der nach Jurastudium und Promotion zehn Jahre als Rechtsanwalt auf der Karibikinsel Puerto Rico tätig war. Tante Hannchen, eine Verwandte von Dr. Maria Klein, war die Schwägerin des wohlhabenden Bankiers und Kaufmanns August Schröder (1820-1899). Im Jahr 1863 hatte er für seine Familie von Hauptmann August von Hugo das Eystruper Rittergut nebst Ländereien gekauft und das zum Gut gehörende Jagdhaus in eine Villa umbauen lassen. Als bereits ein Jahr später seine Frau Dorothee Maria geb. Knippenberg, Mutter von sieben Kindern im Alter zwischen drei und 17 Jahren, starb, übernahm deren ältere Schwester Johanne mit großer Liebe die Erziehung der Kinder und die Verwaltung der Villa.

Tante Hannchen berichtete in ihren Briefen an Jules Schröder über freudige Ereignisse, Feiern, Feste, Hochzeiten und Geburten. Sie schrieb aber auch über Ängste und Sorgen, die Gesundheit, die medizinische Versorgung und nicht zuletzt über traurige Ereignisse bei Familienmitgliedern und Freunden.

Nach dem 1882 erfolgten Zusammenbruch des von August Schröder geführten Handelshauses wurde die drohende Zwangsversteigerung der Villa in Eystrup sowie deren Rettung und der damit verbundene Übergang in den Besitz der Familie Strube ebenso thematisiert, wie ihre eigenen Bemühungen, Jules und dessen Bruder Victor erfolgreich zu Ehepartnerinnen zu verhelfen.

Horst Müller-Kuntzer hat die später mittels Schreibmaschine transkribierten Briefe für den Heimatverein digitalisiert und archiviert. Anschließend wandte er sich an Dr. Fritz Lohmann aus Bergisch Gladbach, einem Ur-Urenkel von August Schröder, von dem er zuvor schon wichtige Informationen zur Historie der Familie Strube und deren Eystruper Villa erhalten hatte. Gemeinsam mit Wolfgang Rodewald, ebenfalls Ur-Urenkel von August Schröder, einigte man sich schnell darauf, diese wertvollen Zeitdokumente in Buchform drucken zu lassen.

Zum besseren Verständnis der geschichtlichen Zusammenhänge und der in den Briefen genannten Personen fügte Dr. Lohmann erläuternde Kapitel sowie Fotos und Bilder hinzu, während Wolfgang Rodewald ein ausführliches Namens- und Ortsregister anfertigte.

Tante Hannchens Briefe sind nicht ausschließlich an Jules Schröder gerichtet, sondern vereinzelt auch an dessen Ehefrau Coralie sowie die Brüder Victor und Friedrich Schröder. Sie enthalten zahlreiche Hinweise auf Kontakte zu traditionsreichen Bremer Kaufmannsfamilien. Mit ihren umfangreichen Schilderungen von Ereignissen und Eindrücken erlauben die Briefe einen exemplarischen Einblick in das Leben der großbürgerlichen Gesellschaft in Eystrup und Bremen in der Zeit von 1878 bis 1888. Diese Zeit fällt in eine Epoche der deutschen Geschichte, die wegen zahlloser neu entstandener Unternehmen, Vereine und Einrichtungen auch als Gründerzeit bezeichnet wird.

Beim Lesen dieser Briefe wird deutlich, mit welchen Beschwerlichkeiten früher besonders das Reisen verbunden gewesen sein muss. Von Tante Hannchen ist überliefert, dass sie die Eisenbahn ablehnte und stets nur per Kutsche zwischen Bremen und Eystrup verkehrte. Die Briefe stellen ohne Zweifel nicht nur für die Eystruper Lokalgeschichtsforschung eine bedeutende Quelle dar – als zeitgeschichtliche Dokumente sind sie eine spannende und lesenswerte Lektüre.

Das Buch

Das Buch „Briefe von Tante Hannchen nach Puerto Rico“ ist 352 Seiten stark. Es ist im Eigenverlag erschienen und kann zum Preis von 19,50 Euro bezogen werden. Der Kauf ist ausschließlich über den Heimatverein Eystrup unter Telefon 04254 / 8440 oder per E-Mail an info@heimatverein-eystrup.de möglich.

Von Uwe Campe

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Reisen

Der Bayerische Wald wird 50

Der Bayerische Wald wird 50
Reisen

Polens fleischlose Küche entdecken

Polens fleischlose Küche entdecken
Wohnen

Warum Gänseblümchen so robust sind

Warum Gänseblümchen so robust sind
Nienburg

Das große Sommergewinnspiel: Alle Fotos

Das große Sommergewinnspiel: Alle Fotos

Meistgelesene Artikel

Lesen mit Fingerspitzengefühl

Lesen mit Fingerspitzengefühl

Unfall in Hoysinghausen fordert drei Verletzte

Unfall in Hoysinghausen fordert drei Verletzte

Oyle: Strohpresse und Stoppelfeld geraten in Brand

Oyle: Strohpresse und Stoppelfeld geraten in Brand

Polizei stoppt Fahrradfahrer mit 2,27 Promille

Polizei stoppt Fahrradfahrer mit 2,27 Promille

Kommentare