Diskussionsrunde geht in die Tiefe

Nitrat im Grundwasser: eine tickende Zeitbombe?

Diskutierten: Stefan Schumacher, Hans Kaufmann und Franz Jansen-Minßen (von links). - Foto: Marion Thiermann

Hoya - Von Marion Thiermann. Man sieht sie in diesen Tagen wieder vermehrt fahren: die Güllewagen. Viele Bürger machen sich Sorgen wegen zu viel Gülle auf Äckern und Nitrat im Trinkwasser.

38 interessierte Gäste, unter ihnen auch einige Landwirte, verfolgten am Donnerstagabend eine Veranstaltung der Volkshochschule Nienburg im „Lindenhof“ in Hoya zum Thema „Nitrat“. Es sprachen der Grünen-Kommunalpolitiker Hans Kaufmann aus Dedendorf, Ökolandwirt Stefan Schumacher aus Emtinghausen und Franz Jansen-Minßen, Chef der neuen Düngebehörde in Niedersachsen.

Die Düngebehörde wurde 2017 gegründet. Das Land, in dem 37 800 Agrarbetriebe existieren, hat 2,34 Millionen Euro dafür ausgegeben und 16 neue Stellen geschaffen. Insgesamt gibt es in der Behörde 55 Stellen.

Das sagt der Grünenpolitiker

Seit 2017 gibt es in Deutschland eine neue Düngeverordnung. Die EU-Kommission hatte die Bundesrepublik im Vorfeld verklagt. „Ohne diese Klage hätten wir die neuen Düngegesetze nicht“, sagte Kaufmann. Er berichtete, dass alle vier Jahre die Nitratwerte im Grundwasser ermittelt werden. Der Maximalwert von 50 Milligramm pro Liter (mg/l) darf nicht überschritten werden. Dennoch passiert genau das vielerorts in Niedersachsen, sagte Kaufmann. Das geht aus Brunnenwasser-Untersuchungen des Vereins zum Schutze des Rheins und seiner Nebenflüsse (meistens VSR-Gewässerschutz genannt) hervor. Er hat in Uchte sogar 400 mg/l Nitrat im oberflächennahem Wasser festgestellt.

Trinkwasserbrunnen liegen oft in einer Tiefe von 150 bis 180 Metern. Oberflächenwasser braucht 60 Jahre, um bis in diese Tiefe abzusickern. Wasserwerke haben laut Kaufmann Alarm geschlagen, weil sie befürchten, dass die Nitratbelastung bis in die zur Trinkwassererzeugung genutzten Grundwasserschichten durchdringt. Damit dies dauerhaft nicht geschieht, wäre eine Reduzierung von 66 bis 85 Prozent von Gülle und Dünger im Landkreis Nienburg nötig.

An dieser Stelle warf einer der Gäste, ein Vorstandsmitglied des Nienburger Wasserwerks, ein: „Wir haben das sauberste Trinkwasser im Landkreis Nienburg.“ Und auch für die Samtgemeinde Grafschaft Hoya gilt die Nitratproblematik nicht, wie Samtgemeindebürgermeister Detlef Meyer, der die anschließende Diskussionsrunde moderierte, erläuterte. „Die Samtgemeinde hat seit 60 Jahren eine eigene Wasserversorgung, rund um das Wasserwerk ist Schutzgebiet, und das Hoyaer Wasser hat nur einen Nitratgehalt von 1,7 mg/l, also eine hervorragende Wasserqualität“, sagte er.

Hans Kaufmann berichtete daraufhin aus Dänemark, was von der Fläche her mit Niedersachsen vergleichbar sei. Dort sei zuletzt die Stickstoffdüngung um 50 und die Phosphordüngung um 80 Prozent reduziert worden. „Je jünger das Grundwasser ist, desto weniger Nitrat ist dort vorhanden, was zeigt, dass das Programm etwas bringt“, sagte er und ergänzte: „Die Ernteerträge sind dabei gleich geblieben“.

Das sagt der Behördenvertreter

„Alle wollen sauberes Wasser haben, auch die Landwirte“, sagte Franz Jansen-Minßen in seinem Vortrag. Er befasst sich seit 40 Jahren mit der Thematik. Bevor er sein aktuelles Amt antrat, hat er sich bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen als Fachbereichsleiter um Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft gekümmert.

Franz Jansen-Minßen bestätigte dass der Nitratwert vielerorts im Grundwasser, also noch nicht im Trinkwasser, überschritten wird und eine Reduzierung von 70 000 bis 80 000 Tonnen an Stickstoffdünger nötig sei. Zurzeit ermitteln die Landkreise die Nitrat- und Phosphorgehalte und beraten in runden Tischen darüber.

Die Frage, ob die Landwirtschaft etwas falsch gemacht hat, beantwortete Franz Jansen-Minßen mit „Nein“. Denn nach altem Düngerecht war alles in Ordnung. Nach neuem Düngerecht aber ist eine Reduzierung der Düngung von etwa 30 Kilogramm pro Hektar nötig, das bedeutet im Schnitt eine Reduzierung um 18 Prozent.

Die Landwirtschaft stehe vor einem riesigen Transformationsprozess, denn es gelten neue Spielregeln:

– Absenkung der Kontrollwerte für Stickstoff und Phosphor,

– eine intensive Beratung der Landwirte zum Beispiel durch die Landwirtschaftskammer, das Landvolk oder Wasserberater und

– größere Überwachung, die Landwirte müssen Buch führen, welche Düngemittel mit welchen Werten auf welchen Flächen aufgebracht wurden, und

– es wird Dünge-Sperrfristen geben, zum Beispiel nach der Ernte der Hauptfrucht.

Das sagt der Ökolandwirt

Ökolandwirt Stefan Schumacher betreibt seit 1990 einen Familienbetrieb in Emtinghausen, den er auf Bio umgestellt hat, nachdem er in seiner Lehrzeit merkte, dass alternative Wirtschaftsmethoden besser seien. Wenn er sehe, wie in seiner Lehrzeit Gülle ausgebracht wurde, wundere er sich nicht über das Nitratproblem, sagte Schumacher. Dennoch: Gülle ist in seinen Augen ein guter Wirtschaftsdünger und „viel besser als Mineraldünger“.

Schumacher setzt auf Zwischenfruchtanbau und verzichtet auf intensive Tierhaltung. Konventionelle Großbetriebe hingegen produzieren meist nur zwei Produkte und diese in Massen, sagte er.

„Alles wird teurer, auch Lebensmittel, ich stehe seit 20 Jahren mit meinem Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt, ich kriege aber seit 20 Jahren nicht mehr Geld, bei den Landwirten kommt von den höheren Preisen nichts an“, kritisierte er.

An dieser Stelle fügte Franz Jansen-Minßen ein: „Wasserschutz ist auch Bauernschutz, aber Gesetzesverschärfungen bedeuten auch immer einen höheren Kostenfaktor. Dennoch muss jetzt gehandelt werden. In ein paar Jahren könnte das Trinkwasser bedenklich werden“.

Die Diskussion

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden der Landwirtschaft teilweise herbe Vorwürfe gemacht. Gülletransporter würden „heimlich“ nachts fahren, sagte ein Besucher der Veranstaltung. „Das ist kein heimliches Fahren, die müssen rund um die Uhr fahren, wie jeder Güterverkehr“, konterte ein weiterer. Gülletourismus diene dem Ausgleich zwischen den Regionen mit intensiver Tierhaltung und denen mit weniger intensiver, hieß es.

Ein Landwirt merkte an, dass er auf Stickstoffdünger gänzlich verzichtet und sein Gras trotzdem Stickstoff erhält, denn dieser kommt auch aus der Luft. Dem stimmte Franz Jansen-Minßen zu.

Ein anderer Landwirt äußerte seinen Unmut so: „Früher konnte man von einem Betrieb mit 30 bis 40 Hektar gut leben, heute kann man mit 100 bis 150 Hektar eine Familie nicht mehr ernähren. Uns werden immer mehr Steine in den Weg gelegt, und wir werden dann auch noch als Buhmänner hingestellt.“ Auch hier bestätigte Jansen-Minßen: „Die Anforderungen an die Landwirtschaft sind stetig gestiegen“, was auch ein Grund für die Aufgabe kleinerer Betriebe sei.

Abschließend sagte Detlef Meyer: „Wir haben einen Bodenschatz: unser Trinkwasser. Es lohnt nicht, einen ganzen Berufsstand anzuklagen. Sie haben nichts Unrechtes getan, man muss auch mit Respekt und Würdigung sehen, was die Landwirte leisten.“

Detlef Meyer lud die Anwesenden für Sonntag, 6. Mai, ins Hoyaer Wasserwerk ein, wo bei einem Tag der offenen Tür unter anderem die neue Filteranlage vorgestellt wird, deren Bau nötig war, weil das geförderte Grundwasser Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln enthält.

Quelle: kreiszeitung.de

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