Früh die Zeichen der Zeit erkannt

HSG Nienburg zählt zu den größten Handballvereinen in Niedersachsen: Malte Grabisch im Interview

Mann im roten Handballtrikot
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Trotz seiner 1,84 war Malte Grabisch (31) für den Profi Handball wohl zu klein

Nienburg - Der Handballsport genießt im Kreis Nienburg ein hohes Ansehen. Großen Anteil daran hat die HSG Nienburg. Der Blickpunkt stellte HSG-Handballer Malte Grabisch elf Fragen.

Der Handballsport genießt im Kreis Nienburg ein hohes Ansehen. Großen Anteil daran hat die HSG Nienburg. Man hat bereits 2003 die Zeichen der Zeit erkannt und eine Spielgemeinschaft gebildet. Mittlerweile gehören der HSG der SV Erichshagen, SV Heemsen, Holtorfer SV, SCB Langendamm, JG Oyle und last but not least SV Aue Liebenau an.

Mit 19 gemeldeten Mannschaften startete die HSG 2020 in die Saison. Damit zählt der Verein zu den größten Handballvereinen in Niedersachsen. In der Meerbachhalle drängeln sich normalerweise mehr als 300 Zuschauer auf die Tribüne und machen selbige zum Hexenkessel. Damit übertrifft man also locker den qualitativ etwas kränkelnden Fußball in Nienburg. Da sollten sich die Nienburger Fußballer dringend etwas in Sachen Spielgemeinschaft von der HSG abschauen.

Fusion war richtige Entscheidung

2015 erreichte die HSG sogar den Meistertitel der Oberliga und 2018 schaffte die A-Juniorinnen den Sprung in die erste Bundesliga. Der Handball-Fan hat sich verwundert die Augen gerieben, als ausgerechnet der ehemalige Erzrivale SV Aue Liebenau als letztes Mitglied mit der HSG Nienburg fusionierte. Aues Spartenleiter Horst Grabisch hat dafür nicht nur Lob aus den eigenen Reihen bekommen. Aber nach dreieinhalb tollen Jahren kann man nun sagen, dass die Entscheidung goldrichtig war.

Der Name Grabisch ist ein Markenzeichen in der Handballszene. Horst und Ralf Grabisch haben in den 80er mit Aue für Furore gesorgt, als sie mit Aue an die Tür zum Profi-Handball in der dritthöchsten Liga Deutschlands klopften. Lennart Grabisch stand bis zu seinem Kreuzbandriss für die Aue Liebenau Erfolgsstory. Wencke Grabisch ist unangefochtene Leaderin bei den HSG-Oberliga-Damen und Malte Grabisch ist Top Scorer beim Premium Produkt HSG 1 in der Oberliga.

Elf Fragen an Malte Grabisch

Als Kind wolltest du sicher Handball-Profi werden. Gab es einen Zeitpunkt, an dem Du diesen Traum abgehakt hast?

Ob es den Traum wirklich gegeben hat, kann ich gar nicht so richtig sagen. Abgehakt habe ich ihn sicherlich relativ früh, da es niemals wirklich Ambitionen gab Profi-Handballer zu werden, dafür fehlten mir wohl auch so 10 bis 15 Zentimeter in der Größe. Die dritte Liga hat mich schon gereizt, aber dazu ist es aus verschiedensten Gründen leider nicht gekommen.

Die HSG fusioniert mit dem SV Aue Liebenau. Was hast du gedacht, als du das zum ersten mal gehört hast?

Die Tradition geht zu Ende. Mir sind direkt die absolut außergewöhnlichen Jahre durch den Kopf gegangen, die ich mit meiner Mannschaft erleben durfte. Natürlich war mir aber auch relativ schnell klar, dass diese Entscheidung die richtige ist und sich völlig neue Möglichkeiten ergeben.

Wie hast du die Zeit erlebt, als der kleine SV Aue Liebenau ganz Niedersachsen aufgemischt hat?

Das war einfach eine unbeschreibliche Zeit. Als 18-Jähriger durfte ich die ersten beiden Derbys auf der Platte erleben. Dann kamen die beiden Aufstiege in zwei Jahren unter Volker Kauffeldt. In der Oberliga habe ich unter Ingmar Steins sehr viel gelernt. Jedes Heimspiel wurde zum Erlebnis. Die Fans waren zu der Zeit einfach unfassbar genial, die After-Show-Partys in unserer Vereinsgaststätte Sieling nicht zu vergessen. Das alles mit so einer homogenen Truppe, Seite an Seite mit meinem Bruder Lennart zu erleben, war einfach eine total geile Zeit, die ich in keinster Weise missen möchte.

Nach der Fusion sollte der Kern der Liebenauer Mannschaft und auch du die Zweite Herren bilden. Nach kurzer Zeit war aber klar, dass du aufrückst. Mittlerweile trainiert ihr auch gelegentlich zusammen. Ist die Fusion bei allen angekommen oder gibt es hier und da noch Rivalitäten?

Klar gibt es hier und da noch den einen oder anderen Spruch, aber alles auf eine Art und Weise die vollkommen in Ordnung ist. Seit dem Steffen Kaatze aufgehört hat, gibt es leider auch keinen mehr in der Truppe, dem ich vorhalten kann, dass Aue mehr Derbys gewonnen hat. Ich glaube jedes Vereinsmitglied hat mittlerweile verstanden, dass diese Entscheidung am Ende die richtige war. Natürlich blickt man manchmal noch wehmütig zurück, aber das gehört bei so einer unglaublichen Zeit, die wir in Liebenau erlebt haben, einfach dazu.

Die Frauen spielen Oberliga und die Zweite Herren spielen in der Verbandsliga. Wie ist die Heimspiel-Aufteilung bei 19 Teams, was den Spielort Nienburg oder Liebenau angeht?

Wir als Erste Herren spielen komplett in der Meerbachhalle in Nienburg. Die Zweite Herren und die Erste Damen tragen ihre Heimspiele hauptsächlich in Liebenau aus. Ab und an waren Doppelspieltage in der Meerbachhalle geplant, an denen vor uns entweder die erste Damen oder die Zweite Herren spielt. Corona hat uns da aber leider einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Rookies, wie Paul Hildebrandt und Finn Kühlke sind gut angekommen in der Oberliga. Siehst du auch junge Spieler, wie zum Beispiel Lars Raschke in der Zweiten, die auf dem Sprung sind oder ist die Lücke da noch zu groß?

Wir sind im Herrenbereich in einer absoluten Luxussituation, dass die Zweite Herren nur eine Liga unter uns spielt. Dadurch wird es für junge Spieler deutlich einfacher, den Sprung zu schaffen. Wir haben einige Spieler in der Zweiten Herren, die in meinen Augen das Potenzial haben, den Sprung in die Oberliga zu schaffen. In denvergangenenen zwei Jahren habe ich unsere Oberliga-A-Jugend trainiert und bin überzeugt davon, dass einige von den Jungs noch gar nicht wissen, was in ihnen steckt. Wenn man bereit ist, seinen eigenen Schweinehund zu überwinden und auch mal zurückzustecken, ist vieles möglich. Wir sind in Nienburg aber ganz klar auf unsere Eigengewächse angewiesen. Deswegen wird jedem der jungen Spieler bei uns eine Möglichkeit gegeben. An dieser Stelle über Namen zu sprechen, fällt mir schwer, da wir einfach so viele junge gute Spieler haben. Bei einem bin ich aber zu 100 Prozent überzeugt, dass er uns in den nächsten Jahren viel Freude bereiten wird, und das ist unser Nachwuchstorwart Ludwig Meierhans.

Anfang dieser Saison warst du an der rechten Schulter verletzt. Trotzdem hast du mit Abstand die meisten Tore erzielt. Konntest du die aktuelle Situation nutzen, um das völlig auszukurieren?

Meine rechte Schulter macht mir vermutlich schon mehr als fünf Jahre Probleme. Ich habe aber für mich einen Mittelweg gefunden, bei dem ich schmerzfrei trainieren und spielen kann. Solange die Schulter mir im Alltag keine Probleme macht, werde ich auch den Teufel tun und mich unter das Messer legen. Man weiß am Ende nie, was dabei rumkommt. Natürlich hilft die aktuelle Situation meiner Schulter mal wieder Ruhe zu gönnen. Ich muss aber jede Woche etwas für meine Schulter machen. Leider momentan zu Hause auf der Fitnessmatte.

Vor fünf Jahren wurde die HSG Meister der Oberliga. Trotz vieler Sponsoren konnte und wollte der Verein eine sechsstellige Summe nicht aufbringen, um in der nächsthöheren Liga zu spielen. Man verzichtete auf den Aufstieg. Eigentlich traurig aber richtig?

Da wir damals noch keine Spielgemeinschaft waren, kann ich die Situation nur schlecht beurteilen. Als Sportler will man natürlich nach so einer Saison sportlich den nächsten Schritt gehen, aber ich habe großen Respekt vor dieser wahrscheinlich wirtschaftlich richtigen Entscheidung.

Altbundeskanzler Schröder nannte man auf dem Fußballplatz „Acker“. Auf der Platte hast du den Spitznamen „Traktor“. Siehst du Parallelen zwischen Gerhard Schröder und Malte Grabisch?

Nein, Parallelen zu Gerhard Schröder sehe ich nun wahrlich nicht. Den Spitznamen habe ich Christian Tonn zu verdanken, der die Meinung vertreten hat, dass meine Spielweise doch sehr stark derer vom dänischen Nationalspieler Joachim „Traktor“ Boldsen ähnelt. Boldsen ist meist völlig ohne Kompromisse mit allem, was er hatte, in die Abwehr gegangen und hat dort mit seinen 100 Kilo oft einen gepflügten Acker hinterlassen. Damals war es natürlich etwas ungewohnt, den Spitznamen zu tragen, mittlerweile gehört es für mich schon irgendwie dazu.

Aktuell findet die Frauenhandball-EM statt. Im Januar soll die Herren-WM in Ägypten starten. Wegen familiärer Sorgen haben Hendrik Pekeler, Steffen Weinhold und Finn Lemke bereits abgesagt. Würdest du auch absagen?

Ich bin überrascht, dass die Frauen-EM bisher ohne größere Zwischenfälle abgehalten wird und ziehe vor den Sportlerinnen meinen Hut. Da es für mich die erste WM und die ersten Spiele in der Nationalmannschaft wären, würde ich vermutlich nicht absagen. Ich kann die Beweggründe der Nationalspieler aber komplett nachvollziehen und finde es höchst kritisch in der momentanen Phase, so ein Turnier abzuhalten. Leider steht in der heutigen Zeit im Spitzensport oft das Geld im Vordergrund und nicht die Gesundheit der Sportler. Allein, dass WM und EM im Handball alle zwei Jahre ausgerichtet werden, ist schon der Wahnsinn. Zieht man noch die Olympischen Sommerspiele dazu, bestreiten die Spitzenspieler fünf große Turniere in vier Jahren. Da braucht man kein Handballexperte zu sein, um festzustellen, dass dies bei unserem kraftintensiven und zweikampfgeprägten Sport meist kein gutes Ende nimmt.

Der Handball-Verband Niedersachsen hat einige Szenarios mit den Vereinen erörtert. Was denkst du, wie es weitergeht?

Wenn ich das wüsste, müsste ich wahrscheinlich Lotto spielen. In meinen Augen kann die Saison nicht mehr zu Ende gebracht werden. Es wäre auch das falsche Signal, jetzt mit aller Macht zu versuchen, die Saison irgendwie zu Ende zu bringen. Ich würde mir wünschen, dass wir im Sommer mit einer neuen Saison beginnen und endlich wieder mit Zuschauern spielen dürfen. Immer vorausgesetzt natürlich, dass die Pandemie es zulässt. Aber Handball ohne Zuschauer macht einfach nur halb so viel Spaß.

Die Fragen stellte Maik Hoffmeyer.

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