Fragebogen soll Stimmungsbild der Bürger ermitteln

Initiativkreis will  Wissensburg in Nienburg stoppen

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Die Gegenwart: 70-er Jahre Waschbetoncharme prägen die Fassade der sanierungsbedürftigen Immobilie in der Langen Straße derzeit.

Nienburg - von Leif Rullhusen. Der „Initiativkreis Wissensburg“ ist neu, seine Forderung dagegen alt. Die neunköpfige Gruppe um die Nienburger Gerd Claußen und Dieter Böttcher will das von der Stadt geplante Projekt „Wissensburg“ stoppen.

Mit einem Fragebogen möchte der Initiativkreis jetzt ein Stimmungsbild der Bevölkerung einfangen. Seiner Ansicht nach sind die Kosten für den Bau angesichts der städtischen Haushaltslage zu hoch.

Die Wissensburg soll gegenüber dem Nienburger Rathaus an der Langen Straße entstehen und nach ihrer Fertigstellung unter ihrem Dach die Stadtbibliothek sowie das Stadt- und Kreisarchiv beherbergen. Das Investitionsvolumen beziffert die Stadt auf 10,6 Millionen Euro. Der Initiativkreis geht von 14 Millionen aus.

Zwei Drittel der förderfähigen Summe könnten aus Landes- und Bundestöpfen fließen. Einen entsprechenden Antrag im Rahmen des Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzeptes (ISEK) hat die Stadt gestellt. Die Wissensburg ist ein zentraler Bestandteil darin.

Zu teuer lautet die Kritik des Initiativkreises – trotz Aussicht auf Fördermittel in Höhe von mehreren Millionen Euro. Der Kreis fordert statt eines zentralen Standortes in der Stadt für den Archivneubau aus Kostengründen einen auf „der grünen Wiese“ zu suchen. Damit greifen die Initiatoren eine alte Idee auf. Gleiches forderte bereits im Sommer 2016 die damalige CDU-FDP-Gruppe in einem Ratsantrag. Die Unabhängige Liste Nienburg (ULN) konnte sich sogar einen Verbleib im Posthof vorstellen. „Wir möchten die Bibliothek an Ort und Stelle lassen“, erklärte deren damaliger Fraktionsvorsitzender Dietmar Thomsik gegenüber dem Blickpunkt. Man könne den Posthof sanieren und unter Denkmalschutzgesichtspunkten um einen modernen Anbau erweitern, schlug Thomsik vor. Trotz ULN-Unterstützung scheiterte der Antrag am Widerstand von Grünen und Sozialdemokraten.

Nun hat der „Initiativkreis Wissensburg“ speziell die Thomsik-Idee wieder hervorgeholt. Er will den Posthof bei entsprechender Sanierung als Stadtbibliothek erhalten. Dieser soll um einen im Stil angepassten Anbau bedarfsgerecht erweitert werden. Das Archiv soll in eine Bestandsimmobilie oder einen Neubau umziehen. Ein passendes Grundstück hat der Initiativkreis für diesen Fall auch schon im Visier: Das stadteigene Areal am Meerbachbogen, auf dem die Obdachlosenunterkunft entstehen soll, könnte sich diese mit dem Archiv teilen. Der Verkauf der somit nicht benötigten stadteigenen Immobilie in Nienburgs Fußgängerzone soll zudem Geld in die Stadtkasse spülen. Auf diese Weise – davon ist der Initiativkreis überzeugt – ließen sich einschließlich geringerer Zinsbelastung in den Folgejahren rund 9 Millionen Euro einsparen.

Die Zukunft: Die Wissensburg soll nach ihrer Fertigstellung Bibliothek sowie Stadt- und Kreisarchiv unter ihrem Dach vereinen.

Es ließe sich mit einer solchen Lösung tatsächlich Geld einsparen, bestätigt Wolfgang Lange, Leiter des verantwortlichen Fachbereichs Kultur. Das sei aber nicht der entscheidende Punkt. „Die Stadtgeschichte und damit das Stadtarchiv gehören in die Stadt“, ist Lange überzeugt. Zudem sei die Wissensburg als zentraler, sozialer Begegnungspunkt geplant und als solcher auch wichtiger Bestandteil in dem Antrag auf Fördermittel aus dem ISEK-Programm. Da auch das Kulturbüro in die Wissensburg umziehen wird, rechnet er zudem mit Synergien für Verwaltung und Publikum. „Wir möchten, dass sich die Menschen in der Innenstadt in Ruhe treffen können, ohne etwas verzehren zu müssen“, erklärt Lange weiter.

Auch hält er das Einsparvolumen von 9 Millionen Euro für zu hoch angesetzt. Es sei zwar richtig, dass die Investitionssumme von 10,6 Millionen Euro nicht auf aktuellen Zahlen beruhe, aber 14 Millionen werde die Wissensburg nicht kosten. Weitere unbekannte Größen in der Kalkulation des Initiativkreises: Für den Neubau eines Stadt- und Kreisarchives sind nur 2 Millionen Euro eingeplant und ein Investor müsste bereit sein, für die sanierungsbedürftige Immobilie in der Innenstadt 1,1 Millionen Euro zu zahlen.

Um das Projekt Wissensburg noch zu stoppen, hat der „Initiativkreis Wissensburg“ nun eine Befragung der Nienburger Bürger initiiert. Auf den entsprechenden Fragebögen, die unter anderem vor der Schüsselzentrale Kalusche in der Langen Straße ausliegen, können sie sich für oder gegen den Bau der Wissenburg entscheiden. Für die ausgefüllten Bögen steht dort ebenfalls ein Briefkasten bereit. Zudem könne man die ausgefüllten Zettel auch einscannen und per E-Mail an wissensburg@gmx.de senden, erklärt Initiator Gerd Claußen. Sollte sich die Vermutung des „Initiavkreises Wissensburg“ bestätigen und ein Großteil die Wissensburg ablehnen, will er womöglich ein Bürgerbegehren in die Wege leiten.

Nienburgs Bürgermeister Henning Onkes wird indes an einer anderen Stelle ordentlich die Werbetrommel für die Wissensburg, beziehungsweise den Antrag auf Aufnahme in das ISEK-Förderprogramm zur Sanierung der Innenstadt rühren. In einer guten Woche, am 3. Dezember, besucht eine Prüfkommission des Landes Niedersachsen die Stadt Nienburg.

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