„Inklusion klappt – sofern Wille und Geld da sind“ 

Neuer Beirat für Menschen mit Behinderung hat viel vor

Schulbegleiter unterstützen Kinder mit Behinderung im Schulalltag. Problemantisch wird es, wenn die Anträge dafür nicht schnell genug bearbeitet werden. - Foto: Imago

Landkreis Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Die Mutter ist verzweifelt. Ihr Sohn, der eine Behinderung hat, soll nach den Ferien in eine Klasse mit nichtbehinderten Jugendlichen kommen. Doch auf ihren Antrag auf eine Schulbegleitung für ihr Kind bekommt sie einfach keine Antwort. Der erste Schultag rückt näher und wenn sich nicht rasch etwas tut, muss ihr Sohn ohne die Unterstüztung seine erste Zeit in der neuen Klasse meistern. Eine Belastung für den Jungen, die Lehrer, die Mitschüler.

Situationen wie diese sind nicht selten, weiß Iris Wesling vom Beirat für Menschen mit Behinderung im Landkreis Nienburg. Dieser hat sich mit dem neuen Kreistag ebenfalls neu zusammengefunden, denn die sieben Mitglieder werden immer für fünf Jahre vom Kreistag gewählt. Jahrelang hat Helmut Ebeling dem Beirat vorgesessen, nun übergibt er den Staffelstab an Iris Wesling. „Wir hatten immer gut zu tun“, lautet Ebelings Fazit der vergangenen sieben Jahre.

Häufig melden sich Menschen bei ihm, die Hilfe bei Antragsstellungen oder Einsprüchen brauchen. „Wer zum Beispiel einen Schwerbehindertenausweis beantragt, hat oft und lange mit den Ämtern zu kämpfen“, weiß Ebeling. Aber es gebe auch Menschen mit Behinderungen, die an der Armutsgrenze leben und nicht mehr ein noch aus wissen. „Besonders die Frauen trauen sich nicht, zum Amt zu gehen. Die unterstützen wir dabei, die Grundsicherung zu beantragen.“

Eine weitere Aufgabe sei es, die Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, anstatt sie nach der Schule in Einrichtungen oder Werkstätten abzuschieben. „Behinderte wollen ein selbstbestimmes Leben führen und richtige Arbeit leisten“, betont Ebeling. Doch da sei man jetzt schon auf einem guten Weg, denn es findet ein Umdenken statt.

Weitere Projekte, die der Beirat begleitet hat, waren das Wesavi und die IGS. „Wenn es um die Planung öffentlicher Einrichtungen geht, muss der Beirat mit einbezogen werden, das ist gesetzlich festgelegt“, erläutert Ebeling. Auch wenn die Mitglieder ehrenamtlich tätig sind, können sie ihr Recht einfordern. Themen, die den Beirat beschäftigt haben und auch künftig beschäftigen werden, sind Barrierefreiheit und die Inklusion an Schulen.

Helmut Ebeling und Iris Wesling stehen immer für Fragen zur Verfügung. - Foto: Kreykenbohm

„Bis zum Jahr 2022 müssen alle Bushaltestellen barrrierefrei sein“, so Ebeling. Ein Drittel davon sind im Landkreis bereits umgebaut. Bei der Inklusion wird es ein längerer Prozess werden. „30 bis 40 Jahre“, schätzt er, denn nach Ende des Dritten Reichs habe sich auch jahrelang in Deutschland nichts getan, so dass man nun viel aufholen müsse. Die Auswirkungen bekommen nun vor allem diejenigen zu spüren, die mitten im Schulalltag stehen. Anträge, auf die man manchmal lange warten muss, sind nur ein Aspekt.

Da Ebeling davon überzeugt ist, dass es noch eine Weile dauert, bis das Modell Inklusion perfekt ausgereift und praxistauglich ist, stimmt er dafür, den Eltern eine Wahlmöglichkeit zu lassen und ihr Kind auf eine Förderschule zu schicken: „So lange, bis das Drumherum stimmt, die Räume passend sind und es genügend qualifiziertes Personal gibt.“ Inklusion klappt, ist er sich sicher. Sie hängt von zwei Dingen ab: „Dem Willen und dem Geld.“

Ein Punkt, der dem Beirat ebenfalls am Herzen liegt, ist der Aktionsplan „Inklusion für Niedersachsen“ der Landesregierung, der seit zwei Jahren vorliegt und noch nicht im Landkreis umgesetzt wurde. „Wir verstehen, dass durch den Zuzug der Flüchtlinge viel Zeit und Personal gebunden war und man sich nicht damit beschäftigen konnte, aber wir möchten, dass er nun allmählich angepackt wird.“ Ein Punkt darin ist, die Beschäftigten der Verwaltung mehr für das Thema Inklusion zu sensibilisieren.

Auch wünscht sich der Beirat, dass private Bauherren ihn bei ihren Projekten einbinden. „Bei den öffentlichen sind wir automatisch mit im Boot. Bei privaten fragen wir an, ob wir mitwirken sollen.“ Doch die Verantwortlichen können sich auch beim Beirat melden. „Wir geben gern Tipps und helfen, Mittel zu beschaffen, um Barrierefreiheit voranzutreiben.“

Das Bundesteilhabegesetz wird den Beirat ebenfalls beschäftigen, denn da gebe es noch einiges nachzubessern, findet Ebeling. „Es ist nicht der große Wurf.“

Die Mitglieder des Beirates haben einen Blick für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung, denn um Teil des Beirates zu sein, muss man entweder selber eine Behinderung zu mindestens 50 Prozent oder ein behindertes Kind haben. „Wir sind in einigen Ausschüssen vertreten und kommen viermal im Jahr zu einer Sitzung zusammen, die öffentlich ist“, sagt Ebeling. „Doch die Leute können uns auch jederzeit zu allen Themen ansprechen, die mit Behinderung zu tun haben. Wenn wir nicht selber helfen können, wissen wir zumindest, wer ihnen weiterhelfen kann.“

Quelle: kreiszeitung.de

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