INTERVIEW Guido Kruse verkörpert seit 2014 die Rolle des Grafen beim Katharinenmarkt

„Es ist ein intuitives Rollenspiel“

Guido Kruse aus Hoya war zunächst Ausschenker, dann Drechsler und schließlich Graf. Foto: REGINE SULING

Hoya – Für sein Alter hat er sich gut gehalten: Graf Otto III. von Hoya und Bruchhausen lebte Ende des 14. Jahrhunderts – und tut es noch immer, und zwar in Person von Guido Kruse. Er verkörpert die Rolle des Grafen beim Katharinenmarkt in Hoya seit 2014. Am 21. und 22. September schlüpft der in Wirklichkeit 58-jährige Hoyaer wieder in sein Gewand, um ein besonderes Ereignis zu feiern. Denn der Anlass des Markts ist die Wahl seiner Tochter Katharina zur Äbtissin im Kloster Wienhausen im Jahr 1422. Im Interview verrät Guido Kruse, was den Reiz an der Rolle des Grafen ausmacht und wie er Teile seiner Familie ebenfalls fürs Mittelalter begeisterte.

Wie sind Sie Graf Otto III. von Hoya und Bruchhausen geworden?

Durch die Feuerwehr ist der Kontakt zum Katharinenmarkt entstanden. Ich habe als Ausschenker angefangen und ein paar Jahre später die Drechslerei übernommen. Das habe ich zehn Jahre lang gemacht. Dann wollte ich eigentlich Lampen bauen. Aber es wurde damals noch ein Graf gesucht.

Was ist Ihre Aufgabe als Graf?

Man muss gut aussehen (lacht), sich präsentieren, die Rede zur Eröffnung halten, ist im Gottesdienst dabei sowie beim Marktgericht anwesend und muss weise Urteile fällen. Das ist dann ein intuitives Rollenspiel, und das macht den Reiz aus. Wichtig ist es, sich mit einer Rolle auseinanderzusetzen, bevor man sie einnimmt.

Wie fühlen Sie sich als Adeliger?

Am Anfang nicht so richtig super. Ich bin ich nicht der Typ, der ein Herrscher ist. Aber es ist schon eine interessante Erfahrung, wenn Wachleute immer hinter einem herlaufen. Ansonsten komme ich inzwischen gut damit zurecht. Am Anfang war es etwas langweilig, weil ich früher als Handwerker permanent etwas zu tun hatte. Jetzt macht es Spaß: Ich gehe über den Markt, habe Schoko-Goldtaler für die Kinder in der Tasche. Die Interaktion mit den Menschen ist das Schönste auf dem Mittelaltermarkt. Da muss man spontan sein.

Wer aus Ihrer Familie mischt noch beim Katharinenmarkt mit?

Meine Tochter Svenja Evers, ihr Mann Pascal und die Kinder Tomke und Elyas sind dabei. Meine Tochter schleift und bearbeitet Trinkhörner. Mein Ziehsohn Rene Altenau, seine Frau Nadine und die Kinder Merle und Elsa machen die Tischlerei und die Schnitzerei, Carsten Huber – der Onkel meines Schwiegersohns – und seine Frau Ulrike fertigen Stöcker. Auch mein Bruder Benno ist dabei. Er zeigt den Bogenbau und stellt Holzbrillen her. Alle sind durch mich dazu gekommen und auch Mitglied im Verein Katharinenmarkt zu Hoya. Meine Tochter und ihr Mann sind gerade dabei, eine Landkarte herzustellen, damit man weiß, wie groß die Grafschaft eigentlich einmal war. Das war zu der Zeit schon eine Macht. Den Grafenplatz werden wir in diesem Jahr mit einem Wappen schick machen. Das ist überhaupt das Schöne am Mittelalter: Man kann sich in alle Richtungen einbringen und viel selbst machen, seine Möbel herstellen und auch seine Kleidung.

Apropos Kleidung: Wie sind Sie zu Ihrem Outfit gekommen?

Das Outfit habe ich vom Verein gesponsert bekommen, aber auch vieles selbst genäht wie meine Tunika. Ich habe einen Kurs belegt, wie man Leder näht und mir selbst eine Tasche und einen Köcher für Pfeile gefertigt. Und englische Langbögen gemacht – denn im Herzen bin ich eigentlich Handwerker. Nähen gelernt habe ich schon früh, dann mit Shorts angefangen, mir später Hemden genäht und ein Kleid für meine Frau.

Was machen Sie im wahren Leben?

Ich bin Bäckermeister und Lebensmitteltechniker und arbeite bei Mars in Verden im Bereich Tiernahrung. Da bin ich in Europa eingesetzt und reise viel.

Und wie geht es für Sie als Graf weiter?

Ich werde noch ein paar Jahre Graf bleiben. Ich habe meinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Das ist ein toller Job. Und meine Frau Gräfin Mechthild zu Braunschweig-Lüneburg, die von Kirsten Platzke gespielt wird, will auch noch weitermachen.

Der Markt 2019:

Zurück ins Mittelalter geht es in diesem Jahr wieder am Samstag und Sonntag, 21. und 22. September. Der Katharinenmarkt beginnt am Samstag um 13 Uhr sowie am Sonntag um 11 Uhr. Ein mittelalterlicher Gottesdienst findet um 10 Uhr im Kulturzentrum Martinskirche (Kirchstraße 29) statt. Mehr Infos gibt es unter: www.katharinenmarkt-hoya.de

Quelle: kreiszeitung.de

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