Bruchstück einer Kanone auf dem Gelände um die ehemalige Burg Wölpe entdeckt

Im Kampf geborsten, im Schlamm gefunden

Eine ähnliche Kugel ist damals durch das Kanonenrohr gejagt worden. - Fotos: Kreykenbohm

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Der junge Soldat steht auf der Anhöhe und blickt hinab auf die feindlichen Truppen, die die Burg Wölpe belagern. Er ist in die Dienste der Welfen getreten, die die Burg als Amtssitz nutzen, seit das Geschlecht der Grafen von Wölpe im 14. Jahrhundert erloschen ist. Doch nun stehen die Zeichen auf Krieg: das Hochstift Hildesheim hat sich mit den welfischen Fürsten von Braunschweig-Wolfenbüttel und Calenberg überworfen. Auf der Seite der Hildesheimer stehen in dieser sogenannten Hildesheimer Stiftsfehde unter anderem die Grafen von Schaumburg, Hoya und Diepholz.

Der Soldat greift eine rund fünf Zentimeter große Kugel aus Stein und lädt damit eine der Kanonen. Diese sind so wuchtig, das sie nur für den Belagerungs- beziehungsweise Verteidigungsfall eingesetzt werden können. Er zündet – dann gibt es eine mächtige Explosion. Das massive Kanonenrohr aus einer Bronzelegierung, das schon in vielen Gefechten zum Einsatz kam, ist geplatzt und die Trümmer sausen meilenweit durch die Luft. Eine großes Bruchstück landet 50 bis 75 Meter von der Burg entfernt in den Niederungen im Schlamm.

Im Laufe der folgenden Jahre versinkt es immer tiefer in der Erde, während die Burg Wölpe in der Hildesheimer Stiftsfehde zerstört wird. Danach wird sie von Herzog Erich I. als Schloss wieder hergerichtet, der in der Nähe auch eine Siedlung gründet: Erichshagen.

Ob sich diese Szene so im 16. Jahrhundert abgespielt hat, weiß man nicht. Sie ist eine von vielen Theorien. Doch rund 500 Jahre später marschiert Ralph Rodenberg aus Nienburg mit seinem Metallsuchgerät über das Gelände um die ehemalige Burg. Er besitzt die Erlaubnis vom Landesdenkmalamt und die Qualifikation, die Archäologen bei ihrer Forschung zu unterstützen. Plötzlich schlägt das Gerät aus. Rodenberg hält inne und beginnt zu graben. Nach rund einer halben Stunde findet er einen riesigen Klumpen senkrecht in der Erde, holt diesen heraus und befreit ihn zuhause mit Wasser und Bürste vom Schmutz. Auf dem großen Metallstück kommt ein Wappen zum Vorschein: ein etwas ungelenk gestalteter Löwe, der auf einem Rautenmuster steht. Rodenberg greift zum Telefon und informiert den Kommunalarchäologen Jens Berthold. Und dem ist klar: Die Burg Wölpe hat ein neues, besonderes Fundstück aus ihrer Geschichte preisgegeben.

Nach zahlreichen Waffen wie Schwertern, Geschossspitzen und Kugeln wurde nun zum ersten Mal ein Stück einer Kanone gefunden. „Wir glauben, dass sie im 15. Jahrhundert gegossen worden ist“, sagt Berthold. „Irgendwann ist sie dann bei einem Einsatz geborsten, vermutlich aufgrund von Verschleiß. Das könnte zum Beispiel während der Hildesheimer Stiftsfehde passiert sein.“ Doch wer hat sie abgefeuert? Die Welfen oder ihre Gegner? Das Wappen kann die Antwort darauf geben, nur ist es schwierig, es zu entschlüsseln. „Beim Löwen ist man natürlich versucht, es gleich den Welfen zuzuordnen“, weiß Kristina Nowak-Klimscha, Leiterin des Museums Nienburg. Aber das sei nicht sicher. Den Löwen wählten sich viele Herrscher, um damit ihr Wappen zu schmücken. Dass er so holzschnittartig dargestellt ist, weise auf das Spätmittelalter hin.

Das Bruchstück ist so schwer, dass man es kaum anheben kann und wohl nur ein Sechstel der eigentlichen Kanone, vermuten Berthold und Nowak-Klimscha. Sie freuen sich über diesen Fund, da er das große Engagement, mit dem verschiedene Gruppen seit Jahren die Erforschung der Burg Wölpe unterstützen, belohnt. 2011 gab es dort die ersten Erkundungen und auch in diesem Jahr soll es fleißig weitergehen. „Im September kommt wieder eine Gruppe Studenten von der Universität Canberra (Australien), die bei den Ausgrabungen hilft“, berichtet Berthold.

Dabei müsse man sehr behutsam und umsichtig vorgehen, um nichts zu zerstören. Das weiß auch Rodenberg. Seine Arbeit ist mit einem hohen Aufwand und wenig Ertrag verknüpft. „Wenn der Metalldetektor 100 Mal piept, ist es 80 Mal Müll.“ Umso mehr freut er sich über seinen jetzigen Fund. „Das ist wie ein Sechser im Lotto.“ Es macht ihn stolz, wenn er seine Fundstücke später in den Glaskästen des Museums sieht, wo sie für die Nachwelt aufbewahrt werden. Obwohl er auch in anderen Gemeinden unterwegs ist, zieht es ihn immer wieder zur Burg Wölpe zurück. „Ich habe schon eine Art persönliche Bindung zu ihr.“

Quelle: kreiszeitung.de

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