SERIE „ZEHN GEMEINDEN – ZEHN BAUDENKMÄLER“

Kirche in Hassel nicht so alt wie zunächst angenommen

Der kleine aber wuchtige Kirchenbau befindet sich in der Südostecke des Ortes. Er ist rund 27 Meter lang und acht Meter breit.
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Der kleine aber wuchtige Kirchenbau befindet sich in der Südostecke des Ortes. Er ist rund 27 Meter lang und acht Meter breit.

Hassel – Die Hasseler Kirche mag alt sein, sehr alt sogar. Doch dass sie 1980 bereits auf eine tausendjährige Vergangenheit zurückblicken konnte, ist nicht belegt.

Die „St.-Cosmae- et Damiani-Kirche“, die in der Serie „Zehn Gemeinden – zehn Baudenkmäler“ näher vorgestellt werden soll, ist alt, sehr alt sogar. Dass sie jedoch 1980 tatsächlich schon auf eine tausendjährige Vergangenheit zurückblicken konnte, wie in verschiedenen damaligen Publikationen dargestellt und von der Gemeinde auch entsprechend gefeiert, ist nach heutigem Kenntnisstand allerdings nicht belegt.

Die Beantwortung der schwierigen Frage nach dem tatsächlichen Alter bleibt Geschichtswissenschaftlern oder Archäologen vorbehalten und ist daher auch nicht Gegenstand der folgenden Betrachtungen. Nur soviel: Die Angabe „Anno 929 bouvede Bischof Adelgundus ock de Kercke tho Hastling“, die bis heute immer wieder als Beleg für das hohe Alter herangezogenen wurde, bezieht sich nicht auf den Ort Hassel bei Hoya, sondern auf das Kloster Heeslingen bei Zeven. Auf diesen nicht unwesentlichen Umstand hat Hartmut Bösche, Historiker und ausgewiesener Kenner der Regionalgeschichte aus Verden, bereits 1997 in seiner Beschreibung der Kirchengeschichte von Hassel und Eystrup deutlich hingewiesen.

Seinen zuletzt 2019 in dem Pastorenbuch von Harries gemachten Ausführungen zufolge stammt die älteste urkundliche Erwähnung der Kirche aus der Zeit um 1300, als der Hoyaer Graf Gerhard II. Herrschaftsrechte von seinem Vater Otto übernahm, darunter auch die „Ecclesiam in Hasle“ (Kirche in Hassel). Unstrittig scheint hingegen, dass hier am Rande des schon wenige Schritte südlich der Kirche zur Wesermarsch abfallenden Geestrückens – nicht zuletzt begünstigt durch die topografischen Verhältnisse – schon in grauer Vorzeit Menschen gesiedelt haben, die im Anschluss an die Sachsenkriege von Karl dem Großen christianisiert wurden.

Auf der Kanzel sind Mose mit den Gesetzestafeln sowie der Apostel Paulus abgebildet.

Der kleine, aber wuchtige Kirchenbau, den man getrost als einen „Fels in der Brandung“ bezeichnen kann, befindet sich in der Südostecke des Ortes. Mit Abmessungen von rund 27 Meter Länge und acht Meter Breite sowie stimmigen Proportionen liefert er ein ansprechendes Erscheinungsbild. Neben dem etwas über 20 Meter hohen Turm mit quadratischer Grundfläche und einer pyramidenförmigen Spitze auf der Westseite, besteht er aus dem Kirchenschiff (Langhaus) in der Mitte und dem Chorraum auf der Ostseite. Die rechtwinkelig ausgeführten Mauern sind aus großformatigen Backsteinen, teilweise auch aus Feldsteinen gefügt. 1962 wurden der Chorraum verlängert, das alte seitliche Brauthaus entfernt und der Haupteingang in den Turm verlegt.

Das Gebäude trägt ein Ziegeldach, der Turm wurde anlässlich weiterer Maßnahmen, die zwischen 2000 und 2003 notwendig geworden waren, mit sogenannten Mönch-Nonne-Ziegeln in naturrot neu eingedeckt, wobei man bautechnisch jeweils zwei „Mönche“ als „Nürnberger Grat“ über eine darunter liegende „Nonne“ fixierte.

Weitgehende Einigkeit besteht darin, dass das Kirchengebäude in seiner heutigen Form im 13., spätestens aber im 14. Jahrhundert entstanden ist, womit es zu den ältesten sakralen Bauten in der Region zählen dürfte. Die dicken Mauern und Schießscharten weisen auf eine Wehrkirche hin, die den Gemeindegliedern in Kriegszeiten Zuflucht und Schutz geboten haben mag. Es ist anzunehmen, dass auch andere Kirchen im Umland ursprünglich ein ähnlich schlichtes, jedoch zweckmäßiges Äußeres hatten.

Das Kircheninnere ist mit einigen sehr schönen, aus unterschiedlichen Epochen stammenden Kunstwerken geschmückt, im Eingangsbereich befinden sich zwei Epitaphe. Beim Betreten der Kirche fällt der Blick auf die farbige, im Stil des Bauernbarock geschnitzte und bemalte Kanzel. Darauf sind Mose mit den Gesetzestafeln und der Apostel Paulus abgebildet, sinnbildlich für das Alte und das Neue Testament stehend. Wie eine Tafelinschrift verrät, wurde die Kanzel 1620 von Thöle Alhusen und Heinrich Twietmeyer gestiftet.

Altar und Taufstein sind schlicht gehalten und aus Sandstein gefertigt. Sie stammen ebenso wie die 1965 auf der Empore eingebaute Orgel aus den 1960er-Jahren.

In dem zwischen 2000 und 2003 neu gestalteten Chorraum sind rechts und links des Altars an der Stirnwand zwei geschnitzte Holzfiguren angebracht. Sie zeigen die beiden Kirchenpatrone, die aus Kleinasien stammenden Zwillingsbrüder Cosmas und Damian, die der Legende nach als Missionare und Heilkundige durch die Lande zogen und im Jahr 303 bei Christenverfolgungen den Märtyrertod fanden. Wie von Bösche 1997 angegeben, setzte ihre Verehrung Ostern 1334 in Bremen ein und wurde in den folgenden Jahrzehnten durch die Angst vor der Pest stark verbreitet. In Deutschland sind aktuell 57 Kirchen nach den beiden Arztheiligen benannt, die nächstgelegenen bereits im benachbarten Dörverden sowie in Lunsen bei Thedinghausen, beide Landkreis Verden.

Die Malereien im Chorgewölbe wurden bei der letzten großen Instandsetzung teilweise freigelegt, gereinigt und retuschiert. Auf ihnen sind unter anderem vier Engel mit Musikinstrumenten zu sehen.

Die wahrscheinlich noch aus der frühen Phase der Kirche stammenden Malereien im Chorgewölbe stellen eine auch kunsthistorisch wertvolle Besonderheit dar. Sie wurden bei den letzten großen Instandsetzungen teilweise freigelegt, gereinigt und retuschiert. Auf ihnen sind unter anderem vier Engel mit Musikinstrumenten zu sehen, die den Hasseler Künstler Henning Diers, der im Übrigen auch das Ostfenster neu gestaltet hat, zu den vier im Kirchenschiff zu sehenden Goldbildern inspiriert haben.

Eine komplette Beschreibung der stets eng mit der des Ortes verknüpften Historie würde den vorgesehenen Rahmen sprengen, weshalb auf die links angegebenen Quellen verwiesen wird. An dieser Stelle daher nur einige der wichtigsten Daten aus der Geschichte:

.  1264: der bis dahin kirchlich zu Dörverden gehörende Ort sonderte sich von der dortigen Kirche ab und gründete durch den Adligen Gunter von Hassel eine eigene Kirche.

.  um 1300: erste gesicherte urkundliche Erwähnung einer Kirche.

.  1357: die Ritter von Hassel verloren neben anderen Besitzungen auch die Kirche an die Grafen von Hoya, die danach deren Lehen war.

.  vor 1558: erster lutherisch predigender Pastor war vermutlich Dietrich Precht, Vikar in Hoya.

.  1583: die Kirchspiele Hassel und Eystrup waren vereinigt oder wie es im Erbregister des Hauses Hoya hieß „in eins getzogenn“.

.  ab 1622: Hassel hatte wieder eine eigene, mit Pastor Justus Möller besetzte Pfarre. Ihm folgten bis in die Gegenwart 37 weitere Seelsorger, von denen manche zeitweise auch Nachbargemeinden betreuten. Pastor Carl Breithaupt war von ihnen mit 48 Jahren (von 1888 bis 1936) am längsten im Amt. Insgesamt zählt man seit der Reformation 40 Pastoren.

.  1684: im Turm installierte man eine kleine, 525 Pfund schwere und 149 Taler kostende Glocke, der im Jahr 1700 eine große Glocke mit einem Gewicht von 1207 Pfund folgte.

.  1905: an der Ostseite wurde ein neuer Kirchhof angelegt und 1913 ein Gerätehaus mit Leichenhalle errichtet.

.  Die im 1. Weltkrieg eingezogene Glocke kehrte zwar unversehrt nach Hassel zurück, wurde jedoch im 2. Weltkrieg abermals eingezogen und schließlich für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Daraufhin erhielt die Kirche 1951 eine neue stählerne Glocke.

.  1962: es erfolgten umfangreiche Renovierungs- und Umbauarbeiten.

.  2000 bis 2003: weitere Maßnahmen zur konstruktiven Sicherung sowie Inneninstandsetzungen.

.  2021: Hassel und das kirchlich angegliederte Hämelhausen bilden gemeinsam mit Eystrup und Hassbergen einen Pfarrverbund.

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