Ex-Betriebsleiter der Domäne Memsen zeichnet Geschichte der Pferdezucht nach

Königsstolz aus Hoyerhagen

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Kurzweilig und humorvoll führte Dr. Ulrich Steller durch die königliche Geschichte der Memser Weißen. ·

Hoyerhagen - Von Alisa Castens. „Die Memser Weißen – der Stolz der  Hannoverschen Königsklasse“: Unter diesem Titel hat Dr. Ulrich Steller seinen Zuhörern am Mittwoch im Forsthaus Heiligenberg die Geschichte der einstmals in Hoyerhagen gezüchteten Pferde näher gebracht.

Die Rasse ist heute ausgestorben, doch lebt sie weiter im niedersächsischen Landeswappen. Ihre Geschichte reicht tief in die Vergangenheit, sodass wir sie in zwei  Teilen abdrucken.  Die Wiege dieser Pferde liegt in der Domäne Memsen. Heute betreibt dort die Wirtschaftsgenossenschaft Deutscher Tierärzte, kurz WDT, ein Serumwerk, das Ulrich Steller vormals leitet. Mit viel Witz und Wissen brachte er den Gästen im Forsthaus die Geschichte dieser reinweißen Pferde näher und beantwortete Fragen wie

– Was für Pferde waren die Memser Weißen?

– Welche besondere  Funktion hatten sie?

– Und was machte sie so wertvoll, dass selbst Napoleon sie besitzen wollte?

Doch von vorne: Memsen wurde 987 erstmals urkundlich erwähnt und steht heute unter Denkmalschutz. Von 1500 bis 1582 züchteten die Grafen von Hoya dort hauptsächlich „Haushaltspferde“. 1582 fällt Hoya an die Her zöge zu Braunschweig-Celle. Nachdem im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) auch viele Pferde umgekommen sind, gründet 1653 Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg das Hofgestüt Memsen. Die dort aufgezogenen Rappen werden als „Kriegspferde“ sehr geschätzt. Nachdem sein Neffe Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg 1714 als Georg I. den britischen Thron bestiegen hat, kommt englisches Blut in die Pferdezucht. Sein Sohn Georg-August (Georg II., 1683 bis 1760) war Gründervater der Hannoveraner-Zucht und des Gestüts Celle.

In Memsen werden zu dieser Zeit nur „Luxuspferde“ gezüchtet. Ein Beispiel dafür sind die „Isabellen“. Sie haben eine hellgelbe bis ins Ocker gehende Farbe, sind für die Damen des Hofs gedacht und benannt nach Prinzessin Isabella Clara Eugenia von Spanien. Die hatte 1601 gelobt, dass sie ihr ursprünglich weißes Hemd nicht eher wechseln wolle, bis ihr Ehemann Ost ende erobert habe. Erst nach drei Jahren Belagerung fiel die belgische Stadt.

1727 lässt der britische König Georg II. Atlasschimmel und Tiger schecken nach Memsen bringen, und damit beginnt die Geschichte der Memser Weißen. Dort wird die Herde bunter und weiß geborener Stuten mit dem ebenfalls weiß geborenen Hengst „Auguste“ gekreuzt. Das Ergebnis sind die Memser Weißen. Sie waren keine Albinos und keine Schimmel, ihre Farbe basiert auf komplizierten genetischen Anlagen, denn reinweiße Zuchten sind genetisch nicht möglich – die Nachkömmlinge wären nicht lebensfähig. Deshalb muss eines der Elternteile gemischtfarbig sein.

70 Jahre Forschungsarbeit auf der Domäne sind dokumentiert. In dieser Zeit zeugten 72 weißen Stuten mit 29 weißen Hengsten rund 254 lebensfähige Nachkommen. Davon waren jedoch nur 84 reinweiß.

Nicht nur der britische König aus dem Haus Hannover liebt die prachtvollen Tiere. 1803 bekundet auch Napoleon sein Interesse. Dies trifft auf wenig Gegenliebe beim englischen König. Deshalb werden die wertvollsten Pferde schnell nach London verschifft, bevor Napoleon eintrifft. Allerdings erhält er acht prächtige Tiere, die er bei einem Triumphzug einsetzt.

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft hierzulande im Jahr 1813 werden einige Pferde zurückgeführt und auf Memsen weitergezüchtet. Doch 1838 wird das Gestüt geschlossen. „Die Tiere kommen größtenteils in den königlichen Marstall in Hannover-Herrenhausen“, schreibt der heutige Besitzer der Domäne, die Wirtschaftsgenossenschaft Deutscher Tierärzte (WDT) in einer Broschüre anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens. Und weiter: „Aufgrund der ständigen Inzucht traten vermehrt Fruchtbarkeitsstörungen und Totgeburten auf: Der Bestand dezimierte sich auf natürliche Weise.“ Mit dem letzten Hengst stirbt 1895 auch die Geschichte der „Weißgeborenen Memser“. Doch bis heute sind sie in Niedersachsen allgegenwärtig: im Landeswappen.

Quelle: kreiszeitung.de

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