Klangkörper in Schweringer Kreuzkirche stillgelegt

„Nazi-Glocke“: Das letzte Geläut in Schweringen?

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Die „Nazi-Glocke“ läutete 1934 zum ersten Mal.

Schweringen - Von Elena Zelle. Die Glocken der Schweringer Kirche klingen heller: Seit Mitte vergangener Woche fehlt das tiefe „Cis“. Dadurch ist das Läuten in weiterer Entfernung nicht mehr so gut zu hören. Und die Glocken läuten seltener – zur vollen Stunde herrscht neuerdings komplette Stille. Denn die Gemeinde hat die größte der drei Glocken im Turm der Kreuzkirche in Schweringen (Samtgemeinde Grafschaft Hoya) stillgelegt. Der Grund: Es ist ein 35 mal 35 Zentimeter großes Hakenkreuz sowie eine nationalistische Inschrift eingegossen.

Wenn man auf den Glockenturm steigt, ist im schummrigen Licht weder das Hakenkreuz noch die Inschrift sofort zu sehen. Dafür muss man um die Glocke herum gehen – nicht ganz einfach, denn dort oben ist es ziemlich eng, auf dem staubigen Holzboden lauert die ein oder andere Stolperfalle, und die schweren Bronzeglocken sind wie gemacht dafür, sich ordentlich den Kopf zu stoßen.

Aber genau das hat Pastor Jann-Axel Hellwege gemacht – er ist mit Taschenlampe und Fotoapparat in den Turm gestiegen und hat sich die drei Glocken genau angeschaut. Denn wegen des Wirbels um die „Nazi-Glocke“ im pfälzischen Herxheim am Berg in den vergangenen Wochen hat die evangelische Landeskirche alle 1 262 niedersächsischen Gemeinden befragt, ob solche Glocken vor Ort noch existieren. In zwei Gemeinden ist das der Fall: in der Michaelkirche in Faßberg bei Celle und eben in der Kreuzkirche in Schweringen.

Einige Mitglieder waren völlig überrascht

Für einige Mitglieder des Kirchenvorstandes sei das völlig überraschend gewesen, manche hingegen wussten davon, sagt Pastor Fabian Gartmann, Öffentlichkeitsbeauftragter des Sprengels Hannover. Die Landeskirche habe nicht geahnt, dass es solche Glocken noch gibt, sagt der Superintendent des Kirchenkreises Nienburg, Martin Lechler. „Wir waren der Meinung: Das kann und darf eigentlich nicht sein – eine Glocke mit einem Symbol, das für millionenfachen Mord steht“, sagt Lechler. So sieht es auch Pastor Hellwege: „Wir müssen das aufarbeiten.“

Superintendent Martin Lechler (links) und Pastor Jann-Axel Hellwege stehen im Glockenturm der Schweringer Kreuzkirche – die größte der drei Glocken ist wegen eines eingegossenen Hakenkreuzes stillgelegt.

Ein kleiner Anfang ist bereits gemacht: Hellwege hat alte Akten durchgearbeitet und gesammelt, was er über die Glocke finden konnte. Die Kreuzkirche wurde 1922 eingeweiht, am 16. Juni 1934 wurde die Glocke mit dem Hakenkreuz – gemeinsam mit einer weiteren, die kein Nazi-Symbol trägt – aufgehängt, am Tag darauf läutete sie erstmals. 1 800 Kilogramm wiegt die „Nazi-Glocke“, unten hat sie einen Durchmesser von 1,10 Meter, und zusammen mit der kleineren Glocke kostete sie 5 617 Reichsmark. Das geht aus der Korrespondenz zwischen dem damaligen Pastor und dem Glockengießer hervor. Ebenfalls geht daraus hervor, dass der damalige Pastor seine Schreiben mit „Heil Hitler“ unterzeichnete.

Arbeitskreis soll Vorgehen diskutieren

Weiter ist die Kirchengemeinde noch nicht – weder was die Vergangenheit der Glocke und der Schweringer Gemeinde angeht, noch was in Zukunft geschehen soll. Nur eines steht fest: Pastor Hellwege hat einen Arbeitskreis gegründet, der sich im Oktober das erste Mal treffen will. Thema: Umgang mit der Glocke und ihrer Geschichte. Ideen für die Zukunft gibt es einige: die Glocke abhängen und durch eine neue ersetzen, die Glocke einschmelzen und neu gießen lassen, die Glocke zu einem Erinnerungsmal machen.

„Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass wir nach der geschichtlichen Aufarbeitung mit diesen Glocken weiterhin zu Gottesdiensten oder zum Beispiel zu Friedensgebeten einladen“, sagte der Geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes, Arend de Vries, laut Mitteilung über die beiden „Nazi-Glocken“. Was auch immer mit der in Schweringen passiert, fest steht: Bis es – in welcher Form auch immer – eine neue Glocke gibt, wird es dauern, sagt Lechler. Zu Weihnachten wird das Glockenspiel also immer noch etwas heller als gewohnt erklingen.

Quelle: kreiszeitung.de

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