Schicksale im Nienburger Kulturwerk vorgetragen

Nach der Flucht: Erfahrungen in neuer Heimat

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Bei der Informationsveranstaltung im Kulturwerk berichteten Geflüchtete und ehrenamtliche Helfer über ihre gemeinsamen Erfahrungen.

Landkreis - Bernd Andermann. Sehr persönlich ist es am Mittwoch im Nienburger Kulturwerk geworden. Über ihre Ankunft im Landkreis Nienburg und die Schwierigkeiten, mit denen sie hier konfrontiert wurden, haben mehrere Geflüchtete berichtet.

Mit dabei war auch Nadim Dawalibi. Dem Syrer war bei seinem Bericht besonders wichtig, Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Daher betonte er, dass er und seine Landsleute nicht aus wirtschaftlichen Gründen den Weg nach Europa auf sich genommen hätten: „Ich bin geflohen, weil ich in meiner Heimat kämpfen musste und nicht lernen durfte.“ Hier in seinem neuen Zuhause hat er die Chance ergriffen, sich weiterzubilden. Aus eigener Initiatve habe er sich um das Erlernen der Deutschen Sprache gekümmert. Momentan befindet sich der junge Mann in einer Ausbildung zum Dachdecker.

Mehr als 100 Gäste waren bei der Informationsveranstaltung im Kulturwerk dabei. Organisiert wurde der Abend von der Flüchtlingshilfe Holtorf, den Begegnungscafés der Kirchengemeinden St. Martin in Nienburg, und St. Clemens Romaunu in Marklohe sowie der Flüchtlingsinitiative Liebenau. Eingeladen hatten die Organisatoren auch die Landtagsabgeordneten Karsten Heineking (CDU) und Helge Limburg (Die Grünen) sowie Landrat Detlev Kohlmeier.

Begrüßt wurden alle Gäste von Wilfried Möhlmann, der sich ehrenamtlich im Café der Begegnung der St. Martins Kirchengemeinde engagiert: „Seit 2015 haben wir uns der Aufgabe gestellt, den Menschen, die insbesondere aus dem arabischen Raum zu uns gekommen sind, Hilfe und Unterstützung beim Ankommen und der Integration in unsere Gesellschaft zu geben. Wir waren uns dabei immer bewusst, dass es der professionellen Unterstützung bedarf, um Sprache zu erlernen, Ausbildung und Arbeit zu finden“, betonte Möhlmann, der auch darauf hinwies, dass diese Menschen mit dem Versprechen „Wir schaffen das“ begüßt wurden.

In diesem Zusammenhang sagte Möhlmann, drei Jahre seien inzwischen vergangen und noch sei vieles unklar oder wage. Der ehrenamtliche Helfer erwähnte, dass der Informationsabend dazu dienen solle, die Politiker über die derzeitige Situation zu unterrichten. Denn viele Fragen seien noch nicht geklärt.

Als Beispiel nannte Möhlmann die Abschiebebescheide, gegen die Klagen erhoben wurden. Eine Entscheidung über diese Fälle gebe es jedoch noch nicht. Außerdem ging Möhlmann auf den Familiennachzug ein, der in die Mühlsteine der Politik geraten sei. Ferner kritisierte Wilfried Möhlmann, dass die Unterstützung der Flüchtlinge nicht immer ganz einfach sei und erwähnte Abschiebungsbescheide in Länder wo Krieg oder Terror herrschen.

Berichte von Flüchtlingen und Helfern

Im Mittelpunkt des Informationsabends standen Berichte der Geflüchteten und der ehrenamtlichen Helfer. Naserjan Naseri aus Afghanistan, der mit seiner Familie in Marklohe wohnt, berichtete, dass er Angst vor einer Abschiebung hätte, weil sein Bruder in seinem Heimatland ermordet wurde.

Der 23-jährige Rashid Murad, der seit zwei Jahren mit seiner Familie in Pennigsehl lebt und auch in der dortigen Fußballmannschaft aktiv ist, erzählte: „Ich habe bisher den Kontakt zu meinen Mitmenschen gesucht und habe mich kürzlich um einen Ausbildungsplatz als Krankenpfleger beworben.“ Vor zwei Jahren kam er nach Deutschland, mit dem Ziel hier eine neue Heimat zu finden.

Der Iraker erwähnte auch: „Wir sind hier hergekommen, weil es im Irak viele Probleme gibt und wir keine Zukunft sahen.“ Außerdem teilt der 23-Jährige nicht die Meinung der Politiker, die zum Teil die Auffassung vertraten, dass der Irak sicher sei. „Wir versuchen alles, um in Deutschland bleiben zu können“, erklärte der Rashid Murad hoffnungsvoll.

Bereits vor vier Jahren ist Wadizada Ahmaj aus Syrien nach Deutschland gekommen. Der 48 Jahre alte Familienvater hat einen Hochschulabschluss in Chemie und lebt in Nienburg, wo er vier Monate als Lehrer gearbeitet hat. „Ich gebe mir viel Mühe, um in meiner neuen Heimat eine Arbeit zu finden“, erklärt er. Einen Asylantrag hat der Syrer bisher nicht gestellt, aus Angst, nicht wieder in sein Heimatland zurückkehren zu können.

Zahlreiche Zuhörer und Gäste waren zu der Informationsveranstaltung gekommen. Austausch mit Geflüchteten und Ehrenamtlichen aus der Stadt und dem Landkreis Nienburg stand auf dem Programm.

Ebenfalls über ihre eigenen Erfahrungen berichteten Audrey Leboho, die aus Zimbabwe kommt und als Bauzeichnerin in Liebenau arbeitet. Ihr Landsmann Bruce Tsoka studiert momentan und möchte gerne Hotelkaufmann werden. Die aus der Türkei stammende Meral Akyol, die seit rund 25 Jahren in Liebenau wohnt, ist als Unterstützerin bei Sprachschwierigkeiten tätig.

Moderiert wurde die Informationsveranstaltung von dem ehemaligen Nienburger Bürgermeister Peter Brieber, der sich beeindruckt von den Deutschkenntnisse der Flüchtlinge zeigte. Zu den ehrenamtlich tätigen Paten und Unterstützern der Geflüchteten gehört auch die pensionierte Lehrerin Ulrike Kassube aus Marklohe, die mit weiteren Engagierten in der Grundschule Marklohe Flüchtlingskinder in Deutsch unterrichtet. Sie berichtete davon, dass die Kinder gute Fortschritte machen würden. Allerdings sagte sie auch, dass Schulabschlüsse wegen fehlender Deutschkenntnisse in Gefahr seien. 

Sprachförderung fehlt 

Ulrike Granich von der Flüchtlingsinitiative Liebenau, betonte in ihrer Ansprache: „Ich vermisse fachkompetente Sprachförderungen.“ Gleichzeitig bedauerte die Liebenauerin, dass die in Liebenau lebenden EU-Bürger aufgrund von Vorgaben des Landes nicht an Sprachkursen teilnehmen dürfen.

Landrat Detlev Kohlmeier würdigte in seiner Ansprache den offenen Brief, den die Flüchtlingsinitiativen Holtorf, Nienburg und Marklohe an Bundes- und Landespolitiker sowie die Fachbereiche Integration in der Stadt und im Landkreis Nienburg geschickt hatten. „Ich kann die Gedanken gut verstehen und nachvollziehen“ sagte der Landrat und lobte die ehrenamtlichen Paten. Diese Arbeit hätten hauptamtliche Mitarbeiter in den Kommunen nicht leisten können. Er ging auch auf mögliche Abschiebungen von Flüchtlingen ein und betonte: „Wir sind nur die ausführende Behörde.“ Karsten Heineking sagte: „Ich bin dankbar, dass man die persönlichen Schicksale direkt von den Betroffenen hört und was sie dazu bewogen hat, aus ihren Heimatländern zu flüchten.“

Dank und Anerkennung gegenüber den Unterstützer-Initiativen äußerte Helge Limburg. „Ihr alle habt gezeigt, dass ihr euch gut einbringen könnt, um zu helfen“, sagte der Bundestagsabgeordnete. Der Grünen-Politiker sprach sich dafür aus, dass ausländische Zeugnisse und Berufsabschlüsse in Deutschland anerkennt werden. Außerdem will sich Limburg dafür einsetzen, dass es keine Abschiebungen nach Afghanistan gibt. Der Abgeordnete wünschte sich abschließend, dass es weitere Informationsabende dieser Art geben solle. Die Organisatoren der Zusammenkunft waren positiv überrascht über das Interesse der mehr als 100 Gäste.

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