Lehrermangel an der Grundschule am Bach / Demonstration am 2. Juni

Auf dem Rücken der Kinder, Eltern und Lehrer

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Björn Försterling, Dr. Bernd Leweke (FDP), Heiner Werner, Elena Rosenow, Corinna Damm (Schulelternrat), Guido Rieche (Schulelternrat Vorsitzender), Jörg Hille (FDP) und Mark Antelmann (Elternvertreter) (von links) beim gemeinsamen Gespräch.

Nienburg - von Kristina Stecklein. An der Grundschule am Bach herrscht akuter Lehrermangel - zum Teil werden zirka 60 Kinder beim Sportunterricht gemeinsam von einem Lehrer unterrichtet, Nebenfächer fallen ganz weg. Ein Zustand, mit dem sich die Eltern der Kinder nicht abfinden wollen.

Eines der Plakate für die Protestaktion der Grundschule am Bach, Nienburg. Gestaltung: MHP Media

Mit ihrem 17-Punkte-Plan präsentierte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt 2016 eine Art Notfallplan. Quereinsteiger, Referendare, arbeitswillige Pensionäre: Personalgewinnung steht in der Zeit des Lehrermangels an oberster Priorität. Trotz aller Bemühungen hat die Grundschule am Bach in Nienburg mit erheblichem Unterrichtsausfall zu kämpfen. Etwas, das sowohl Schulvorstand und Eltern nicht auf sich sitzen lassen möchten.

„Es ist die größte Grundschule im Landkreis Nienburg“, erklärt Ina Besuglova. Tatkräftig sammelt die Mutter gemeinsam mit Elena Rosenow und anderen Elternräten Unterschriften und mobilisiert gemeinsam mit dem Elternrat sämtliche Menschen, etwas gegen den akuten Lehrermangel zu tun. Am 2. Juni ist sogar eine Protestaktion direkt vor der Grundschule am Bach geplant, von 7.50 bis 9.45 Uhr, genau in den ersten zwei Unterrichtssunden, die in dem Moment ausfallen werden.

Sie wollen damit die nötige Aufmerksamkeit erreichen. „Die Schule kann leider nichts machen“, sagt Besuglova bedrückt. Am Personal liegt es allerdings nicht. „Es sind sehr engagierte Lehrer und pädagogische Mitarbeiter an der Schule. Sie haben freiwillig ihre Stundenanzahl erhöht, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. In dieser Situation wird es am Ende wahrscheinlich einen gesundheitlichen Schaden nehmen“, betont die besorgte Frau. Sportunterricht findet mit mindestens 50 Kindern statt, der Musikunterricht ist manchmal komplett ausgefallen. „Wir Eltern führen eine Liste, ob der Unterricht stattgefunden hat“, weiß Besuglova.

Auch an die Kultusministerin und Mario Hippenstiel, schulfachlicher Dezernent, haben sich die Eltern mit einem Schreiben gewandt. Sie finden deutliche Worte für den Missstand, erklären, dass seit mehreren Monaten Nebenfächer wie Kunst, Musik, Sachunterricht und Werken ausfallen müssen, damit zumindest Hauptfächer weiterhin unterrichtet werden können. Weitere Briefe wurden an die Landtagsabgeordneten Jan Ahlers, Helge Limburg, Carsten Heineking und Grant Hendrik Tonne verschickt. Einladungen zum Protest bekamen auch Nienburgs Bürgermeister Henning Onkes sowie Cornelia Feske, Stellvertretende Bürgermeisterin. „Wir haben sie eingeladen, um darüber zu sprechen“, gibt Besuglova zu verstehen.

Keine Antwort vom Kultusministerium

Auch wir vom Blickpunkt haben uns an die Landesschulbehörde sowie das Niedersächsische Kultusministerium gewandt. Bis heute warten wir auf eine Antwort des Kultusministeriums – die Landesschulbehörde verwies wenigstens auf die Weiterleitung der Mail an das Kultusministerium.

2016 stellte Frauke Heiligenstadt ihren 17-Punkte-Plan vor: 17 Punkte, um dem Lehrermangel zumindest langsam entgegenzuwirken. Schon CDU-Schulexperte Kai Seefried kritisierte diesen Plan. Er bezeichnete diesen als „Katalog von Notmaßnahmen, aus dem die ganze Verzweiflung dieser Ministerin spricht“ und dass mit den 17 Punkten keine „hausgemachten Probleme“ gelöst werden können.

Mindestens 28 freie Stellen im Landkreis

Ein Blick in die niedersächsische Datenbank der Einstellung in den Schuldienst (www.eis-online.niedersachsen.de) verrät: An Gymnasien, besonders im Bereich Hannover werden Lehrkräfte gesucht, acht davon allein in Nienburg. Ganze 20 Stellen hingegen sind an den Grundschulen (13) und Oberschulen (7) im Landkreis – genauer in Nienburg, Drakenburg, Diepenau, Hoya, Rodewald und Heemsen – offen. Das sind allerdings lediglich Stellen, die genannt werden konnten. Lehrer, die krank gemeldet oder schwanger sind, werden für diesen Zeitraum nicht ersetzt – obwohl der Bedarf da ist. Das Durchschnittsalter der niedersächsischen Lehrkräfte liegt Ende 2015 bei 44,7 Jahren. Ein Wert, der sich über die Jahre verbessert hat – schließlich ist das Problem noch größer, wenn mehrere Lehrer auf einen Schlag die Schule mit Eintritt des Rentenalters verlassen.

Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft verdienen Lehrer allerdings nicht sonderlich schlecht, ganz im Gegenteil: Das Jahresgehalt eines Lehrers in Deutschland liegt über dem OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development)-Durchschnitt. Doch der Weg dahin ist lang und steinig: Drei Jahre Bachelorstudium, zwei Jahre Master und zwei Jahre Referendariat – eine siebenjährige Ausbildung, bevor überhaupt Geld in die Kasse kommen kann. Auch ein Quereinstieg ist – trotz verkürztem Weg – mit vielen Komplikationen verbunden. Außerdem verdienen die Kollegen in den Bundesländern um Niedersachsen herum zum Teil 400 Euro mehr.

Treffen mit Bildungsexperte Björn Försterling

FDP-Bildungsexperte Björn Försterling traf sich am Mittwoch mit dem Schulelternrat. Auch ihn erschütterten die Zahlen. „Der Bedarf muss langfristig gedeckt werden“, sagte Försterling. Auch sei das Angebot der Ganztagsschule, so löblich die Idee auch sei, bei Lehrermangel alles andere als förderlich. „Die primäre Aufgabe von Schulen ist es, normalen Unterricht liefern zu können“, betont er. Das Mitglied des niedersächsischen Landtags schlägt vor die Lehrer noch aus dem Ganztag zu ziehen. Doch statt der Hauptversorgung werden immer mehr Ganztagsschulen angeboten. Auch FDP-Kreisvorsitzender und Berufsschullehrer Heiner Werner betonte, dass es einen „großen Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht gibt.“

So sieht es im Nachbar-Landkreis aus

Im Landkreis Diepholz sind für Grund- und Oberschulen derzeit 24 Lehrerstellen in den Orten Barnstorf, Bassum, Bruchhausen-Vilsen, Diepholz, Drebber, Kirchdorf, Rehden, Siedenburg, Stuhr, Sulingen, Syke und Wagenfeld ausgeschrieben. Besonderer Bedarf besteht dort an Lehrern mit Mathematik oder Deutsch als Erstfach.

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