Vatermord jährte sich am Freitag, 13. November

Letzte Hinrichtung auf Rehburgs Köppeberg

Rehburg Köppeberg Hinrichtung
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Das kleine Wäldchen hinter Rehburgs Biogasanlage wird noch heute „Köppeberg“ genannt. 

Rehburg/Schneeren - von Beate Ney-Janßen. Ein Vatermord, der mit der Hinrichtung eines jungen Mannes auf Rehburgs Köppeberg endete, jährte sich am vergangenen Freitag, 13. November, zum 170. Mal.

Freitag, der 13. – ein Unglückstag? Das wird zumindest Johann Heinrich Friedrich Wiebking so empfunden haben. Denn es war ein Freitag der 13. vor genau 170 Jahren, als das geschah, was ihn zehn Monate später auf Rehburgs Köppeberg den Kopf kostete.

An Johanns Schicksal erinnert heute ein Gedenkstein, den Rehburgs Bürger- und Heimatverein 2010 auf diesem Köppeberg aufstellte. „Letzte Hinrichtung 1851 Köppeberg“ ist in eine metallene Tafel eingraviert. Wer den Gedenkstein aufsuchen möchte, benötigt Ortskunde und festes Schuhwerk. Kein Weg führt dorthin. Rings um den Hügel, auf dem mittlerweile ein Wäldchen wuchert, liegen nur Äcker. Hier folgt die tragische Geschichte des jungen Mannes.

Es ist ein milder Tag im Frühherbst des Jahres 1851, an dem Johann Heinrich Friedrich Wiebking zum letzten Mal die Sonne aufgehen sieht. Die Nacht hat er in dem Gefangenenhaus von Rehburgs Amtsrichter verbracht. Ein winziges Kabuff mit Blick auf den liebevoll gepflegten Gemüsegarten des Richters. Nebenan führt der Weg in die Meerbruchswiesen, wo Gänse damit beginnen, sich für ihren Flug gen Süden zu sammeln.

Wiesen und Gänse wird Johann nicht wiedersehen. Auf ihn warten nur noch drei Kilometer Fahrt auf Rehburgs Knüppeldamm gen Norden, gefesselt auf einem Leiterwagen. Kurz vorm Buchholz, dem ausgedehnten Waldstück zwischen Rehburg und Husum, wird der Wagen rechts abbiegen und auf sandigen Wegen eine winzige Erhebung in der Landschaft ansteuern. „Köppeberg“ wird die Erhebung genannt. Sie soll Johanns Hinrichtungsstätte sein.

Der Köppeberg – direkt neben der Biogasanlage Rehburgs – ist heute bewaldet und nur über einen Acker zu erreichen.

In der einsamen Gegend, in die sich kaum jemals ein Mensch verirrt, haben sich an diesem Morgen nahezu Völkerscharen versammelt. Aus Johanns Heimatdorf Schneeren haben sie sich auf den Weg gemacht. Zu Fuß oder in rumpelnden Wagen. Aus Rehburg sind sie gekommen. Und vermutlich auch aus anderen Orten der näheren Umgebung, denn immerhin soll ihnen ein keineswegs alltägliches Schauspiel geboten werden: Sie wollen sehen, wie der 23-Jährige vom Leben zum Tod gebracht wird. Wie sein Kopf rollt, wenn das Beil des Henkers ihn trifft. Dafür ist den Schaulustigen kaum ein Weg zu weit. Zu den Gaffern haben sich auch Richter und Henker eingefunden. Sie stehen wartend auf dem Köppeberg, während sich der Tross mit Johann nähert.

Reiterschwadron tänzelt um den Köppeberg

So erbärmlich der Anblick des Leiterwagens mit dem gefesselten Delinquenten ist, so imposant erscheint der tänzelnde Aufmarsch des königlichen Reiterschwadron aus Hannover, das zur Aufrechterhaltung der Ordnung in seinem Gefolge ist. Darüber hinaus hat Johann zwei Geistliche zur Seite: Schneerens Pastor Liefert und dessen Rehburger Kollegen Walther, der hinterher ins Kirchenbuch schreiben wird, dass Johann mit „großer Freudigkeit als bekehrter Mann“ starb.

Im „Inventarium von der Officialwohnung des Amtsrichters zu Stadt Rehburg 1859“ ist das Gefängnishaus eingezeichnet, in dem Johann Heinrich Friedrich Wiebking einsaß. An jener Stelle steht heute das Heimatmuseum.

Die Reiter sind da, um für Ordnung zu sorgen. Denn kaum hat der Tross den Hügel erreicht, kommt Bewegung in die Menge. Jeder will nah am Geschehen sein, niemand den entscheidenden Augenblick verpassen. So umrundet die Kavallerie den Richtplatz und treibt diejenigen zurück, die sich allzu weit vorwagen.

Doch was ist dem vorangegangen? Gehen wir in der Zeit zurück zum 12. November 1850. An diesem Tag brach der Halbmeier Johann Heinrich Wiebking mit einem Fuhrwerk von seinem Hof in Schneeren auf, um ein Fuder Torf in Hannover zu verkaufen. Die Fahrt hin und zurück ist an einem Tag nicht zu schaffen. Es steht fest, dass er erst tags darauf zurückkommen wird. Hat er sich von seiner Frau Marie Dorothea und Sohn Johann liebevoll verabschiedet?

Vermutlich nicht. Darauf lässt jedenfalls das schließen, was Advokat Ahrens, Johanns Verteidiger, im Juli 1851 in seinem Begnadigungsgesuch schreibt. Ahrens führt das „durch viele Zeugen erwiesene fortreichend unzufriedene nöckerische Wesen“ des Vaters an. Noch am Vorabend der Abfahrt nach Hannover soll er seinen Sohn „beständig gescholten, ihn auch geknufft“ haben. Schneerens Pastor bescheinigt Johanns Eltern in dem Prozess „schlechte Erziehung“ und der Advokat führt „das böse Beispiel, welches der Getödtete seinem Sohn durch die schlechte Behandlung des eigenen Vaters gegeben hatte“ an.

Familieneintracht sieht anders aus und so ist durchaus vorstellbar, was das Gericht als erwiesen ansah: Dass nämlich Sohn Johann am Freitag, dem 13. November 1850, seinem Vater entgegen gegangen war, ihm auf dem Weg auflauerte und ihn hinterrücks erschoss.

„Letzte Hinrichtung 1851 Köppeberg“ steht auf dem Findling, der zur Erinnerung an die Geschichte dieses Ortes errichtet wurde. 

Am Morgen darauf entdeckte der Halbmeier Brokelmann vor seinem Haus in Schneeren die Leiche mit einem Loch im Hinterkopf. Eine Woche später wurde Johann verhaftet und in Rehburgs Gefängnishaus gesperrt. Viele Indizien sprachen gegen ihn, aber Johann leugnete hartnäckig, seinen Vater ermordet zu haben. Erst am 30. März 1851 änderte er seine Aussage und gestand. Zu diesem Zeitpunkt saß er seit mehr als einem halben Jahr in der Rehburger Zelle.

Rehburgs Gefängniswärter versprechen Freiheit

Gronau, der Amtspförtner des Gefängnisses, und Flacke, der als Gefangenenwache abgestellt war, hatten nach dieser langen Zeit anscheinend die Nase voll von dem - wie sie meinten - uneinsichtigen und ungeständigen Vatermörder. Sie redeten auf ihn ein, dass er doch gestehen solle. Dann, versprachen sie ihm, werde er freikommen. Wenn nicht, gehe sein ganzes Vermögen für die Untersuchungskosten drauf.

Johann war durch die lange Gefangenschaft vermutlich mürbe geworden und wenn sein Advokat später die „Bildungssphäre“ des jungen Mannes als Entschuldigung für die mögliche Tat heranzieht, will er umschreiben, welch schlichtes Gemüt Johann hat. So schlicht, dass er an die Freiheit glaubt, wenn er nur gesteht.

Das tut er. Am 30. März 1851 zum ersten Mal und noch dreimal im April. Erst im Mai, als er von Rehburg nach Hannover überstellt worden ist – fern des Einzugsbereichs seiner Wärter – widerruft er dieses Geständnis. Vergeblich, wie sich herausstellen wird. Ein Schwurgericht verurteilt ihn am 14. Juli 1851 zum Tode durch das Schwert.

Von der Mutter zum Vatermord angestiftet?

Mitangeklagt ist in all dieser Zeit auch Johanns Mutter, Marie Dorothea Wiebking. Hat sie ihren Sohn angestiftet, den Vater zu erschießen? Oder hat sie sogar selbst den Abzug der Flinte gedrückt? Glauben wir einer der Darstellungen Johanns, so war sie es, die ihm den Rat gab, dem Vater entgegen zu gehen und ihn zu erschießen.

Ein Auszug aus einem der Verhöre Johanns: „Sie brachte das Gespräch auf meinen Vater und erzählte dabei, dass es nicht mehr auszuhalten wäre, und dann forderte mich meine Mutter auf, ihn von der Welt zu schaffen, damit wir Ruhe und Frieden hätten; ihn todt zu schießen, wenn er wieder zurückkäme. … Das würde ja wohl nicht rauskommen.“ Während Marie Dorothea von allen Vorwürfen freigesprochen wurde, befand das Schwurgericht ihren Sohn in vollem Umfang schuldig. Eine Begnadigung, noch nicht einmal zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe, wurde ihm nicht gewährt.

Der Kopf rollt, die Menge jubelt

Am Freitag, dem 12. September 1851, rollt sein Kopf auf Rehburgs Köppeberg. Die Menge jubelt und tritt danach den Heimweg an. Heim kommt auch Johann Heinrich Friedrich Wiebking. Noch am selben Tag wird er in Schneeren beerdigt und Pastor Walther schreibt ins Rehburger Kirchenbuch: „Gott sei seiner Seele gnädig.“

Auf Rehburgs Köppeberg herrscht seitdem Ruhe. Es soll die letzte Hinrichtung gewesen sein, die dort durchgeführt wurde. Rollten an jener Stelle zuvor schon Köpfe? Davon ist nichts überliefert. Für die sieben Rehburger Handwerker, die nach dem Mord an ihrem Pastor im Jahr 1713 gerädert und gepfählt wurden, ist vermutlich eine exponiertere Hinrichtungsstätte erbaut worden. ‹

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