150 Besucher an Welt der Schriftstellerin interessiert

Astrid Lindgren wollte nie Autorin sein

Astrid Lindgrens Geburtshaus. Bei dem Anblick sieht man ihre Figuren im Geiste vor sich: kleiner Onkel auf der Veranda, Herr Nilsson an der Dachrinne und Pippi auf dem Dachfirst.

Eystrup - Von Jana Wohlers. Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune … Es gibt wohl wenige, die die ersten Zeilen dieses Lieds nicht kennen. Und sicher noch weniger, die es nicht gerade mit „Hey, Pippi Langstrumpf“ gedanklich weitergesungen haben. Im Eystruper Güterschuppen nahm am Sonntagabend Journalist Peter von Sassen (Hannover) seine Gäste mit auf eine ebenso spannende wie nostalgische Reise. Eine Reise durch das Leben einer Frau, die niemals Schriftstellerin werden wollte und ihre Werke mit Vorliebe im Bett schrieb: Astrid Lindgren.

„Tomte Tummetot, Michel aus Lönneberga, die Kinder aus Bullerbü – bei wem werden durch diese Namen keine Erinnerungen wach?“, fragte Uwe Adebahr vom Veranstalter einleitend. Der Heimatverein hatte in den Alten Güterschuppen eingeladen. Dort erwartete die Besucher eine Multivisionsschau mit dem Titel „Astrid Lindgren – ganz persönlich“.

Der gebürtige Hamburger Peter von Sassen hat die bekannteste Kinderbuch-Autorin der Welt in ihrer letzten Lebensphase kennengelernt und bot den rund 150 Besuchern im ausverkauften Güterschuppen mit Fotos, Geschichten und Tondokumenten einen ganz persönlichen Blick auf sie.

„Ich liebe diesen Güterschuppen!“, sagte Peter von Sassen, hier mit seiner Frau Irmingard Kirchner.

Geboren 1907 auf dem elterlichen Hof bei Vimmerby (Südschweden) wuchs die spätere Autorin als Astrid Ericsson in sehr behüteten Verhältnissen auf. Die Mischung aus beeindruckenden Naturerlebnissen, einer großen Portion Freiheit und einer gleichzeitigen stetigen familiären Geborgenheit prägte Lindgren bis in ihre letzten Tage.

„Ihre Kindheit und Jugend hat sich sehr auf ihr Leben ausgewirkt. Ihre erste große Inspirationsquelle waren Erlebnisse, die zweite die Natur“, sagte von Sassen. Die Autorin hatte einst erklärt, sie schreibe eigentlich nur für sich und nehme ihre Ideen aus Erlebnissen ihrer Kindheit. Der Vortrag unterstrich dies. Nicht nur Orte und Schauplätze, die noch heute so in Schweden zu finden sind, dienten als Grundlagen für Lindgrens Geschichten. Auch viele Charaktere ihrer Umgebung lassen sich wiedererkennen. So sei der Vater von Michel an ihren eigenen Vater angelehnt, erklärte von Sassen. Ein Eulenbaum aus dem elterlichen Garten diente als Vorlage für den Limonadenbaum aus „Pippi Langstrumpf“.

Erfolgreichste Kinderbuch-Autorin der Welt

Bei den schönen Geschichten aus der Feder Lindgrens könne man meinen, ihrer sorgenlosen Kindheit sei ein sorgenloses Leben gefolgt. Doch Lindgrens Leben war von einem stetigen Auf und Ab durchzogen. Mit 18 Jahren wurde sie ungewollt schwanger. Sie verlor früh ihren Mann und ihren Sohn, litt unter Depressionen und Selbstzweifeln. „Es ist faszinierend zu sehen, welch ein positives Denken sie sich trotz aller Rückschläge erhalten hat“, sagte von Sassen. „Wenn man mit ihr zusammen war, hatte man das Gefühl, dass von ihrer Magie etwas auf einen selbst zurückkommt.“

Die heute als erfolgreichste Kinderbuch-Autorin der Welt gefeierte Astrid Lindgren wollte zu Beginn ihrer Arbeitszeit vor allem eins: niemals Schriftstellerin werden. Ihr erstes Werk, „Pippi Langstrumpf“, erfand sie zur Unterhaltung ihrer Tochter, als diese erkrankt war. Heute umfasst Lindgrens Werk rund 40 Buchtitel mit über 145 Millionen verkauften Bänden, die in 75 Sprachen übersetzt wurden.

Die Multivisionsschau umfasste nicht nur herrliche Landschaftsbilder aus Schweden und Texte aus Lindgrens Werk, sondern auch Ausschnitte aus Interviews mit der Autorin. Im Eystruper Güterschuppen wurde es mucksmäuschenstill, als die Zuschauer Astrid Lindgren hörten und all die Geschichten ein Gesicht bekamen. „Sie war eine ganz wunderbare Persönlichkeit. So eine von der Sorte, von der man sich wünscht, dass jeder Mensch so wäre“, sagte Peter von Sassen. Ein Beispiel? Auf seine Frage, welche ihrer vielen Preise sie am liebsten möge, hatte Astrid Lindgren geantwortet: „Die schweren, weil man damit die Fenster am besten aufhalten kann.“ Lindgren war bescheiden, lebte über 60 Jahre lang in derselben Wohnung und machte sich nichts aus ihrem Ruhm.

„Es war ein wirklich großartiges Erlebnis, auf ihren Spuren zu wandern. Letztendlich begab ich mich auf eine doppelte Spurensuche: Ich suchte nach Lindgren und mir selbst“, sagte von Sassen. Mit seinem faszinierenden, leicht nostalgisch angehauchten Vortrag zog er die zahlreichen Zuschauer schnell in seinen Bann. Die Multivisionsschau präsentierte der Hannoveraner vielfältig und humorvoll. Er ließ den Zauber Lindgrens schnell in den Köpfen – und Herzen – der Zuschauer erwachen.

„Lindgren hat das Geheimnis ihrer Kindheit tief in sich verschlossen, den Schlüssel aber immer aufbewahrt. Sie war wieder ein Kind, wenn sie ihre Geschichten schrieb“, erklärte von Sassen. Er brachte Lindgren seinen Zuhörern ganz nahe. Wer hätte gedacht, dass die Autorin nicht etwa an ihrem Schreibtisch Ideen sammelte, sondern sich zum Schreiben regelmäßig in das warme Bett verdrückte?

„Man hat sich an diesem Abend mehr als einmal in seine eigene Kindheit zurückversetzt gefühlt. Es war ein wundervolles Erlebnis“, lobte eine begeisterte Besucherin.

Astrid Lindgren starb 2002. Mit ihren Geschichten hat sie sich selbst ein Denkmal gesetzt – auch wenn sie das niemals vorhatte.

Quelle: kreiszeitung.de

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