Fachdienst sucht Familien im Landkreis Nienburg

Pflegekinder: „Man muss viel aushalten und bekommt viel zurück“

Zurzeit werden Pflegefamilien für zehn Kinder im Landkreis Nienburg gesucht. - Foto: imago

Landkreis   Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Ein fremdes Kind in seine Familie aufzunehmen, ist eine Herausforderung. Der Alltag verändert sich, ebenso wie das Familiengefüge. Noch größer ist die Herausforderung, ein Kind aufzunehmen, dass seinen leiblichen Eltern entzogen wurde, weil diese überfordert waren, sich nicht gekümmert oder es sogar misshandelt haben.

Denn diese Kinder haben ein normales Familienleben womöglich nie kennengelernt. Sie können Verhaltensauffälligkeiten zeigen, die völlig überraschen. Ein harmloser Blick, eine im Grunde gewöhnliche Geste, die aber etwas in den Kleinen auslöst, sie an schlimme Dinge erinnert – und der Konflikt ist da.

Die Pflegeeltern müssen lernen, dann Ruhe zu bewahren, denn „diese Kinder tun das nicht, um einen zu ärgern. Sie tun es, weil ihr Verhalten ihre Erfahrungen widerspiegelt, die sie bis dahin gesammelt haben“, erklärt Katrin S. (Name von der Redaktion geändert). Und sie muss es wissen, denn die Frau aus dem Landkreis Nienburg nimmt seit 30 Jahren Pflegekinder in ihrer Familie auf, die aus ihr, ihrem Mann und ihren beiden leiblichen Kindern besteht.

Es gab auch Zweifel

Heute informiert sie auf Veranstaltungen künftige Pflegeeltern und berichtet von ihren Erfahrungen. Dabei ist ihr wichtig, nichts zu beschönigen oder zu verklären. „Man muss die Realität immer im Blick haben.“ Als sie und ihr Mann sich vor 30 Jahren dazu entschlossen haben, ein Geschwisterpaar bei sich aufzunehmen, habe es auch Zweifel gegeben. „Am meisten beschäftigt einen ja, dass man die Kinder vielleicht wieder hergeben muss. Das schwebt immer so über einem“, erinnert sich Katrin S. Sie und ihr Mann seien mehr oder weniger ins „kalte Wasser geworfen“ worden. „Informationsabende und Hilfen, wie man sie heute den Pflegeeltern zukommen lässt, gab es damals noch nicht.“

Das Mädchen sei zwei Jahre alt gewesen, ihr Bruder ein halbes Jahr. Sie hatten eine schlimme Zeit in ihrem Elternhaus hinter sich und das zeigte sich auch in ihrem Verhalten. „Ich hatte das Ganze falsch eingeschätzt“, sagt Katrin S. „Ich dachte: Du bist ja schon Mutter, du weißt, was du tun musst. Aber diese Kinder waren eben nicht wie meine, sondern traumatisiert. Das machte das Ganze schwer.“ Die Zweifel nagten an ihr: Mache ich alles richtig? Doch das habe sie inzwischen abgelegt und gibt das auch an künftige Pflegeeltern weiter: „Niemand ist perfekt und kann immer alles richtig machen. Da wird mal ein falsches Wort zur falschen Zeit gesagt, aber das ist menschlich.“

Während die beiden Kinder bei ihr aufwuchsen, hat sie Höhen und Tiefen erlebt – aber auch viel zurückbekommen. Heute sind die Geschwister erwachsen. Der damals kleine Junge ist nun selber Familienvater und berufstätig. Das Mädchen begleitet Katrin S. auf die Informationsabende. Dort erzählt sie aus der Sicht eines Pflegekindes – und einer Pflegemutter. Denn sie hat heute auch eine Familie, in der sie Pflegekinder aufnimmt.

Immer mehr Kinder brauchen ein Zuhause

Es gibt etwa 150 Pflegefamilien im Landkreis Nienburg und 240 Pflegekinder in Vollzeitpflege. „Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren stark erhöht“, weiß Silke Ecker, Leiterin des Fachdienstes Pflegekinderdienst und Adoptionen. Diese Zahl resultiere unter anderem aus den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, aber auch daraus, dass die Gesellschaft deutlich sensibilisiert worden sei, was Kindesmissbrauch und Verwahrlosung angehe. „Die Leute schauen genauer hin und es gibt höhere Anforderungen und schärfere Gesetze.“

Zurzeit gebe es rund zehn Kinder im Landkreis, im Alter bis zu sechs Jahren, die eine Pflegefamilie suchen. Sie befinden sich noch in sogenannten Bereitschaftspflegepunkten, während die Veranwortlichen Gutachten anfertigen lassen und die Erziehungsfähigkeit der Eltern prüfen. „Das soll so schnell wie möglich passieren, schließlich soll dieser Schwebezustand rasch beendet und klar werden, wo die Kinder künftig leben sollen.“

Pflegeeltern werden geschult

Familien, die ein Pflegekind aufnehmen wollen, warten im Durchschnitt ein halbes Jahr, bis alle Anforderungen erfüllt und Formalitäten geklärt sind. „Wer ein Kind zu sich nehmen möchte, sollte ein gutes soziales Umfeld haben, gut vernetzt sein, keine Sucht oder andere psychische Erkrankungen, sowie ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis haben“, schildert Eckert. Die Eltern müssen im Vorfeld auch an einem Qualifizierungskursus teilnehmen, in dem sie auf alle möglichen Situationen vorbereitet werden, die eintreten könnten. Auch danach lasse man sie nicht alleine, sondern biete Beratungen und Fortbildungen.

Auch Katrin S. empfiehlt, die Hilfe anzunehmen. „Man kann das nicht allein schaffen.“ Außerdem solle man stets besonnen und psychisch stabil sein, denn „man muss viel aushalten“. Allen künftigen Pflegeeltern rät sie, den Kindern Zeit zu geben, sie ankommen zu lassen und nicht gleich auf sie zuzustürmen.

Außerdem wünscht sie sich, dass Kinder schneller aus ihrem problematischen Umfeld geholt werden. „Wenn ein Kind erstmal ein bestimmtes Alter erreicht und zuviele negative Erfahrungen gesammelt hat, können wir ihm nicht mehr helfen. Und das ist dann schwer zu akzeptieren.“

Info-Abend

Jedes Jahr werden im Landkreis viele Kinder in Pflegefamilien untergebracht, weil sie aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können. Der Pflegekinderdienst sucht deshalb immer wieder Menschen, die dazu bereit sind, ein Kind für einen befristeten Zeitraum oder auf Dauer in ihrer Familie aufzunehmen. Für alle, die an dieser Aufgabe interessiert sind, findet Dienstag, 17. Februar, um 18.30 Uhr ein Informationsabend in der Beratungsstelle in der Rühmkorffstraße12, in Nienburg statt.

Quelle: kreiszeitung.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Politik

Ursachenforschung nach tödlichem Hubschrauberabsturz in Mali

Ursachenforschung nach tödlichem Hubschrauberabsturz in Mali
Karriere

Studie: Zehn Berufe, die vom Aussterben bedroht sind

Studie: Zehn Berufe, die vom Aussterben bedroht sind
Politik

102 Tote in Venezuela - Maduro greift USA an

102 Tote in Venezuela - Maduro greift USA an
Reisen

Klingende Sehenswürdigkeiten: Gescher Glocken im Münsterland

Klingende Sehenswürdigkeiten: Gescher Glocken im Münsterland

Meistgelesene Artikel

Reitturnier zum Jubiläum

Reitturnier zum Jubiläum

Autoscooter-Diebe stellen sich der Polizei

Autoscooter-Diebe stellen sich der Polizei

Bekifft mit dem Motorrad unterwegs

Bekifft mit dem Motorrad unterwegs

Wetterexperte Manfred Kettel sieht aktuelle Lage entspannt

Wetterexperte Manfred Kettel sieht aktuelle Lage entspannt

Kommentare