Clemens Becker berät als Sozialarbeiter des Kirchenkreises Menschen in Geldnot

Mit spitzem Bleistift gegen falsche Bescheide

Formulare und Behördensprache bereiten vielen Menschen Probleme: Wer Rat braucht, kann sich mit Problemen bei Hartz IV, ALG II oder anderen finanziellen Sorgen an die Sozialberatung im Kirchenkreis Nienburg wenden.
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Formulare und Behördensprache bereiten vielen Menschen Probleme: Wer Rat braucht, kann sich mit Problemen bei Hartz IV, ALG II oder anderen finanziellen Sorgen an die Sozialberatung im Kirchenkreis Nienburg wenden.

Nienburg/Stolzenau – Clemens Becker leistet im Grunde Detektivarbeit: Er durchforstet Akten, rechnet Bescheide mit spitzem Bleistift nach und übersetzt „Amtsdeutsch“. Und zwar für andere. Becker ist seit sieben Jahren Kirchenkreis-Sozialarbeiter in Stolzenau, auch in Nienburg ist der 61-Jährige tätig. „Und zwar unabhängig“, betont er.

Die Kirchenkreis-Sozialarbeit ist Becker zufolge eine Besonderheit der niedersächsischen Kirchen. So soll sie jeder Kirchenkreis anbieten, und die Stellen arbeiten unabhängig von einander. „Sie werden zu 100 Prozent von er Kirche finanziert. Es gibt keine Zuwendungen, etwa vom Jobcenter oder Ähnliches“, erklärt er. „Ich berate Menschen, die zu wenig Geld haben. Ich prüfe die Sachlage und helfe ihnen, ihre Rechte durchzusetzen“, bringt es Becker auf den Punkt.

Ein aktuelles Beispiel sind Schulbücher. Das neue Schuljahr hat begonnen, und viele Familien müssen Bücher, Hefte oder andere Materialien kaufen. „Für Schulkinder, die Leistungen nach dem SGB II, also Hartz 4, erhalten, zahlt das Jobcenter einen Zuschuss zum Unterrichtsmaterial“, erklärt Becker. Das sind 100 Euro am zum 1. August und 50 Euro zum 1. Februar. „Dieser Zuschuss ist nur für Schulranzen und Schreibmaterialien bestimmt, er enthält nicht die Kosten für die Bücher“, stellt Becker klar. „Kosten für Bücher muss das Jobcenter übernehmen. Und zwar zusätzlich zur Pauschale.“ Dies gelte auch für Schüler, die Grundsicherung oder Asylbewerberleistungen erhalten.

Der Hintergrund: Nach einem Urteil des BSG im Mai 2019 muss das Jobcenter die Kosten für Schulbücher zusätzlich zur Pauschale übernehmen, die im Rahmen von Bildung und Teilhabe gezahlt wird. Dies sei jedoch weitgehend unbekannt, sodass kaum jemand wisse, dass die Schulbücher tatsächlich extra beantragt werden können, so Becker weiter. „Wir gehen davon aus, dass dadurch allein im Bereich des Jobcenters Nienburg Anträge für über 100 000 Euro nicht gestellt werden“, rechnet er vor. Diese Anträge können aber noch rückwirkend für das Schuljahr 2019/20 gestellt werden – „sofern man die Quittungen noch hat“, sagt Becker.

Im Schnitt betreut der 61-Jährige rund sechs Klienten pro Woche in Stolzenau, in Nienburg sind es zwischen acht und zehn. Wegen Corona allerdings nur mit Terminabsprache und Mund-Nasen-Schutz. Wenn es nach Becker geht, könnten es wesentlich mehr Klienten sein: Seit der Corona-Pandemie hätten auch Menschen, die ansonsten ihr Leben im Griff haben, plötzlich finanzielle Schwierigkeiten, sagt er. Häufig werfe sie die unvorhergesehene Kurzarbeit oder auch Arbeitslosigkeit aus der Bahn. „Doch an die kommen wir nur schwer ran“, bedauert der Sozialarbeiter. Diese Menschen wüssten meist gar nicht, dass es diese Beratung gibt.

Auch Alleinerziehende geraten Becker zufolge öfter in finanzielle Schwierigkeiten, häufig weil Unterhaltszahlungen nicht geleistet werden. Andere Menschen hätten schlicht falsche Vorstellungen vom Umgang mit Geld oder auch mit Krediten. Oder sie lassen ihre Geldangelegenheiten schleifen. Klienten mit mehreren Tausend Euro Schulden hatte Becker ebenfalls schon am Tisch sitzen. Diesen Leuten vermittelt er auch Kontakte zur Schuldnerberatung.

Generell rät er jedem, der finanzielle Probleme hat oder dem sie drohen, sich frühzeitig zu melden. „Viele wissen gar nicht, welche Ansprüche auf Unterstützung sie haben“, weiß Becker. Zudem seien Bescheide häufig falsch. Jeder dritte Bescheid der Jobcenter ist in seinen Augen fehlerhaft. Becker zufolge habe das in letzter Zeit zugenommen. „Das ist so ein Bauchgefühl“, schränkt er ein. Eine Überprüfung amtlicher Bescheide kann sich also lohnen. Und wenn Ungereimtheiten auftauchen, scheut sich Becker nicht, sich für seine Klienten einzusetzen. „Ich mache mich auch durchaus beim Jobcenter unbeliebt“, meint er und ergänzt: „Ich tue das, was ich für meinen Klienten für richtig halte!“ Und das am liebsten direkt, per Telefon. Doch aus dem kurzen Draht zu den Sachbearbeitern ist inzwischen die Warteschleife der Jobcenter-Hotline geworden, bedauert Becker. „Das ist schade. Früher konnte ich da direkt anrufen und die Dinge haben sich meist schnell geklärt.“

Schulbuch-Urteil

Aktenzeichen B 14 AS 6/18 R und B 14 AS 13/18 R

Von Katrin Köster

Clemens Becker

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