Fall Judith Thijsen 

Sexualmord in Rehburg-Loccum - lebenslange Haftstrafe gefordert 

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Der Angeklagte in einem Gerichtssaal im Landgericht in Verden.

Verden - Im Mordprozess gegen einen verurteilten Sexualstraftäter vor dem Landgericht Verden hat die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Freiheitsstrafe und Sicherungsverwahrung wegen Mordes gefordert.

Es sei klar, dass der 49-Jährige der Täter sei, sagte Staatsanwältin Annette Marquardt am Donnerstag im Landgericht Verden. Das Urteil sollte noch am Nachmittag gesprochen werden. 

Der Mord im Klosterwald im Kreis Nienburg westlich von Hannover hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt, denn der Angeklagte soll die 23 Jahre alte Frau 2015 während eines unbegleiteten Freigangs aus einer Maßregelvollzugsklinik umgebracht haben. Dort war er in Therapie, weil er bereits 2012 wegen Vergewaltigung zu fast fünf Jahren Haft verurteilt worden war. Weil der Mann alkoholsüchtig war, war er vom Gefängnis in den Maßregelvollzug verlegt worden. 

Die drei Vertreter der Nebenklage forderten am Donnerstag ebenfalls eine Verurteilung wegen Mordes. Rechtsanwalt Raban Funk wandte sich direkt an den Angeklagten. „Sie sind ein Mörder. Sie haben grausam getötet, um den Geschlechtstrieb zu befriedigen.“ Funk vertritt die Schwester der getöteten jungen Frau. Er bezeichnete den 49-Jährigen als Serienvergewaltiger mit rituellem Vorgehen. 

Die beiden Verteidiger des Angeklagten plädierten auf Freispruch. Für eine Verurteilung gebe es keine Beweise, betonten die Anwälte. „Was ist, wenn der wahre Täter noch frei herumläuft?“, fragte Anwalt Torben Werk. 

Der 49-jährige Deutsche bestreitet die Tat. Während des seit September 2016 laufenden Prozesses hatte er allerdings überwiegend geschwiegen. Erst nach mehr als 30 Prozesstagen las er am Mittwoch eine Erklärung vor. „Ich habe mit ihrer Tötung nichts zu tun“, hieß es darin. Nach den Schlussworten am Donnerstag sagte er: „Ich kann mich den Ausführungen meiner Anwälte nur anschließen.“ 

Die Staatsanwältin und die Vertreter der Nebenklage nannten als wichtiges Beweismittel gegen den Angeklagten vor allem ein Kaugummipapier mit der DNA des Mannes, das in der Nähe der Leiche lag. Zudem war der Mann nach seinem unbegleiteten Ausgang mit deutlichen Kratzspuren in den Maßregelvollzug zurückgekommen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage gehen davon aus, dass die Verletzungen aus einem Kampf mit der jungen Frau stammen. 

Der Angeklagte hatte den Mitarbeitern der Klinik unterschiedliche Gründe für die Verletzungen genannt. Vor Gericht erklärte er die Schrammen kurz vor Schluss der Beweisaufnahme mit einem Radunfall. Auf unebenem Weg habe er die Kontrolle über sein Fahrrad verloren und durch Büsche Verletzungen im Gesicht bekommen. 

Nach der Tat hatte es verschiedene Ermittlungspannen gegeben. So wurde das Kaugummipapier als „untersucht“ abgelegt, obwohl eine DNA-Untersuchung noch ausstand. Monate später fiel das Versäumnis auf, die DNA führte schließlich zum Angeklagten. Auch hatte es schon früh einen Hinweis gegeben, dass ein Patient des Maßregelvollzugs am Tattag Freigang hatte und mit Kratzern im Gesicht zurückkam. Die Ermittler waren dem aber zunächst nicht näher nachgegangen. 

Der Tod der jungen Frau und eine Reihe anderer Vorfälle im Maßregelvollzug in Niedersachsen führten dazu, dass das Land Lockerungen für Gewalt- und Sexualverbrecher stärker hinterfragt. Inzwischen wurde ein juristisches Kompetenzzentrum eingerichtet, das die Maßregelvollzugseinrichtungen bei der Gewährung von Vollzugslockerungen unterstützen soll.

Hintergrund: Was geschah nach dem Mord an der 23-jährigen Judith Thijsen

20. September 2015: In einem Wald in der Nähe des Klosters Loccum im Landkreis Nienburg wird die Leiche einer seit Tagen vermissten jungen Frau aus der Region gefunden. Schnell ist klar, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Die Mordkommission sucht nach dem Mann, mit dem die 23-Jährige vor ihrem Verschwinden gesehen wurde.

15. April 2016: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, dass sie einen Patienten des Maßregelvollzugs für die Tat verantwortlich macht. Der wegen Vergewaltigung verurteilte Mann war wegen seiner Alkoholsucht Patient in Rehburg-Loccum. Bei einem Ausgang soll er die Frau umgebracht haben. Er wurde anhand einer DNA-Analyse überführt.

5. Mai 2016: Es wird bekannt, dass es Ermittlungspannen gegeben hat. So wurde ein zerknülltes Papier als "untersucht" abgelegt, obwohl eine DNA-Untersuchung noch ausstand. Monate später fiel das Versäumnis auf. Dem Hinweis, dass ein Patient des Maßregelvollzugs am Tattag Freigang hatte und mit Kratzern im Gesicht zurückkam, gingen die Ermittler zunächst nicht näher nach.

28. September 2016: Zum Beginn des Mordprozesses vor dem Landgericht Verden sagt der Angeklagte, dass er sich nicht zu den Vorwürfen äußern will. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft hat der Mann eine Neigung zu Sadismus und ist wegen seiner psychischen Befindlichkeiten als gefährlich einzustufen.

16. Februar 2017: Der Maßregelvollzug in Bad Rehburg gerät wegen unterschlagener Unterlagen unter Druck. Die Staatsanwaltschaft teilt mit, dass bei einer Durchsuchung der Klinik umfangreiche Dokumente sichergestellt wurden.

24. Februar 2017: Die Pannen haben Konsequenzen. Der leitende Arzt und Vollzugsleiter im Maßregelvollzug wurde freigestellt.

15. Juni 2017: Im Mordprozess werden die ersten Plädoyers gehalten.

dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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