Traumatische Erinnerungen syrischer Flüchtlinge / Neues Zuhause in Rohrsen / Katja Keul besucht die Betroffenen

Morddrohungen und Bombenangriffe

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Keul (Mitte) aus Marklohe mit Dolmetscher Karim Iraki (r.) und den beiden syrischen Flüchtlingsfamilien Alo, die in Rohrsen eine neue Heimat gefunden haben. ·
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Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Keul (Mitte) aus Marklohe mit Dolmetscher Karim Iraki (r.) und den beiden syrischen Flüchtlingsfamilien Alo, die in Rohrsen eine neue Heimat gefunden haben. ·

Nienburg - Seit drei Jahren tobt in Syrien der Bürgerkrieg, dem bereits mehr als 100 000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Zwei syrische Familien haben nach ihrer Flucht im Kreis Nienburg eine neue Bleibe gefunden. Die Brüder Ibrahim und Isa Alo mit ihren Frauen und Kindern leben inzwischen in Rohrsen, wo sie die Bundestagsabgeordnete Katja Keul (Bündnis 90/Grüne) besuchte.

Wie Keul in ihrer Mitteilung berichtet, kam sie nicht allein nach Rohrsen: Bei ihr waren der Nienburger Stadtrat und der Integrationsmentor Karim Iraki, der für die Flüchtlinge übersetzte. Seit einer guten Woche sind Ibrahim Alo und seine sechs Kinder im Alter zwischen 15 und 24 sowie sein Bruder Isa mit vier Kindern (12, 15, 18 und 21 Jahre) in Rohrsen. Die meisten Räume im Haus sind noch leer. Bei der Suche nach Mobiliar will den Familien Karim Iraki den Familien zur Seite stehen, so Keul.

Die beiden Väter erzählten der Politikerin ihre Geschichte: Die freie syrische Armee der Rebellen sei nachts in ihre Heimatstadt im Norden Syriens einmarschiert und habe sich Gefechte mit den staatlichen Sicherheitskräften geliefert, berichten sie. Drei Tage und drei Nächte hätten etwa 1 500 bis 2 000 Rebellen gemeinsam mit den Al-Nusra-Milizen die Stadt belagert und die etwa 300 Soldaten Assads bekämpft und getötet. Alawitische Soldaten seien von den Milizen sofort hingerichtet worden, wenn sie sich ergaben, berichten die Flüchtlinge. „In den folgenden Tagen schickte Assad weitere Soldaten, die nach heftigen Gefechten ebenfalls gegen die freie syrische Armee und die Al Nusra Brigade unterlagen“, sagten sie. Nach dem Sieg der Rebellen seien kurdische Kämpfer aus den kurdischen Gebieten im Osten gekommen und hätten die Hoheit über die Stadt beansprucht. Während nun die Al Nusra Brigaden gegen die kurdischen Freiheitskämpfer kämpften, ließ Assad die Stadt aus der Luft bombardieren. Dabei verloren auch die beiden Brüder viele Freunde und Verwandte. „Die Bilder von verstümmelten Toten lassen sie bis heute nicht los“, berichtet Keul. Isa Alo leide an den Symptomen einer traumatischen Belastungsstörung und bekomme Medikamente. Auch die Kinder hätten zu viel gesehen.

Immer wieder musste die Familie in Nachbarorte flüchten. Als yezidische Kurden waren die Alos immer gegen Assad gewesen, der ihnen keine Bürgerrechte in Syrien gewährte. Für die islamistischen Al-Nusra-Brigaden waren sie hingegen Ungläubige, die als solche ermordet wurden. Ibrahim Alo sei von der Al Nusra am Telefon mit seiner Hinrichtung bedroht worden, wenn er nicht 100 000 syrische Dollar zahle. Der Mann versteckte sich daraufhin getrennt von seiner Familie, die sich 15 Tage lang in ihrem Haus verbarrikadiert hatte, während die Kämpfe eskalierten. Später habe ein Großteil der Familie eine Gefechtspause genutzt, um über die Grenze in die Türkei zu fliehen, sagen die Brüder. Ibrahim Alo flüchtete vor einem bevorstehenden Angriff der Al Nusra zusammen mit einer Tochter am 13. August in die Türkei, nach Istanbul. „Ich habe niemals vorgehabt meine Heimat zu verlassen und war der letzte, der ging“, sagt Ibrahim Alo. Nur die älteren Dorfbewohner hätten darauf bestanden, in ihren Häusern zu bleiben. Wenige Tage nach seiner Ankunft in Istanbul erfuhr Ibrahim Alo, dass auch diese Menschen ermordet worden waren. „Das Hab und Gut wurde geraubt und die Häuser teilweise vermint“, sagt er. Drei seiner Cousins starben, als sie in das Haus ihrer Mutter zurückkehren wollten.

Mithilfe von türkischen Schleppern buchten die verstreuten Familienmitglieder Flüge nach Düsseldorf, wo sie im November landeten und Asylanträge stellten. Erst in Friedland sei die Familie am 24. November wieder zusammengekommen.

Auf die Frage der Abgeordneten, was Deutschland für die syrische Bevölkerung tun könne, antworteten die Familienväter, dass sie sehr hofften, weitere Verwandte nach Deutschland holen zu können. Ihr größter Wunsch für das neue Jahr sei, dass ihre Kinder wieder zur Schule gehen und auch die Älteren ihr Studium fortsetzen können. Ihren Ersten Schultag hatten die minderjährigen Kinder inzwischen am Montag in Heemsen. Nun hoffen beide Familien auf einen Neugebinn in Deutschland.

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