Mordprozess: Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg hält Unterlagen zurück

Gericht lässt Klinik nach Patientenakten durchsuchen

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Anscheinend liegen dem Gericht nicht alle Behandlungsakten des Angeklagten vor.

Verden/Bad Rehburg - von Wiebke Bruns. Versucht das niedersächsische Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg (MRVZN) nach dem Mord an der 23-Jährigen Judith Thijsen etwas zu vertuschen?

Am Mittwoch wurden die Räume der Einrichtung von der Polizei nach Patientenunterlagen durchsucht. Dies war unmittelbar zuvor von der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Verden während einer Sitzung in dem Mordprozess gegen Jörg N. angeordnet worden. Anlass dazu hatte die Aussage eines behandelnden Arztes der Einrichtung gegeben. Der Diplompsychologe – bei Namensnennung droht er mit rechtlichen Konsequenzen – musste dem Gericht zum zweiten Mal als sachverständiger Zeuge Rede und Antwort stehen. Dabei ging es erneut um die Frage, wie man im MRVZN zu der Einschätzung gekommen war, dass der Angeklagte kein sexueller Sadist und kein Psychopath sei. So war es in einem früheren Prozess festgestellt und daraufhin die Sicherungsverwahrung des 49-Jährigen angeordnet worden. Weil unabhängig davon eine Alkoholtherapie als erforderlich angesehen worden war, kam der Angeklagte zunächst in den Maßregelvollzug. „Das war auch nur eine Verdachtsdiagnose“, so der Zeuge zu dem Gutachten aus dem damaligen Prozess. Der Psychologe aus dem MRVZ diagnostizierte „Störungen des Sexualverhaltens“. Wie er dazu gekommen war, wollten insbesondere Gericht und Staatsanwältin wissen. Schlüssig erklären konnte der 60-Jährige es ihnen nicht. Ab Ende 2014 waren Jörg N. unbegleitete Freigänge gewährt worden. Insgesamt 70 bis 80, schätzte der Zeuge. Bei einem solchen Freigang soll der Angeklagte im September 2015 den Mord begangen haben. Von der Diagnose „Psychopath“ wirkte der Zeuge schlichtweg überrascht. „Ich weiß nicht, wo Sie diese Diagnose her haben“, erwiderte er auf eine Frage der Ersten Staatsanwältin Annette Marquardt. Das entsprechende Gutachten war seinerzeit Grundlage für die Anordnung der Sicherungsverwahrung. Nebenklagevertreterin Katharina Theuerkaufer fragte konkret nach: „Haben Sie das Gutachten mal gelesen?“ „Ja“, behauptete der Zeuge. Zunehmend schien sich der Verdacht zu bestätigen, dass dem Gericht nicht alle Behandlungsunterlagen des Angeklagten Jörg N. aus dem MRVZN vorliegen. Konkret fehlt die Dokumentation von rund 60 Einzeltherapien. Viermal war die Polizei bereits im MRVZN, um Unterlagen zu beschlagnahmen. Im Vertrauen auf die Herausgabe aller Unterlagen war bislang auf Durchsuchungen verzichtet worden. „Steht bei Ihnen noch ein Ordner N., den wir nicht haben?“, fragte verständnislos der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk. Eine klare Antwort blieb aus: „Ich war zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung im Urlaub. Ich bin nicht verantwortlich dafür“, so der Zeuge. Die Staatsanwältin beantragte kurz darauf die Durchsuchung. Nach der Mittagspause wurde die Befragung des Psychologen fortgesetzt – und plötzlich blätterte er in einem mitgebrachten Ordner und konnte konkrete Daten nennen. Nicht nur der Vorsitzende und die Staatsanwältin wirkten fassungslos. Die Juristin beantragte die Beschlagnahmung des Ordners. Der Zeuge gab ihn freiwillig heraus. Wie der Vorsitzende nach einer kurzen Sichtung feststellte, enthielt der Ordner Originaldokumente, woraufhin der gestrige Verhandlungstag vorzeitig beendet wurde.

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