Alleinerziehende und ihr Lockdown-Alltag / Virtuelles Café für Austausch

Mütter im Spagat

Die alleinerziehende Mutter Hilke Lübber sitzt mit ihren beiden Kindern auf einem Schlitten und macht ein Selfie.
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Gruppenbild auf dem Schlitten: Trotz vieler stressiger Tage versucht Hilke Lübber, ihren beiden Kindern etwas Abwechslung zu bieten – wie hier im Garten.
  • Wenn Hilke Lübber an den März 2020 zurückdenkt, dann sind es zunächst keine schönen Erinnerungen. Der erste Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie erwischte die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern mit voller Wucht. „Das war eine Katastrophe – ich war fix und fertig. Das hat mich alles gekostet“, bilanziert sie. So wie ihr geht es offenbar vielen Alleinerziehenden im Landkreis. Im Nienburger Alleinerziehendencafé treffen sie auf offene Ohren von Gleichgesinnten – derzeit ausschließlich online.
  • Erster Lockdown stellte Hilke Lübber und Henrike Wintergrün vor massive Betreuungsprobleme
  • Virtueller Stammtisch des Alleinerziehenden-Cafés hilf beim Austausch
  • Beide Familien haben sich ihren eigenen Weg durch den Lockdown gesucht

Landkreis Nienburg – Hilke Lübber aus Leese und Henrike Wintergrün aus Marklohe haben sich über den Online-Stammtisch kennen- und schätzen gelernt. Das nächste Zoom-Treffen haben sich beide bereits im Kalender notiert: 12. März.

Dampf ablassen bei Menschen, die die eigene Lage nachvollziehen können, Runterkommen und gemeinsam nach vorne schauen – das sind die drei Eckpfeiler des Online-Treffens. Etwa sechs Frauen nutzen derzeit dieses Forum, sagen die Initiatorinnen Mirja Kleuker (Beauftragte für Chancengleichheit des Jobcenters), Susanne Reinert (Koordinatorin im Familienzentrum St. Michael) und Katrin Fedler (Beraterin und Coaching in der Koordinierungsstelle frau+wirtschaft).

Für Hilke Lübber war der erste Lockdown eine Kraftprobe: „Ich habe damals noch gearbeitet“, erläutert die Diplom-Ingenieurin, die als Architektin tätig ist. Plötzlich habe sie dann keine Kinderbetreuung mehr gehabt, da Kindergarten und Schule zunächst schließen mussten. „Zuerst konnte ich meine Kinder mit zur Arbeit nehmen“, erzählt sie. Es sei Stress pur gewesen. Doch die 44-Jährige wollte Familie und Arbeit unbedingt unter einen Hut bekommen: „Ich wollte ja meinen Job gerne behalten.“

Ihr familiäres Helfernetzwerk war plötzlich auf Null: „Die Großeltern waren schon zu alt und angeschlagen. Und man wusste ja nicht so genau, was da mit Corona kommt“, so Lübber. Der Vater ihrer Kinder unterstützte sie zwar so gut es ging, vor allem an den Wochenenden, aber dennoch: „Ich habe zu allen möglichen Zeiten gearbeitet und habe mich oft allein gefühlt“, erinnert sich die Leeserin an diese Zeit. Später, als ihr Sohn und ihre Tochter in die Notbetreuung gehen durften, sei es besser geworden.

Beim Zeitunglesen ist sie auf das Alleinerziehendencafé Nienburg aufmerksam geworden. „Ich dachte: Das ist genau das, was ich suche!“, berichtet Lübber. Derzeit laufen die Treffen zwar digital ab, doch das ist für Lübber „besser als nichts“. Das Konzept begeistert sie: „Die Koordinatorinnen machen da einen super Job.“. Der Austausch mit anderen Frauen in der gleichen Situation ist für Hilke Lübber sehr wichtig.

Ich habe da einen ganz tollen neuen Menschen kennengelernt.

Henrike Wintergrün über Hilke Lübber

Das sieht auch Henrike Wintergrün aus Marklohe so: Sie ist seit den ersten Treffen dabei. „Es ist eine ganz tolle Erfahrung.“ Auch der Kontakt zu Hilke Lübber freut sie sehr: „Sie hatte mich mal angeschrieben. Wir haben so viele Berührungspunkte. Ich habe da einen ganz tollen neuen Menschen kennengelernt.“

Eine gewisse Scheu, sich den anderen aus der Gruppe zu öffnen, sei am Anfang durchaus da gewesen, gibt sie zu. „Aber ich tue mich da eigentlich nicht sehr schwer“, erzählt Wintergrün. Respekt vor den teils existenziellen Problemen der anderen Frauen habe sie am Anfang gehabt, ergänzt die Markloher-in. „Unsere Schwierigkeiten sind eher anders gelagert und betreffen eher den Kindsvater und den Umgang“, deutet sie an. Seit Januar 2020 ist Henrike Wintergrün getrennt und erzieht ihren achtjährigen Sohn Mats alleine. Derzeit arbeitet sie 30 Stunden in der Woche für ein Immobilienunternehmen, leitet dort die Vertriebsstrukturen.

Die Pandemie hat auch sie an ihre Grenzen gebracht: „Der erste Lockdown kam für mich zwar nicht überraschend, entwickelte sich für mich und mein Kind aber zu einer absoluten Nervenprobe“, erinnert sie sich. Auch sie hatte in dieser Zeit keine Kinderbetreuung, und Mats’ Vater sei in ein anderes Bundesland umgezogen. „Mats und ich sind nicht dafür gemacht, 24 Stunden am Tag zusammen zu sein“, lautet Wintergrüns Bilanz, die sie mit gelassener Stimme zieht. Zudem sei er ein lebhaftes Kind, dem zu wenig Bewegung und die fehlenden Kontakte zu Gleichaltrigen zu schaffen machen.

Für Lockdown Nummer zwei haben sie und ihr Sohn indes eine gut funktionierende Strategie gefunden: Zum einen hat sich die Markloher-in von „einigen Dingen und fremden Maßstäben“ freigemacht, wie sie sagt.

Zum anderen versucht sie, Druck rauszunehmen. So drückt sie bei Mats’ Mediennutzung auch mal ein Auge zu, und einen großen Streitpunkt zwischen ihr und ihrem Sohn hat sie erfolgreich entschärft: Mats müsse nun nicht mehr immer alle Hausaufgaben machen. Eine Entscheidung, die ihr nicht leicht gefallen sei, gibt sie zu.

Henrike Wintergrün und ihr Sohn Mats: Sie haben inzwischen einen eigenen Weg gefunden, möglichst gut durch den Lockdown zu kommen.

Aber: „Ich bin keine Lehrerin.“ Und das tägliche Drama um die Hausaufgaben habe die Beziehung zu ihrem Sohn so belastet, dass sie die Reißleine gezogen hat. Hinzukommt, dass Mats im zweiten Lockdown sowohl in die Notbetreuung als auch in den Hort gehen kann, was Henrike Wintergrün deutlich entlastet. „Jetzt arbeite ich bis 17 Uhr, solange ist Mats im Hort.“ Derzeit ist es in Ordnung – der Druck ist raus. Henrike Wintergrün hat sich mehr Gelassenheit angewöhnt. „Ich denke: Augen zu und durch. Es bringt nichts, sich aufzuregen.“

Lockdown-Strategie: Druck rausnehmen

Auch Hilke Lübber meistert den zweiten Lockdown nach eigenen Angaben entspannter. „Ich bin jetzt zu Hause“, berichtet sie. Ihren damaligen Job hat sie allerdings nicht behalten können. Unabhängig davon hat die Leeserin auch eine Strategie entwickelt, mit der Situation umzugehen. „Bei uns ist alles etwas unstrukturiert. Ich versuche, alles so entspannt wie möglich anzugehen“, erzählt sie mit Blick auf Homeschooling, fehlende Kontakte für Groß und Klein sowie die Nachrichten. Die sind im Hause Lübber derzeit bewusst kein Thema. „Meine Tochter hat am Anfang so Angst bekommen“ sagt die 44-Jährige. Darum versuche sie, ihre Kinder nicht ständig mit dem Thema Corona zu konfrontieren.

Einen Teil der Impulse für ihren derzeitigen Alltag haben beide Mütter aus den virtuellen Treffen im Alleinerziehendencafé für sich mitgenommen. Henrike Wintergrün und Hilke Lübber sind von dem Forum überzeugt. Wintergrün wünscht sich, dass noch mehr Menschen diese Möglichkeit zum Austausch nutzen – gerne auch Männer. „Nicht abschrecken lassen! Wir schimpfen nicht dauernd über die bösen Männer“, scherzt sie. „Es geht um uns und unsere Kinder.“

Auch Mirja Kleuker hofft auf noch mehr Zulauf, wenn aus den Online-Treffen wieder „live“ Termine werden. „Wir hoffen, dass wir bald wieder Präsenztreffen machen können“, sagt Kleuker. Ihrer Erfahrung nach kommen dann meist etwa 20 Personen zum Stammtisch. Weshalb es online deutlich weniger sind, kann sie sich nicht erklären.

Kontakt und Termin

Das nächste Treffen der Alleinerziehenden ist für Freitag, 12. März, geplant. Los geht es online um 16 Uhr. Aktuelle Informationen gibt es unter Telefon 05021/9229195 oder online unter www.frau-und-wirtschaft.de.

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