Beteiligte äußern sich 

Kein Einlass nach Mythodea: Lag es am Rollstuhl oder Kostüm? 

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Fantastisch gewandet – so zeigen sich viele der Charaktere in „Mythodea“.

Brokeloh - Werden Behinderte vom „ConQuest of Mythodea“ in Brokeloh ausgeschlossen? Eine Rollstuhlfahrerin aus Nienburg glaubt, solche Diskriminierung erlebt zu haben. Sie schildert ihre Erfahrung in einem Leserbrief an den Blickpunkt. Der Veranstalter bewertet ihr Erlebnis jedoch anders. 

Das „ConQuest of Mythodea“ hat wieder Tausende Rollenspieler nach Brokeloh gezogen. Doch Heike Callies aus Nienburg kam nicht auf das Gelände - sie glaubt, das liegt an ihrer Behinderung. Daher schrieb sie zum Blickpunkt-Artikel „Finstere Gestalten kämpfen in ‘Mythodea’ “ vom 4. August folgenden Leserbrief an die Redaktion:

„Ich bin behindert und dadurch auf einen E-Rollstuhl angewiesen. Allerdings, das betone ich bewusst, habe ich seit Kurzem einen auf mich angepassten E-Rollstuhl mit sechs Rädern, der in der Lage ist, kleinere Hindernisse zu überwinden und mit dem ich mich auch im Gelände bewegen kann.

Seit einigen Jahren spiele ich zusammen mit meinem Ehemann in einer kleinen Gruppe in Drakenburg Live-Rollenspiel. Dort war der Rollstuhl nie ein Problem. Er wurde für das Spiel einfach ignoriert. Daher wollte ich auch gerne einmal mit einem Besucher-Ticket einen Tag die Atmosphäre beim ConQuest in Brokeloh genießen. Der Blickpunkt hatte ja berichtet, dass dies mit passender Gewandung möglich ist.

Also kleidete ich mich entsprechend und bestellte ein Rollstuhl-Taxi, welches mich und meinen Ehemann am Samstag, nach Brokeloh brachte. Dort betraten wir zuerst ohne Probleme das Fantastica Festival. Mit passender Gewandung mussten wir dort nur den geringeren Eintritt von jeweils 3 Euro zahlen.

Kein Einlass auf Mythodea-Gelände

Kurz nach 12 Uhr gelangten wir an den Stand, wo die Besucher-Tickets für das Conquest verkauft wurden. Angesichts meines E-Rollstuhls verschwand die dortige Mitarbeiterin mit dem Hinweis, sie müsse sich erkundigen. Als sie wieder kam, teilte sie mit, dass ich nicht aufs Gelände dürfe. Dies sei zu unwegsam. Eine Anfrage an den Ordner, der am Eingang zum Gelände stand, ergab dasselbe. Mein Ehemann verlangte daraufhin, jemanden vom Organisationsteam zu sprechen. Diesem hielten wir dann folgendes vor: Der E-Rollstuhl ist geländegängig, denn sonst wäre ich gar nicht bis hier gekommen. Falls das Gelände doch einmal für mich unpassierbar sein sollte, würde ich dies natürlich beachten. Ich bot sogar an zu erklären, dass ich den Veranstalter von jeder Haftung für Schäden, die ich eventuell erleide, freistelle.

All dies beeindruckte den Mann nicht. Er habe Anweisung von den Veranstaltern, Menschen wie mich nicht auf das Gelände zu lassen. Dies gelte auch für jemanden mit einem Rollator. Hilfsmittel wie Rollstuhl und Rollator störten das Ambiente. Es werde daher ja auch eine passende Gewandung verlangt.

Unseren Hinweis, dass jeder in der Lage ist, sich passend zu kleiden, während ich aber auf meinen E-Rollstuhl nicht verzichten kann, ließ er nicht gelten. Es gebe Teilnehmer am Conquest, die sich eine passende Verkleidung für einen Rollstuhl bauten. Das würde zugelassen. Besucher mit Rollstuhl wolle der Veranstalter jedoch nicht. Hier habe er klare Anweisung, von der er nicht abgehen könne.

Es ging also gar nicht mehr um ein eventuell unwegsames Gelände, sondern um den Rollstuhl an sich. Dies ist eine klare Aussage hinsichtlich Diskriminierung.

Im Übrigen wurde das nie kommuniziert. Hätte ich dies gewusst, hätte ich auf eine Reise nach Brokeloh verzichtet und damit 80 Euro für das Rollstuhl-Taxi gespart. Ebenso erfuhren wir erst vor Ort, dass Besucher nur den sogenannten Tross, die Händler-Stadt, betreten dürfen. Die Bereiche der Spieler seien – selbst mit Gewandung und unter Beachtung von Verhaltensregeln – tabu. Dann brauche ich aber auch kein Besucher-Ticket, sondern kann mich gleich auf das Fantastica Festival beschränken. Daraus kann man nur schließen, dass die Veranstalter des Conquest überhaupt nicht an Besuchern interessiert sind. Daher auch die auf 200 limitierten Tages-Tickets. Dies bestätigte auch ein Vertreter der örtlichen Vereine, der meinem Ehemann sagte, dass die Veranstalter des Conquest nur auf deren Druck hin zumindest der gängigen Besucher-Regelung zugestimmt hätten. Wenn dies alles so ist, sollten die Veranstalter zumindest dazu stehen und dies vorher ausreichend kommunizieren.

Traurig ist dies jedoch allemal. In den ersten Jahren des Conquest, als es darum ging, die Öffentlichkeit aufzuklären, was dort vor sich geht, haben die Veranstalter sogar Führungen für alle über das Gelände angeboten. Jetzt ist man anscheinend so groß und finanziell gut aufgestellt, dass normale Besucher nur noch stören.

Abschließend sei noch einmal darauf hingewiesen, dass alle Live-Rollenspieler, mit denen ich bisher zu tun hatte, die Benutzung eines Rollstuhls wie selbstverständlich akzeptierten. Es werden ja auch moderne Brillen akzeptiert, die Spieler brauchen, obwohl es diese in der Fantasy-Welt nicht gab. Ob die Veranstalter des Conquest mit ihrer beschriebenen Haltung daher derjenigen ihrer Teilnehmer entsprechen, möchte ich doch einmal stark bezweifeln. Und: Diskriminierung ist immer schlimm, ich erlebe sie als Behinderte leider viel zu häufig.“

Antwort des Veranstalters

Aufgrund der Veröffentlichung des Leserbriefes meldete sich Tobias Mittermeier vom Veranstalter des „Conquest of Mythodea“ Live Adventure mit folgender Stellungnahme: 

„Das ConQuest, welches seit 15 Jahren in Brokeloh stattfindet, ist seit jeher eine Veranstaltung, die auf Toleranz und gegenseitiger Unterstützung basiert. Nicht nur haben wir seit jeher ein enges und freundschaftliches Verhältnis mit vielen Brokelohern, sondern auch unser Event-Team besteht aus mehreren hundert Helfern, die jedes Jahr ihren Sommerurlaub damit verbringen, gemeinsam etwas großartiges und phantastisches zum Leben zu erwecken. Gemeinsam tauchen wir als Liverollenspieler in eine fantastische Welt ein - und versuchen dabei so viele störende Erinnerungen an den Alltag wie möglich hinter uns zu lassen.

Innerhalb des Spiels sind daher Handys, Taschenlampen, Chipstüten und alles andere, was ans 21. Jahrhundert erinnert, unerwünscht. Alle Teilnehmer (und auch Besucher) müssen kostümiert sein und es gibt strenge Regeln, um dieses „stimmige Ambiente“ für alle zu gewährleisten. Hier wird aber sowohl von uns als Veranstalter wie auch von den Teilnehmern klar unterschieden zwischen Objekten, auf die man aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit nicht verzichten möchte (z.B. Ventilatoren oder Handys) und solchen, welche man aus gesundheitlichen Gründen benötigt, um am Spiel teilzunehmen (zum Beispiel einer Brille oder einer Gehhilfe). Bei letzteren sind Liverollenspieler zu jeder Zeit problemlos in der Lage, diese das "Ambiente störenden" Dinge zu ignorieren. Es werden schließlich auch die neon grünen Dixie-Toiletten oder der RTW-Einsatz als nötige Störung der mittelalterlichen Stimmung akzeptiert. Und genau das gilt auch für Gehhilfen oder Rollstühle.

Barrierefreiheit in Mythodea

Natürlich ist es nicht ganz leicht, sich mit einem Rollstuhl über eine Pferdekoppel zu bewegen. Auch hat man andere Ansprüche - zum Beispiel an die sanitären Anlagen. Da sich unter unseren Teilnehmern so einige mit Gehhilfen oder Rollstühlen befinden, haben wir hier schon vor vielen Jahren nachgebessert und versuchen an so vielen Stellen wie möglich barrierefreie Lösungen anzubieten. Zu unseren Maßnahmen, die schon seit etlichen Jahren in Kraft sind und jedes Jahr ausgebaut werden, zählen unter anderem:

  • extra große (behindertengerechte) Mobiltoiletten 
  • zusätzliche spezielle Mobiltoiletten in der Nähe der Lagerplätze von vorab angemeldeten Rollstuhlfahreren 
  • speziell installierte Stromanschlüsse für E-Rollstühle - Zeltplätze nahe der Ladezone bei vorab angemeldeten Rollstuhlfahrern

Der nun im Blickpunkt Nienburg aufgetauchte Vorwurf, hier gezielt Rollstuhlfahrer zu diskriminieren oder von der Veranstaltung auszuschließen, können wir daher überhaupt nicht nachvollziehen.

Im angesprochenen Fall haben unsere Ordner die Personen nicht eingelassen, da weder das Gefährt noch die Personen selbst ausreichend kostümiert waren. Es wurden auch Sicherheitsbedenken geäußert, aber ausschlaggebend war, dass sich offenbar kaum Mühe gegeben wurde, sich der Spielwelt und dem durch unsere Teilnahmebedingungen vorgegebenen Kostümstandard anzupassen. Ein Standard, der übrigens für alle Teilnehmer gilt - ganz gleich ob alt oder jung, erfahren oder neu dabei oder eben gesundheitlich eingeschränkt oder nicht.“

„ConQuest of Mythodea“ 2018

Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Harfenklang und Flötenspiel – die leisen Tönen sind es auch, die den Reiz des Fantasy-Spiels ausmachen. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Zauberhafter Ausklang: zum Ende des Tages gibt es auf dem Fantastica-Markt eine Feuer-Show. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Zauberhafter Ausklang: zum Ende des Tages gibt es auf dem Fantastica-Markt eine Feuer-Show. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Heiler bieten am Rande des Schlachtfelds ihre Dienste an – bei wirklichen Verletzungen kommen Sanitäter von den Johannitern. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Drei gegen einen – und der Recker mit dem freien Oberkörper schlägt sich dabei tapfer. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Staunend erlebt Mika de Welt von „Mythodea“. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Der Streithammer ist länger als Mika – und fällt in Null Komma Nix den Krieger. © ade
Der Streithammer ist länger als Mika – und fällt in Null Komma Nix den Krieger.
Der Streithammer ist länger als Mika – und fällt in Null Komma Nix den Krieger. © ade
Fantastisch gewandet und keinesfalls darauf bedacht, möglichst schön zu sein – so zeigen sich viele der Charaktere auf „Mythodea“.
Mit seiner Bratpfanne gibt Mika dem Bären-Mann den Rest. © ade

Hinweis der Redaktion

Leserbriefe geben die Meinung ihrer Verfasser wieder. Kürzungen vorbehalten.

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