Betroffener Gerd Hilker will andere unterstützen / Professionelle Starthilfe

Neue Selbsthilfegruppe für pflegende Männer

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„Die Männer hinterm Ofen vorlocken“, will Gerd Hilker. Starthilfe für seine neu gegründete Selbsthilfegruppe erhält er von Marlies Wienert (Mitte) und Claudia Walderbach.

Nienburg - Ein schmerzlich langer Weg liegt hinter ihm. Seit einem halben Jahr ist der 76-jährige Gerd Hilker verwitwet. Die sechs Jahre davor waren eine große Veränderung für ihn und seine an Demenz erkrankte Frau. Die Krankheit, die mit dem Nachlassen der Gehirnleistung den ganzen Menschen und seine Persönlichkeit erfasst, hatte auch sie nicht verschont, wie der Paritätische Wohlfahrtsverband mitteilt.

Professionelle Hilfe suchten die beiden bei der Alzheimer Gesellschaft Landkreis Nienburg. Insbesondere in den Gesprächskreisen für pflegende Angehörige fand Gerd Hilker Beistand. Meistens jedoch seien es Frauen, die in diese Kreise kommen. Mithilfe von Alzheimer-Gesellschaft und Paritätischem Wohlfahrtsverband Nienburg will er deshalb eine Selbsthilfegruppe für pflegende Männer gründen. Die Gruppe trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat von 15 bis 17 Uhr bei der Alzheimer Gesellschaft in der Ziegelkampstraße 20. In dieser Zeit hat dort auch das Gedächtniscafé geöffnet – dort können die Männer ihre Angehörigen betreuen lassen.

Marlies Wienert, Ansprechpartnerin bei der Alzheimer Gesellschaft, und Claudia Walderbach, Leiterin der Kibis-Beratungsstelle für Selbsthilfe beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Nienburg, stehen ihm dabei zur Seite. Sie kennen die Probleme pflegender Menschen, wissen, dass mit der Demenz des Partners das eigene Leben aus dem Ruder läuft. Der Verfall der geistigen und damit verbunden oft auch der körperlichen Fähigkeiten sei eine Tragödie. Der erkrankte Mensch verändere sich in seiner ganzen Persönlichkeit und sei nicht mehr der, der er einst war. In kleinen, dann immer größer werdenden Schritten ist er trotz aller Forschung immer noch unheilbar.

Jahre der Trauer nach Trennung

„Eine langsame, sehr schwere Trennung, ein jahrelanger Trauerprozess“, nennt es Gerd Hilker. Über 50 Jahre waren er und seine Frau Ursula verheiratet. Seine Tochter hatte ihn auf die Veränderungen im Wesen ihrer Mutter aufmerksam gemacht. „Das muss man erst einmal verinnerlichen, akzeptieren“, erinnert er sich an die zuerst aufs Alter geschobene Vergesslichkeit, „dass Ursula ihr Auto auf dem Parkplatz nicht mehr fand, dass auch im Haushalt einiges schief lief.“ Später blieb sie nicht mehr im Haus, lief einfach weg, auch nachts: Die Narkose nach einer Fußfraktur hatte alles noch verschlimmert.

Da sei das Gedächtniscafé in den Räumen der Alzheimer Gesellschaft, ein Treffen für Menschen mit demenziellen Veränderungen, eine gute Hilfe gewesen. Die hat Gerd Hilker angenommen. Während seine Frau dort zwei Stunden lang betreut wurde, nahm er in dieser Zeit am ersten Gesprächskreis für pflegende Angehörige teil, der vor sechs Jahren ebenfalls in den Räumen der Gesellschaft gegründet worden war. Eine wichtige Erfahrung, die er da machen durfte. Professionelle Beratung und praktische Tipps, der Austausch, von den Lebensumständen der anderen zu hören – all das hat ihm gutgetan, hat ihn gestärkt.

„Viele Menschen möchten damit aber nicht konfrontiert werden, schweigen, lenken ab“, weiß auch Marlies Wienert.

Die wohl schlimmste Erfahrung überhaupt war für Hilker „der Schritt von der Tagespflege in ein Heim, wenn es zu Hause gar nicht mehr geht, zugeben zu müssen, dass man nicht mehr klar kommt, dieses Gefühl des Abschiebens“. Auch hier fand Hilker Hilfe und Beistand in der Gruppe, sagt er. „So kann man wirklich zur Seite stehen, denn pflegende Angehörige bleiben oft auf der Strecke.“

www.selbsthilfe-nienburg.de

Quelle: kreiszeitung.de

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