Sarmad Borazan profitiert von Initiative

Abschluss des ESF-Projekts im Jobcenter Nienburg

Ein gutes Team: Sarmad Borazan fühlt sich wohl in der Küche des Hassbergschen Hofs, und Maître Mirko Rupp ist zufrieden.

Nienburg - Sein Weg dauerte etwas länger, aber er führte dann auch zum Happy End: Sarmad Borazan hat sein berufliches Ziel im Hassbergschen Hof gefunden und ist damit einer der letzten Nutznießer einer bundesweiten Initiative, die im Jobcenter Nienburg sehr erfolgreich umgesetzt wurde.

82 Menschen hat das Jobcenter Nienburg mittels einer Förderung des Europäischen Sozialfonds aus ihrer Langzeitarbeitslosigkeit herausgelotst und in Arbeit vermittelt. 50 Vermittlungen waren ursprünglich geplant – „Ein Ergebnis, auf das wir sehr stolz sind“, sagt Jobcenter-Geschäftsführer Frank Köhring. Von dieser Initiative wollten auch die Arbeitgeber intensiv überzeugt werden: „Ich habe mich dazu breitschlagen lassen müssen, meine Bedenken waren enorm“, sagt Mirko Rupp, der Geschäftsführer des Hassbergschen Hofs, der den Iraker Borazan seit September vergangenen Jahres in seiner Küche beschäftigt.

Die letzte Bundesregierung hatte noch unter der ehemaligen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles aus dem Europäischen Sozialfonds in die Reduzierung von Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland investiert. An den 333 beteiligten Standorten wurden die Jobcenter auch personell verstärkt, um in Betrieben gezielt zu werben für Menschen, die länger als zwei Jahre von Arbeitslosengeld II leben, zum Teil auch schon länger als fünf Jahre. „Stadt und Landkreis Nienburg bieten aber viele Arbeitgeber mit dem Mut, der Geduld und der Weitsicht für Bewerber, die lange auf diese Chance gewartet haben, um ihre Talente wieder voll auszuspielen“, sagt Karsten Hinzmann, der für das Jobcenter die Kontakte zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern vermittelt hat.

Vor rund drei Jahren war das Projekt gestartet und endet 2020, wenn die letzten geförderten Beschäftigungen ihre Mindestlaufzeit erreicht haben. Die ersten Erfolge stellten sich schnell ein, da die Förderbedingungen vielen Arbeitgebern attraktiv erschienen. Dennoch: „Das Geld spielte zumindest für mich überhaupt keine Rolle“, sagt Gastronom Rupp, „ich hatte Angst vor den möglichen Schwierigkeiten, dem Verwaltungsaufwand und dem Stress mit dem Menschen, der auch keine Zeugnisse vorweisen konnte“.

„Diese Erfahrungen haben wir durchgehend gemacht“, bestätigt auch Jobcenter-Geschäftsführer Köhring. „Neue Mitarbeiter sind zunächst immer eine Belastung für das Unternehmen, und das gilt vor allem für Menschen mit einer langen Erwerbspause beziehungsweise mit fehlenden Qualifikationen.“ 

Vorurteile hinterfragt 

Er erklärt die Idee hinter dem ESF-Förderprogramm damit, dass Unternehmern das finanzielle Risiko der Einarbeitung von Menschen ohne aktuelle Berufserfahrung aufgewogen werden sollte. „Das haben die Arbeitgeber in Nienburg intensiv genutzt“, sagt Projekt-Manager Hinzmann. „Die Arbeitgeber vor Ort sind den Bewerbern sehr offen gegenübergetreten. Sie haben sich getraut, die gängigen Vorurteile gegen Menschen aus dem Leistungsbezug zu hinterfragen und sich auch mit brüchigen Erwerbsbiografien anzufreunden“, sagt der Jobcenter-Mitarbeiter. „Der Erfolg des Projekts begründet sich allerdings auch darauf, dass wir hier vor Ort noch eine ganze Menge Helferstellen und kleinere Unternehmen mit einem engen Kontakt zwischen Chef und Mitarbeiter haben – unsere Kunden brauchen diesen direkten Draht zum Chef, sie müssen ja das Arbeiten oft ganz neu lernen.“

Auch das ist eine Erfahrung, die Mirko Rupp teilt: „Sarmad Borazan ist so engagiert bei der Sache, dass er selbst aus einem Salat ein Kunstwerk machen will – ihm ist jedes Detail wichtig. Aber zu Stoßzeiten sind für jedes Gericht die Sekunden abgezählt. Meine Arbeitswelt sieht anders aus als seine, daran muss er sich gewöhnen. Aber immerhin entwickelt er sich, er wird von Tag zu Tag besser.“

Der 47-jährige Iraker hat einige Jahre auf seine Chance gewartet, immer wieder ist er mit seinen Bewerbungen gescheitert – dass er zuhause Betriebswirtschaft studiert und diesen Abschluss dann nach langer Zeit hier auch anerkannt bekam, hat ihm wenig genutzt.

Sein Deutsch ist immer noch verbesserungswürdig, Berufserfahrung hat er kaum sammeln können – letzteres teilt er mit einheimischen Langzeitarbeitslosen, also den Menschen, die länger als ein Jahr ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sind.

„Langzeitarbeitslose bringen oft ihre privaten oder persönlichen Hemmnisse mit, wie Schulden, fehlende Tagesstruktur oder Lernschwierigkeiten. Auf der anderen Seite sind sie auch klar stigmatisiert“, sagt Projektmanager Hinzmann: „Eine gebrochene Erwerbsbiografie ist für viele Arbeitgeber ein großes Hemmnis. Manchen Arbeitgeber schmerzt die Personalknappheit noch zu wenig, um sich an Langzeitarbeitslose heranzutrauen und Herzblut zu investieren.“

Grundsätzlich benötigen diese Menschen aber auch oft eine intensive Betreuung seitens des Jobcenters, um ihren individuellen Weg zu finden. Sarmad Borazan hat lange gebraucht, um sich auszuprobieren, seine Stärken zu entdecken und die Gastronomie als Zukunft für sich zu erkennen – um ihn dort zu platzieren, hat das Jobcenter gründlich nach dem Unternehmen und dem Unternehmer, zu dem der Bewerber letztendlich passt.

Die finanzielle Förderung durch das Jobcenter hat sich dabei als effektiver Impuls für die Kontaktaufnahme bewiesen, war allerdings auch kein alleiniger Garant für den Erfolg. „Ein Drittel der Arbeitsverhältnisse endete vorzeitig; wenige davon sehr schnell, viele liefen aber auch mindestens ein Jahr“, sagt Köhring, der mit diesem Ergebnis sehr zufrieden ist.

Pädagogische Begleitung

„Wir haben alle Projektteilnehmer sozialpädagogisch begleiten lassen, um auch deren Persönlichkeit zu stärken. Das hat den Beschäftigten geholfen, mit den Belastungen der modernen Arbeitswelt zurecht zu kommen und hat uns als Jobcenter gezeigt, wie wir unsere Leistungen noch genauer auf die Bedürfnisse der Betriebe anpassen müssen.“

Sarmad Borazan gehört im Hassbergschen Hof jetzt zu einem Team aus Deutschen, Arabern, Holländern und Asiaten – eine bewusste Entscheidung des Maître Rupp: „Jeder bringt hier seine Herkunft mit ein, und Sarmad ist eine Persönlichkeit, die hier ohne Vermittlung des Jobcenters nicht begonnen hätte. Dass ich die Chance habe, ihm die Zeit zu geben, sich zu entfalten, empfinde ich als Geschenk.“

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