Gelungene Integration

Ganz selbstverständlich Altenpfleger: Anu Sadia ist angekommen

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Angekommen im Alltag: Anu Sadia ist Auszubildender zum Altenpfleger im Alpheide-Seniorenzentrum. Er ist damit eine Seltenheit, er selbst hält diese Berufswahl für eine Selbstverständlichkeit.

Nienburg - Zwei Jahre ist er hier. Und jetzt auch endlich mittendrin im normalen deutschen Alltag – mit ständigem Lernen, Verpflichtungen und Tagen voller neuer Eindrücke. Mittendrin im Arbeitsalltag ist er gelandet. Dabei war für ihn mit seiner Einreise nach Deutschland erstmal beruflich das Ende gekommen.

Mit seinem Universitätsabschluss in Wirtschaftswissenschaften konnte er wenig anfangen, obwohl der hier anerkannt ist. Auch seine Kenntnisse in der Buchhaltung sind hier ohne Wert. Aber Anu Sadia hat bewiesen, dass er sich neu orientieren und einen neuen Sinn für sich finden kann. Für seine Ausbilderin Silke Peckart jedenfalls ist er ein Gewinn. Vielleicht sogar eher ein Segen. Das Jobcenter Nienburg hat dafür den Grundstein gelegt.

Seit zwei Monaten steckt der Syrer in der schulischen Ausbildung zum Altenpfleger beim ESTA-Bildungswerk und absolviert im Nienburger Alpheide Seniorenzentrum seinen praktischen Teil. Silke Peckart ist die Hausleitung im Alpheide-Zentrum und hält jemanden wie Anu Sadia für ein Geschenk. Laut dem Bundesamt für Statistik rangiert der Beruf des Altenpflegers außerhalb der 20 beliebtesten Ausbildungsberufe. Ungefähr jede siebte Pflegekraft ist ein Mann. 

Anu Sadia sieht sich dagegen ganz selbstverständlich in diesem Beruf: „Ich bin von zuhause einen respektvollen Umgang mit älteren Menschen gewohnt“, sagt er, „deshalb bringt mich diese Arbeit auch als Persönlichkeit weiter“. Der Syrer hatte sich während der gesamten zurückliegenden Zeit ohnehin mehr Kontakt zu Einheimischen gewünscht und den jetzt auch im Beruf für sich gefunden.

„Darum merkt ihm jeder auch schnell an, dass er sich hier wohlfühlt“, sagt Silke Peckart. Die Hausleiterin kann spüren, dass sich ihr Azubi während seines Arbeitsalltags immer besser erschließt, wie Deutsche ticken: „Der Umgang über Kulturen und Generationen hinweg, bedeutet für beide Seiten einen enormen Gewinn.“ 

Sehr stark bemüht

Im Gegenteil zu vorherigen Zweifeln zum Erfolg einer solchen Ausbildung, empfindet die Hausleiterin eine ganz besondere Verbindung zwischen ihren Bewohnern und ihrem Auszubildenden, weil für beide Generationen Krieg eine unmittelbare Erfahrung darstellt und beiden Seiten eine Plattform für Verständnis bietet.

Ressentiments gegen einen arabischen Mann in der Pflege sei kaum mehr wahrnehmbar. Das sei ihrer Meinung nach größtenteils aber auch dem persönlichen Engagement von Anu Sadia zu verdanken. Er habe sich selbst sehr stark um seine Integration bemüht. „Das gipfelte sogar darin, dass er einen Zumba-Kurs für die Mitarbeiter mitgemacht und uns im Gegenzug motiviert hat, eine betriebseigene Fußball-Mannschaft aufzustellen“, sagt Silke Peckart. Ein Geben und ein Nehmen also.

Morgens hatte der 33-Jährige seine Sprachkurse besucht und schon früh parallel dazu angefangen, versicherungspflichtig zu arbeiten. Inzwischen spricht er auf dem Niveau, mit dem er im Beruf klarkommt. „Herr Sadia nutzt die Chancen, die wir ihm eröffnet haben“, sagt Jobcenter-Geschäftsführer Frank Köhring. „Wir begleiten den Integrationsprozess von Beginn an – das beginnt damit, dass wir die Kosten für die Übersetzung von Zeugnissen übernehmen; wir schaffen die formalen Voraussetzungen, damit jeder einzelne Flüchtling seinen Sprachkurs absolvieren kann, und wir arbeiten eng mit unseren Trägern zusammen, um individuelle Schwierigkeiten auszuräumen und Wege in die Ausbildungsbetriebe zu ebnen.“

Will Frau und Kinder nachholen

Sadia hat den Weg gut gemeistert: Nach den Sprachkursen absolviert er nämlich seine Ausbildung. Eine Leistung, die Respekt abverlangt, die ihm aber auch viel Türen in Deutschland öffnet. Anu Sadia selbst hat langfristig zum Ziel, die Menschen in seiner syrischen Heimat zu unterstützen, und dort vor allem für die nachwachsende Generation die Folgen des Krieges lindern zu helfen.

Bis er das realisieren kann, möchte er noch seine Familie nachholen – Frau und Kinder leben im Libanon, seit drei Jahren hat er keinen von ihnen gesehen und nur sporadischen Kontakt über Telefon und Kurznachrichten. Wenn er seine Familie dann wieder um sich hat, wird sich Nienburg endlich auch wie Heimat anfühlen – da, wo er einen geregelten Alltag hat. Und eine Arbeit, die ihn ausfüllt.

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