Diagnose Krebs: Wenn Eltern ihre Kinder in den Tod begleiten

Autor Frank Pape zu Gast im Nienburger Kino Filmpalast

Frank Pape und Kerstin Hildebrandt
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Frank Pape und Kerstin Hildebrandt im Nienburger Filmpalast

Nienburg - Von Maren Hustedt. Zur Vorführung des Kinofilms „Gott, Du kannst ein Arsch sein!“ trafen sich im „Filmpalast“ Autor Frank Pape und die Nienburgerin Kerstin Hildebrandt. Beide teilen ein gemeinsames Schicksal.

Es gibt Menschen, die stehen einander so nahe, dass die Verbindung zwischen ihnen sogar für Dritte körperlich spürbar ist. Als zur Vorführung des Films „Gott, Du kannst ein Arsch sein!“ die Nienburgerin Kerstin Hildebrandt und der Autor Frank Pape, sich im Filmpalast Nienburg treffen, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Sie teilen ein gemeinsames Schicksal: Beide verloren eine jugendliche Tochter an die Krankheit Krebs. Und beide haben ihr jeweiliges Kind bis zur letzten Sekunde begleitet – im Fall von Kerstins Tochter Sina zeitweise gemeinsam.

„Sina ist am 22. Januar 2016 in meinen Armen eingeschlafen“, erinnert sich Kerstin Hildebrandt an den letzten Moment, den sie mit ihrer Tochter teilen durfte. Frank Pape hat seine Tochter am 28. Dezember 2014 zum Sterben in den Stall getragen: „Mary durfte an der Seite von unserem Pferd Luna einschlafen. Ich bin froh, dass ich ihr diesen Wunsch erfüllen konnte.“ Im Gespräch mit Kerstin Hildebrandt und Frank Pape findet sich keine Spur von Wut oder Verzweiflung. Vielmehr umgibt die beiden eine Art Aura von Liebe und Dankbarkeit - aber eben auch von tiefer Trauer.

Kerstin Hildebrandt, Jenny Meyer und Frank Pape trafen sich im Nienburger Filmpalast.

Um einander im schwersten Kapitel ihres Lebens nahe zu sein und wertvolle Zeit miteinander zu verbringen - beschreibt Frank Pape - schrieben er und seine 16-jährige Tochter gemeinsam auf, was Mary nach der Diagnose erlebte, wie sie fühlte und vor allem, was sie sich von ihrem begrenzten Leben noch wünschte. „Irgendwann kam der Tag, da sagte Mary zu mir: Papa, du musst das unbedingt öffentlich machen. Damit die Leute mich verstehen. Damit sie endlich verstehen, warum es keinen Sinn macht, mir einen Obstkorb mit gesunden Vitaminen zu schenken. Ich werde auf jeden Fall sterben.“

Ein Roman mit Botschaft

So ist aus dem, was als intimes Tagebuch entstand, ein Roman mit Botschaft geworden. Unter dem Titel „Gott, du kannst ein Arsch sein!“ ist er kurz nach Marys Tod in die Buchhandlungen gekommen und mittlerweile in vierter Auflage erschienen. Aktuell ist in den Kinos der gleichnamige Film gestartet, der mit Til Schweiger, Heike Makatsch und Sinje Irslinger in den Hauptrollen gedreht wurde. Auf diese Weise beeinflusst das Schicksal Marys bis heute nachhaltig das Leben von Frank Pape und seiner Familie.

Nachdem Frank Pape – seinerzeit als Unternehmensberater - schon früh erfolgreich war, hatte er auf Geheiß seines damaligen Mentors damit begonnen, sich im Bereich der Seelsorge und Hospizarbeit zu engagieren. „Ich wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Mir war der Tod nicht fremd. Ich begegnete ihm bereits als Kind.“ Berührungsängste mit dem Thema Sterben hatte und hat Frank Pape bis heute nicht.

Frank Pape signiert seine Bücher.

Während Marys Krankheit konzentrierte er sich auf die Begleitung seiner Tochter und schöpfte dafür auch Kraft aus dem Gelernten. Er erinnert sich: „Nachdem Mary gestorben war und nur wenige Wochen nach dem Erscheinen des Buches, klingelte eine fremde junge Frau an unserer Tür. Sie war von Krebs schwer gezeichnet, wog vielleicht noch 40 Kilo und bat uns um Hilfe. Sie wollte bei Luna sterben – genauso wie Mary.“ Frank Pape erfüllte ihr diesen Wunsch und öffnete sein Haus fortan für die Unterbringung und Begleitung von Krebspatienten, Traumatisierten, Suizidgefährdeten und anderen Hilfesuchenden.

„Luna hat einen sechsten Sinn für die Bedürfnisse von Krebspatienten“ - Frank Pape

„Pferde – und ganz besonders Luna - haben einen sechsten Sinn für die Bedürfnisse von Krebspatienten“, sagt Frank Pape. „Luna behandelt die Hilfesuchenden wie ihr Fohlen. Sie kann die Medikamente der Chemo riechen und spürt, wenn die Kräfte eines Menschen zu Ende gehen.“ So war es bei Mary und später auch bei Sina aus Nienburg, die vor ihrem Tod unbedingt einmal reiten wollte. Während ihrer Behandlung in der Medizinischen Hochschule Hannover freundete sich die 18-Jährige mit Jenny Meyer an. Die hatte das Buch von Frank Pape gelesen und knüpfte einen Kontakt. An den Tag der Begegnung erinnert sich Frank Pape lebhaft: „Als Sina auf Luna traf, war das ein unglaublicher Moment. Die beiden harmonierten sofort, und obwohl Sina noch nie zuvor in ihrem Leben geritten war, hob sie vom Gefühl der Freiheit überwältigt im Galopp ihre Arme und ritt freihändig.“ Kerstin Hildebrandt erzählt: „Fortan war Frank für Sina da – uneingeschränkt, Tag und Nacht.“

Bis heute ist Frank Pape für Hilfesuchende da. Um seine Arbeit zu finanzieren, gründete er den Verein „Ein Lächeln für Dich“. Außerdem betreibt er eine Kaffeerösterei und hat gerade eine Ausbildung zum Chocolatier absolviert. Auch Kerstin Hildebrandt engagiert sich heute für krebskranke Menschen. Sie arbeitet ehrenamtlich im Verein „Flugkraft“. Dabei handelt es sich um ein Foto- und Hilfsprojekt, in dessen Rahmen auch von Sina besondere Erinnerungsfotos entstanden sind. Anerkennend erzählt Frank Pape: „Kerstin hat immer für Sina gekämpft - wie eine Löwenmutter.“ Viele Wünsche und Träume der jungen Frau konnten darum vor ihrem Tod noch verwirklicht werden, andere hingegen nicht.

Autor Frank Pape im Foyer des Nienburger Filmpalastes.

Die Reise nach Paris, die Frank Papes Tochter Mary so gern erleben wollte, fand für sie nicht mehr statt. In diesem Punkt unterscheidet sich ihr Schicksal vom Drehbuch des Films, der dieses letzte große – aber eben fiktive - Abenteuer der Protagonistin beschreibt. „Für die Rolle meiner Tochter konnte sich niemand besseres finden lassen als Sinje Irslinger“, lobt Frank Pape das Spiel der jungen Schauspielerin. Gemeinsam mit Til Schweiger und Heike Makatsch zeigt sie auf, mit welcher Wucht die Diagnose Krebs als Bombe in eine Familie einschlägt. Wie sie sowohl die Gegenwart als auch Zukunft aller Beteiligten in ihren Grundfesten erschüttert, wie so Vieles von dem, was gestern noch wichtig erschien, sich einfach in Luft auflöst und die Zeit bedeutungslos wird.

Nach dem gemeinsamen Kinoabend, in dessen Verlauf Frank Pape Bücher aus dem Bestand der Buchhandlung Leseberg für seine Leser signierte und für eine Gesprächsrunde mit Kinobetreiber Holger Glandorf und den Kinobesuchern zur Verfügung stand, meint die sichtlich bewegte Kerstin Hildebrandt: „Der Film trifft es genau. Es war, als sei Sina ganz dicht bei mir gewesen.“

Der Abschiedsfilm von Sina Ludwig ist zu sehen auf Youtube unter Flugkraft-Abschieds-Video-Krebs-Heldin-Sina.

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