Selbsthilfegruppe Prostatakrebs 

„Offen reden ist das Beste, was man machen kann“

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Heinrich Siemering würde sich über Besuch von jüngeren Leuten in seiner Selbsthilfegruppe freuen. 

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Selbsthilfegruppe. Das ist für Heinrich Siemering aus Holtorf nicht nur ein Wort, sondern Programm. In der Nienburger Gruppe, in der an Prostatakrebs Erkrankte zusammenkommen, wird zwar auch über die Krankheit gesprochen. Aber vor allem geht es darum, wie man mit ihr umgeht, was man für sich tun – kurzum, wie man sich selber helfen kann. Darauf legt der Vorsitzende großen Wert und dafür unternimmt er eine Menge, wie sein Zeitplan beweist: Mal ist er auf einer Fortbildung, mal besucht er Vorträge über Behandlungsmethoden, mal ist er zu Gast beim Krebsinformationstag. Was er an Neuigkeiten und Impulsen bekommt, trägt er in seine Gruppe.

Der 76-Jährige ist aktiv und versprüht fröhliche Gelassenheit. Dabei bekommt er gerade wieder mal eine Chemotherapie, die ihn ziemlich anstrengt. Doch er lässt sich von seiner Krankheit nicht runterziehen. „Ich sage mir, ich habe einen Untermieter in meinem Körper und mit dem muss ich klarkommen. Ich versuche, es positiv zu sehen.“ Positiv? „Man lernt, die Zeit zu genießen, die man hat, lebt intensiver und bewusster.“

Mit 63 Jahren bekam Siemering die Diagnose. „Ein schwerer Schock“, erinnert er sich. „Wie wohl jeder Mensch lebte ich in dem Glauben: ,Sowas passiert mir nicht.’“ Sein Urologe habe ihn beruhigt: „Er meinte, dass sei kein Problem. Die Prostata käme raus und dann sei alles in Ordnung.“ Siemering glaubte dem Artz. Er schüttelt den Kopf, wenn er daran denkt. „Ich war blauäugig.“

Heute wünschte er, er sei gleich in eine Selbsthilfegruppe gegangen oder sogar, als er noch gesund war. „Dort hätte ich mich sicher besser informieren können. Ich hätte vielleicht von den Erfahrungen der anderen profitiert und mir wäre viel erspart geblieben.“ Er habe einen langen Leidensweg hinter sich, denn die erste Operation ist nicht die letzte geblieben.

Als er nach der Diagnose im Krankenhaus lag, sei er erstmal in ein Loch gefallen. „Die Gedanken kreisen: ,Hoffentlich kommst du da wieder raus, Was macht deine Frau, wenn du nicht mehr da bist?’ Man grübelt und grübelt“.

Nach etwa einem halben Jahr rappelte Siemering sich wieder auf und las einen Aushang über eine Selbsthilfegruppe für Prostatakrebs in Verden. Er zögerte nicht lange, ging hin und fühlte sich sofort wohl. „Ich hatte keine Vorbehalte, ich wollte Neues erfahren.“ Man habe gleich offen geredet und das sei „das Beste, was man machen kann“. Siemering weiß, dass mancher Erkrankte auch anders damit umgeht. „Die setzen sich in die Ecke und reden nicht. Das ist wohl das Schlimmste, was es gibt.“

Als er 2009 erfuhr, dass auch eine Gruppe in Nienburg gegründet werden sollte, beteiligte er sich und wurde einer ihrer „Väter“. Ende 2014 ernannten die anderen ihn zum Vorsitzenden. 22 Leute gehören dazu und neue sind immer willkommen. „Niemand muss reden, wenn er nicht möchte“, betont Siemering. Das älteste Mitglied ist 91 Jahre. „Schön wäre es, wenn auch mal jüngere Leute vorbeikommen, die noch nicht betroffen sind“, sagt Siemering. „Sie können sich einfach mal über die Krankheit und Behandlungsmethoden informieren. Die meisten kommen, wenn sie schon operiert sind, so wie ich. Und da ist es für viele Tipps bereits zu spät.“ Die Jüngeren können von den Älteren lernen und das helfe, Fehlentscheidungen zu vermeiden. „Ein Gruppenmitglied sagte einmal: ,Das, was ich hier erfahre, sagt mir kein Arzt, weil denen oft die Zeit für einen intensive Beratung fehlt.’“

Wie in Siemerings Leben, steht der Krebs auch in der Gruppe nicht im Fokus. „Natürlich geht es auch mal darum. Und wenn jemand aus dem Krankenhaus kommt, fragen wir, wie es ihm ergangen ist. Aber die meiste Zeit konzentrieren wir uns darauf, was wir tun können, damit es uns besser geht.“

Quelle: kreiszeitung.de

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