Stadtrat votiert gegen das Elf-Millionen-Euro-Projekt in der Fußgängerzone

Nienburgs Politik kippt Bau der Wissensburg

Nienburg Wissensburg Innenstadt
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Anstelle dieser Schrottimmobilie in Nienburgs Fußgängerzone sollte die Wissensburg gebaut werden. Was mit dem Siebziger-Jahre-Bau nun passiert, ist völlig offen.

Nienburg - von Leif Rullhusen. Plan A ist vom Tisch. Und einen Plan B gibt es nicht. Der Rat der Stadt Nienburg hat den Bau der Wissensburg gekippt. Mit 23 zu 15 Stimmen votierte das Gremium am Dienstag gegen die Realisierung des Elf-Millionen-Euro-Projektes in Nienburgs Fußgängerzone.

Die Wissensburg sollte nach ihrer Fertigstellung die Stadtbibliothek sowie das Stadt- und Kreisarchiv beherbergen. Die Planungen für ein neues Archiv und eine neue Bibliothek beginnen nun wieder bei Null.

Vorangegangen war der Entscheidung gegen das Kulturgroßprojekt eine äußerst lange Debatte sowie eine geheime Abstimmung. Nienburgs Bürgermeister Henning Onkes rührte noch einmal ordentlich die Werbetrommel für den Neubau in der Langen Straße. Der neue Kulturstandort werde die Innenstadt beleben, argumentierte der Verwaltungschef. „Da geht es um Arbeitsplätze“, mahnte er. Durch die hohen Fördergelder für das Projekt werde die Stadt haushalterisch sogar handlungsfähiger, entgegnete er der Kritik, die Kosten für die Wissensburg würden die zukünftigen finanziellen Möglichkeiten der Stadt lähmen. Die Alternative zum Bau der Wissensburg sei der weitere Verfall der Gebäude, in denen sich Archiv und Bibliothek jetzt befinden, ein drohender Abstieg der Stadt sowie der Verlust von Fördergeldern, warnte der Bürgermeister.

Zu groß, zu teuer und zu hohe Folgekosten

Vergebens: Zu groß, zu teuer und zu hohe Folgekosten waren die Hauptargumente in der Debatte gegen das Großprojekt. „Wir können uns die Wissensburg zu diesem Zeitpunkt nicht leisten“, argumentierte SPD-Fraktionschefin Anja Altmann. Der Bürgermeister würde von Fördermitteln sprechen, die die Stadt noch gar nicht habe. Insgesamt sei der Bereich Kosten zu kurz gekommen. Sozialdemokrat Klaas Warnecke mahnte, dass das bestehende Personal zum Betreiben der Wissensburg nicht ausreichen würde. „Das Projekt ist in dieser Größe für Nienburg nicht passend“, erklärte der CDU-Fraktionsvorsitzende Hans-Peter Rübenack. Es sei über die Jahre immer größer geworden. Zudem seien die Kosten solcher Großprojekte der Stadt immer wieder aus dem Ruder gelaufen. Als aktuelles Beispiel nannte er die geplante Obdachlosenunterkunft mit einer Preisabweichung von 30 Prozent. Der Liberale Heiner Werner bezweifelte, dass mit einem solchen Haus der Kultur Nienburgs Innenstadt zu retten sei.

Rückenwind bekam Bürgermeister Onkes vom Sozialdemokraten Horst Prüfer. „Die Bibliothek und das Archiv brennen uns aufgrund der baulichen Substanz unter den Nägeln“, argumentierte Prüfer. „Das Archiv ist das Gedächtnis der Stadt, und das bekommt Alzheimer. Das aktuelle Konzept der Wissensburg ist sehr gut und zukunftsweisend.“ Die Bibliothek im Posthof sowie das Archiv seien marode und nicht barrierefrei. Der Posthof zudem zu klein. Deshalb benötige die Stadt eine zeitgemäße Unterbringung für beides, ergänzte die Grüne Petra Jäkel. Die Gegner im Rat würden einen fatalen Rückzieher machen, kritisierte Sabine Hartung (WG). Für zwei Drittel der Fördermittel gebe es bereits Zusagen. „Wer nicht zustimmt, wird ein viel größeres Loch in den Haushalt reißen.“

Innerhalb der Fraktionen unterschiedliche Meinungen

Laut eigener Aussagen stimmten die Grünen geschlossen für die Wissensburg. Die CDU votierte mehrheitlich und die FDP/ULN komplett dagegen. Uneinheitlich waren die Positionen in der SPD und der WG. Relativ deutlich war das Ergebnis mit 23 Gegenstimmen.

Mit dieser Entscheidung hat ein jahrelanger Marathon durch die politischen Instanzen der Kreisstadt ein Ende gefunden. Die Wissensburg, die unter ihrem Dach neben dem Stadt- und Kreisarchiv sowie der Stadtbibliothek auch einen Kulturbereich beherbergen sollte, wird in dieser Form nicht gebaut. Alternative Ideen wurden in den zurückliegenden Jahren nicht ernsthaft verfolgt.

Zeitverlust mindestens zwei Jahre

Bürgermeister Henning Onkes bezifferte den Zeitverlust für die Umsetzung eines neuen Projektes am Dienstagabend auf mindestens zwei Jahre. Eine optimistische Prognose: Zum einen beginnen die Planungen wieder ganz von vorne und zum anderen wählen die Nienburger im kommenden Jahr ein neues Stadtparlament und vielleicht auch einen neuen Bürgermeister. Bis sich die politischen Gremien sortiert haben, wird zusätzlich Zeit verstreichen. Währenddessen wird es weiter in das baufällige Stadt- und Kreisarchiv hineinregnen, und auch der Posthof wird weiter vor sich hingammeln.

Das Investitionsvolumen für das geplatzte Projekt belief sich laut einer aktuellen Kostenberechnung des mit der Planung beauftragten Architekturbüros auf gut 11 Millionen Euro. Rund 1,3 Millionen Euro hat die Stadt bereits für den Grundstückskauf und Planungskosten investiert. Im Rahmen des Städtebauförderprojektes ISEK erwartete Nienburg Fördermittel in Höhe von 8,2 Millionen Euro.

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