Tag der offenen Tür auf der Sonderabfalldeponie Münchehagen

Darüber reden – nicht schweigen

+
Ein Tor, ein Schild – viel mehr weist nicht auf die Sonderabfalldeponie hin – nur zum Tag der offenen Tür können Besucher sich selbst ein Bild machen.

MÜNCHEHAGEN - von Beate Ney-Janßen. Als Giftmülldeponie ersten Ranges ist die Sonderabfalldeponie Münchehagen in die Geschichte eingegangen. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Sicherung der Anlage haben Interessierte nun die Chance bekommen, sich das Gelände bei einem Tag der offenen Tür anzusehen.

MÜNCHEHAGEN - von Beate Ney-Janßen. Als Giftmülldeponie ersten Ranges ist die Sonderabfalldeponie Münchehagen in die Geschichte eingegangen. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Sicherung der Anlage haben Interessierte nun die Chance bekommen, sich das Gelände bei einem Tag der offenen Tür anzusehen. Erinnerungen sind beim Gang über die Deponie wach geworden und auch an Mahnungen hat es nicht gefehlt. 

Wachsam zu bleiben ist ein Anliegen, das Dieter Hüsemann und Wolfgang Völkel im Bezug auf die Sonderabfalldeponie teilen.

„Früher haben wir hier gebadet“, sagt ein älterer Herr, „als hier noch eine Tongrube war.“ Dann lässt er sich anhand von Querschnitten und Grundrissen erklären, was in den Jahrzehnten danach auf dem Platz passiert ist, an den er so schöne Kindheitserinnerungen hat. 30 Meter tief führt die Dichtwand in den Boden, die den Deponiekörper auf der Sonderabfalldeponie umfasst. Eine Art Deckel ist darüber gestülpt. Und an vielen Stellen auf dem idyllischen grünen Hügel, als der die Deponie sich heute darstellt, ragen Messstationen aus dem Boden. Überall dort wird kontrolliert, ob das, was um die Jahrtausendwende als „Sicherung der Altlast Münchehagen“ gefeiert wurde, auch wirklich sicher ist. Ob es das bleibt, das kann keiner auf Dauer voraussagen und das hat auch das Bewertungsgremium aus drei Gutachtern in seinem jüngsten Statusbericht wieder einmal mitgeteilt. Deshalb, lautete das Fazit erneut, sei davon auszugehen, dass noch über weitere Jahrzehnte mehr als nur ein wachsames Auge auf die Deponie geworfen werden müsse. Diese Botschaft hat Umweltminister Stefan Wenzel mit der Übergabe des Berichtes aufgenommen. Der daraufhin zusagte, dass ein weiterer Vertrag des Landes mit den Anrainer-Kommunen und der Anliegergemeinschaft geschlossen werden solle, wenn das derzeit gültige, zeitlich begrenzte Vertragwerk auslaufe. Insofern können die Anwohner aufatmen.

Das Misstrauen hat sich aber auch mehr als zehn Jahre nach der Sicherung der Altlast in der Bevölkerung nicht ganz gelegt. Wolfgang Völkel ist einer derjenigen, die seinerzeit in den 1980er Jahren vor dem Tor standen. An die Presseerklärung, die er mitgebracht hat zum Tag der offenen Tür, hat er auch alte Zeitungsartikel angeheftet. Ein Foto zeigt junge Menschen bei der Blockade der Deponie. „Die Deponie bleibt geschlossen“ und „Hier ist nicht nur Dioxin tödlich“ haben sie auf Bettlaken geschrieben, die an der symbolischen Absperrung hängen. „Bei denen habe ich auch gestanden“, sagt Völkel. Auf einem weiteren Foto ist eine Menschenmenge zu sehen, die Spalier steht – an jenen Demonstranten mussten die Rehburg-Loccumer Ratsmitglieder auf dem Weg zur Sitzung vorbei. Dass sie gemeinsam gegen die Deponie vorgehen wollen, zeigten die Menschen damit. Und dass die Stadt sich ihnen anschließen sollte. Die Pressemitteilung hat Völkel im Namen des Rehburg-Loccumer Ortsverbandes von Bündnis 90/Die Grünen mitgebracht – und auch im Namen der Bürgerinitiative „Rehburg-Loccumer Bürger gegen Giftmüll“. Der Ortsverband sei aus den Initiativen gegen die Deponie überhaupt erst entstanden, erzählt er. Und die Initiative werde immer dann wieder einbezogen, wenn etwa die jährlichen Statusberichte zu Sicherheit und Unwägbarkeiten der Altlast vorgelegt würden. Wachsam zu bleiben, das ist sein vorrangiges Ziel. 30 Jahre sind schließlich seit der Schließung der Anlage vergangen. Da ist eine Menge Ruhe eingekehrt. Interessieren sich nicht mehr so viele Menschen für das Gift, das in dem riesigen Deponiekörper eingeschlossen ist und von dem immer noch nicht vollends bekannt ist, um was es sich denn überhaupt handelt. „Eigentlich war unser Ziel, dass der Dreck hier weg kommt“, bekräftigt Völkel noch einmal.“ Das ist nicht gelungen. Wer wollte denn schon diesen „Dreck“ haben? Und was wäre dann - mit womöglich unabsehbaren Folgen – angefasst worden? Jetzt liegt es immer noch dort in den Gruben. Weite Grünflächen, kleine Teiche und Wäldchen an den Rändern können fast darüber hinweg täuschen, dass dieses Fleckchen einmal zum Brennpunkt in Deutschland wurde und der Name „Münchehagen“ sogar in der Tagesschau an erster Stelle fiel.

Viele der Besucher, die den Tag der offenen Tür nutzen, hatten irgendwann Berührungspunkte mit der Deponie. Wie Annekatrein Kleine aus dem nicht weit entfernten Winzlar, deren Tochter gerade geboren war, als die ersten Schreckens-Meldungen kamen. Jahre später, ihre Tochter war schon zwölf Jahre alt, stand sie demonstrierend vor dem Tor des Loccumer Klosters. Gerhard Schröder, der zum Neujahrsempfang der Landeskirche dorthin kam, wollten sie so auf die Problematik aufmerksam machen. „Der hat sich erst an uns vorbei getraut, nachdem er seine Bodyguards geholt hatte“, erinnert sie sich. Dabei wären sie nur ein kleines Grüppchen gewesen und hätten auch ihre Kinder dabei gehabt. Hautnah erlebt hat auch Dieter Hüsemann die Geschichte der Altlast, wenn auch erst ab 1989. Damals wurde er Stadtdirektor Rehburg-Loccums – und wusste kurz nach Amtsantritt kaum wie ihm geschah, als er sich zu der Problematik äußern sollte. Ahnung hat er schnell von der Angelegenheit bekommen und seine Absicht, nur ganz kurz auf die Deponie zu schauen, kann er beim Tag der offenen Tür nicht umsetzen. Er kennt sie doch – die ganzen Menschen, die dort stehen und den Besuchern Auskunft geben. Hat mit manchen hart verhandelt, hat als Chef der Stadtverwaltung auch schon mal die Muskeln spielen lassen. Hat sich in mancherlei Beziehung mit den Bürgerinitiativen solidarisiert und sowohl mit ihnen als auch mit dem Land Niedersachsen nach einer Lösung gesucht. Dass die Erinnerung an das, was dort unter der grünen Decke liegt, nicht verblassen darf, dass die Kontrolle nahtlos weitergehen muss, auch wenn das Land Jahr für Jahr sechsstellige Summen dafür ausgeben muss – das sieht er genauso wie Wolfgang Völkel. Dass die Aufmerksamkeit nicht nachlässt, ist das eine Anliegen. Andererseits haben die Menschen gerade in Münchehagen aber noch ein weiteres Anliegen. Sie möchten auch klar stellen, dass mit der Sicherung der Deponie ein großer Schritt auf dem Weg der Image-Pflege ihres Dorfes gemacht wurde. Wer hat in den 1980er Jahren schon ernsthaft in Erwägung gezogen, sich dort niederzulassen, wo sogar Fässer mit Dioxin aus Seveso vermutet wurden? Die Fragen, ob es denn heutzutage sicher ist in Münchehagen und den umliegenden Ortschaften, kommen zwar immer wieder auf. Aber mittlerweile gehen die Menschen offensiver damit um. So ist etwa nach intensiven Diskussionen auch im Ortsrat beschlossen worden, dass bei den Gästeführungen, die für Münchehagen in Vorbereitung sind, die Sonderabfalldeponie nicht tot geschwiegen werden soll. Darüber zu reden, da sind sich alle einig, ist besser, als darüber zu schweigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Auto

Mit dem E-Auto gut gewärmt durch den Winter

Mit dem E-Auto gut gewärmt durch den Winter
Technik

Das neue iPad Pro ist ein Super-Tablet

Das neue iPad Pro ist ein Super-Tablet
Leben

Wie viel Auslauf brauchen Hamster?

Wie viel Auslauf brauchen Hamster?
Welt

Bedrückende Bilder: Das blieb nach dem verheerenden Brand von Thomas Gottschalks Villa übrig

Bedrückende Bilder: Das blieb nach dem verheerenden Brand von Thomas Gottschalks Villa übrig

Meistgelesene Artikel

Unbekannter gibt Hinweis auf Fundort der Leiche von Elke Kerll

Unbekannter gibt Hinweis auf Fundort der Leiche von Elke Kerll

Nienburg: Erster Weihnachtsbaum steht

Nienburg: Erster Weihnachtsbaum steht

Polizei Nienburg nimmt Auto-Dieb fest

Polizei Nienburg nimmt Auto-Dieb fest

Lack im Futter: Puten aus Landkreis Nienburg belastet

Lack im Futter: Puten aus Landkreis Nienburg belastet

Kommentare