Ina Melzel betrachtet Transplantationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln

„Organspende verletzt die Integrität des Sterbenden“

Personen, die einen Organspendeausweis besitzen, dokumentieren dadurch, ob sie als Spender zur Verfügung stehen, welche Organe sie von ihrer Zustimmung ausschließen oder wer im Zweifel die Entscheidung über eine Spende treffen soll. ·
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Personen, die einen Organspendeausweis besitzen, dokumentieren dadurch, ob sie als Spender zur Verfügung stehen, welche Organe sie von ihrer Zustimmung ausschließen oder wer im Zweifel die Entscheidung über eine Spende treffen soll. ·

Bücken - Von Jana Wohlers. Möchte ich nach meinem Tod Organe spenden? Wann ist ein Mensch richtig tot? Und was bedeutet das eigentlich: Organspende und Organempfang? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gab die ehemalige Pastorin Ina Melzel im Rahmen eines Landfrauen-Treffens im Gasthaus Thöle in Bücken.

Unter dem Titel „Ethische, kulturelle und theologische Fragen und Gedanken zur Organtransplantation“ ging sie nicht nur gesellschaftlichen Kritikpunkten und Fragen auf den Grund, sondern präsentierte vor allem eine aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtete, facettenreiche Aufarbeitung des Themas.

Den Fokus des Referats mit anschließender Diskussions- und Fragerunde legte sie auf die postmortalen Organspenden, also die, die an Toten vorgenommen werden. „Organspende ist ein von der Gesellschaft eher negativ konnotiertes Thema“, sagte Melzel, die 20 Jahre als Pastorin in Mellendorf (Region Hannover) tätig war und nun in einer Reha-Klinik in Bad Fallingbostel arbeitet.

Vor allem die jüngsten Organspende-Skandale, die die Medien in den vergangenen Monaten aufgegriffen haben, hätten ihren Teil zu einem eher schlechten Meinungsbild zu der Thematik beigetragen. „Gerade bei diesem Thema ist zu bedenken, dass die Einstellung und Entscheidung immer subjektiv bei den Individuen liegt“, sagte Melzel. Die eine „gute“ Meinung, ein Richtig oder Falsch, gebe es nicht.

Die Referentin strebte während des Abends eine objektive Darstellung der Sachverhalte an und beleuchtete sowohl emotionale als auch medizinische Aspekte. Zu den Kernfragen der Transplantation gehöre vor allem die Frage nach dem Zeitpunkt des Todes. „Wann verlässt unsere Seele den Körper? Wann ist ein Mensch eigentlich tot?“, verdeutlichte Melzel die Problematik. Besonders der sogenannte Hirntod eines Menschen führe bei den Angehörigen oft zu einer zwiespältigen Situation.

Aus medizinischer Sicht ist ein Mensch tot, wenn das Gehirn seine Funktion eingestellt hat. Häufig werden die Patienten durch Maschinen künstlich am Leben erhalten. „Genau hier liegt das Problem vieler Betroffener. Medizinisch gesehen ist der Mensch tot. Durch diese Maßnahmen erscheint er aber warm, er atmet noch“, erklärte Melzel. In dieser Situation tritt oft ein gespaltenes Todesempfinden auf. Denn: Für die menschliche Wahrnehmung sei das Sterben ein klar definierter Prozess, sagte die Referentin.

Mit der Organspende sind für Ina Melzel auch gesellschaftliche Tabubrüche verbunden. „Durch eine Organspende wird die Integrität eines Sterbenden verletzt. Und überhaupt: In unserer Kultur wartet man nicht auf den Tod eines anderen“, sagte die Referentin. Über den Tod herrschen ein gesellschaftlicher Konsens, der durch die Organspende gebrochen werde. „Durch die Organspende kommt es zu einer Grenzverschiebung. Lebende haben plötzlich Organe von eigentlich Toten in ihrem Körper, sie sind Teil eines Verstorbenen und umgekehrt.“

Die Organspende ist somit nicht nur ein Thema für die Spender und ihre Angehörigen, sondern auch für die Empfänger. „Es braucht eine seelische und körperliche Annahme“, sagte Melzel. „Es gibt Menschen, die noch nie eine Zigarette im Mund hatten, aber plötzlich eine Raucherlunge haben“, erzählte Melzel von ihren Erfahrungen mit Transplantationspatienten. Die Motivation für eine Organspende liege dabei oft im menschlichen Bedürfnis, anderen helfen zu wollen. „Trotzdem muss man sich darüber im Klaren sein: Es ist eine Entscheidung im Angesicht des Todes.“

Auch sei die Vorstellung, dass eine Organspende Menschen wieder gesund mache, falsch. Denn: „Organtransplantationen zählen zu den lebensverlängernden Maßnahmen.“ Gerade aufgrund dieser Komplexität riet Ina Melzel zur Aussprache mit den Angehörigen. „Reden Sie darüber und finden Sie für sich ein Ergebnis.“ Die Bereitschaft zur Organtransplantation sollte eine Freiwilligkeit des Handels umfassen. Jeder habe in einem solchen Fall das Recht auf eine höchst subjektive Einstellung dazu.

Quelle: kreiszeitung.de

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