„Wie denken Sie über Reformen, Pfarrer Körner?“

Pfarrer Andreas Körner übernimmt katholische Gemeinde im Landkreis Nienburg

Pfarrer Andreas Köhler in der Kirche
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Der Pfarrer Andreas Köhler spricht im Interview mit Beate Ney-Janßen über das Zölibat, Maria 2.0 und Segnungen homosexueller Paare.

Der katholische Pfarrer Andreas Körner hat aktuell den Landkreis Nienburg zu seinem Pfarrbezirk hinzubekommen. Mit dem Blickpunkt sprach er über Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, Frauen als Diakoninnen oder Priesterinnen und die Aufhebung des Zölibats.

Landkreis Nienburg. Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, Frauen als Diakoninnen oder Priesterinnen und die Aufhebung des Zölibats – der Vatikan sendet für keinen dieser Punkte grünes Licht in seine Kirchenwelt. Das stößt auf geteilte Meinungen. Wir wollten von Pfarrer Andreas Körner wissen, welche Ansichten er vertritt. Der 52-jährige Pfarrer ist seit einigen Jahren für die katholischen Gemeinden in Neustadt und Wunstorf zuständig und hat aktuell auch noch den Landkreis Nienburg zu seinem Pfarrbezirk hinzubekommen. Die Fragen stellte Beate Ney-Janßen.

Herr Körner, Anfang Mai haben rund 100 Pfarrer Segnungs-Gottesdienste angeboten, die sie auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet haben. Obwohl der Vatikan sich gegen solche Segnungen ausgesprochen hat. Wie ist Ihre Ansicht dazu?

Wir haben uns nicht beteiligt, weil es auch keine Anregung und Anfragen aus unseren Gemeinden dazu gegeben hat. Ich könnte mir aber grundsätzlich Segnungs-Gottesdienste vorstellen. Zum Valentinstag beispielsweise.

Dann würden Sie auch gleichgeschlechtliche Paare segnen?

Ich würde die Menschen segnen, die in einem solchen Segnungsgottesdienst zu mir kommen. Wir müssen unterscheiden, worüber wir sprechen. Sprechen wir über die Segnung von Menschen oder über das Verständnis des Sakramentes der Ehe.

Warum der feine Unterschied?

Segnungen sind in unserer Kirche vielfältiger und breiter angelegt. Wenn wir vom Sakrament der Ehe sprechen wird es sehr konkret. Das Sakrament der Ehe spendet sich das Paar gegenseitig. Der Priester nimmt das Versprechen des Paares nur entgegen und bestätigt, dass das Paar die Ehe vor Gott geschlossen hat. Außerdem möchte die Kirche das herkömmliche Bild von Familie schützen. Vater, Mutter, Kind. Deshalb sagt die Kirche, dass es drei Voraussetzungen braucht, damit die Ehe vollzogen werden kann: Freiwilligkeit, das gegenseitige Wohl der Partner und die Bereitschaft zur Elternschaft. Dann erst kann das Sakrament der Ehe lebendig werden.

Elternschaft setzt für Sie Mutter und Vater in einer Kleinfamilie voraus?

Das wünschen sich Kinder doch! So sind zumindest meine Beobachtungen. In uns allen ist die Sehnsucht, von Mutter und Vater umgeben zu sein. Entwicklungspsychologisch ist es gut, dass Männer ihre Aufgabe als Vater, Frauen ihre als Mutter wahrnehmen.

Ist das nicht ein überkommenes Rollenbild?

Es ist sicherlich schwierig, daran festzuhalten, denn Kinder sind sicherlich auch in anderen Konstellationen liebevoll aufgehoben, wenn sie von Alleinerziehenden großgezogen werden, in Patchwork-Familien leben oder bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. Aber müssen wir deshalb das traditionelle Familienbild aufgeben, nur weil es andere Lebensformen gibt?

Bereits in den 1980er/90er Jahren gab es Reformbestrebungen hinsichtlich des Zölibats. Sind Sie Priester geworden in der Hoffnung, eines Tages heiraten zu dürfen?

Nein, für mich war der Zölibat eine Lebensentscheidung, die ich vor der Priesterweihe getroffen habe – wie andere bei einer Ehe. Allerdings bin ich auch ins Studium mit dem Gedanken gegangen, dass ich mich anders entscheide, wenn mir eine Frau begegnen sollte, von der ich sage, dass sie die Frau meines Lebens ist.

Diese Frau ist Ihnen damals nicht begegnet?

Nein. Und auch später nicht. Ich bin aber doch nicht beziehungslos. Meine Entscheidung für Gott und Jesus Christus ist „Beziehungsarbeit“!

Wie stehen Sie denn grundsätzlich zum Zölibat? Ist es der richtige Weg, damit Priester ihren Auftrag erfüllen können?

Den Pflichtzölibat finde ich schwierig. Ich kann mir genauso gut vorstellen, dass Priester verheiratet sind. Das würde unsere Kirche verändern. Nicht zum Negativen. Allerdings sage ich auch ganz salopp, dass meine Frau mich schon fünfmal verlassen hätte – so, wie ich mein Priesterdasein lebe. Als zölibatär lebender Priester bin ich anders verfügbar. Beides unter einen Hut zu bekommen, kann ich mir für mich nicht vorstellen.

Sie würden sich also wünschen, dass der Vatikan den Zölibat aufhebt?

Was ich mir wünsche, ist, dass alle Lebensformen für Priester möglich werden. Ja, ich meine, dass die Kirche darüber diskutieren muss. Das tut sie ja auch seit vielen Jahren.

Kirchliche Entscheidungen dauern oft Jahrhunderte. Hinkt sie deshalb häufig der Zeit hinterher?

Ja, sicher. Das hat aber auch gute Seiten. So geraten wir bei manchen Themen nicht in den Mainstream.

Frauen im Priesteramt. Fällt das in die Kategorie Mainstream? Wie stehen Sie zu dem Ansinnen aus der Bewegung Maria 2.0?

Es ist gut, dass Frauen sich zu Wort melden und sagen, dass sie mehr Mitspracherecht und Gestaltungsmöglichkeiten haben wollen. Auch in verantwortlichen Positionen, bis hin zum Diakonat.

Halten Sie Weihe-Ämter für Frauen denn für umsetzbar?

Dabei muss, so glaube ich, die Situation in der Welt betrachtet werden. Die katholische Kirche ist doch eine Weltkirche. Ich wünsche mir, dass Frauen dort, wo es möglich ist, geweiht werden. In Europa und Nordamerika kann ich es mir vorstellen. Müssen wir nicht auf die unterschiedlichen Kulturen schauen? Mir geht es um die Akzeptanz unter den Christen.

Unterschätzen Sie womöglich „die Welt“? In vielen Ländern haben Frauen es zu hohen Regierungsämtern gebracht. Nicht nur in Europa und Nordamerika. Sind viele Kulturen und Menschen in ihrem Denken weiter als die Kirche, wenn es um Gleichberechtigung geht?

Hm. Ich glaube, dass es hier kein Problem ist, Frauen zu weihen. In Polen würde es eine größere Zerreißprobe werden.

Scheut sich die Kirche vor solchen Zerreißproben?

Das sicherlich auch. Aber wenn die Frauen mit Maria 2.0 mehr Mitspracherecht wollen, dann geht es auch um Macht. Um die gleiche Macht, die die Männer haben. Meiner Meinung nach sollte es nicht um Machtfragen gehen, sondern um ein gleichberechtigtes Miteinander von Frau und Mann in der Kirche. Ein Konkurrieren um Machtpositionen halte ich nicht für angemessen.

Wie möchten Sie es dann?

So, wie es in der Schöpfungsgeschichte steht: Gott hat den Menschen geschaffen als Frau und Mann. Gleichberechtigt. Nur dann ergibt es Gottes Abbild. Vielleicht muss Kirche aber auch mal etwas wagen und Frauen in geweihte Ämter lassen. Das hauptsächliche Argument dagegen ist, dass Jesus nur Männer als Apostel berufen hat. Eine Traditionsschiene, die widerlegt werden kann. Es ist belegt, dass es in der Urkirche Diakoninnen gab.

Welches ist denn Ihre Quintessenz aus diesen Überlegungen?

Die Kirche sollte damit anfangen, Frauen als Diakoninnen zu weihen. Nicht, um damit abzuschließen und dann wieder „100 Jahre“ zu warten bis nächste Veränderungen getan werden. Es ist ein Anfang, um niemanden zu überfordern. Ich habe auch die Sorge, dass aus der Bewegung Maria 2.0 und dem Prozess des synodalen Weges ein Abschlusspapier nach Rom geht, worauf der Vatikan nicht angemessen reagieren könnte. Die Frauen, die sich jetzt engagieren, sind doch nicht die Revoluzzerinnen der 1970er und 80er Jahre. Sie kommen alle aus dem inneren Zirkel der Kirche. Ich hoffe, dass es keine große Enttäuschung gibt. Dann würden uns noch mehr Frauen und auch Männer den Rücken kehren.

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