Archäologen erforschen Jungsteinzeit-Fund

Rätselhaftes Erdwerk bei Wellie entdeckt

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Grabungsleiter Tobias Scholz erkundet mit dem geomagnetischen Vermessungsgerät das Areal.

Wellie - Von Leif Rullhusen. Grabhügel, Pfostenlöcher von steinzeitlichen Häusern oder ganzen Dörfern: Luftbildarchäologe Heinz-Dieter Freese hat schon so einige historische Entdeckungen von Bord seiner einmotorigen Cessna in rund 300 Meter Höhe gemacht.

Doch erst der vergangene Rekordsommer offenbarte ihm ein ganz besonderes, Jahrtausende altes Geheimnis.

Auf einem Feld bei Wellie im Flecken Steyerberg entdeckte Freese Farbunterschiede im Getreide, wie sie nur bei extremer Trockenheit entstehen. Die Konturen deuten auf ein höchst seltenes Erdwerk aus der Jungsteinzeit hin. „Das war ein riesiger Glücksfall“, erinnert sich der Hobbypilot und -archäologe. Einen Tag zuvor war er noch über das gleiche Feld geflogen, ohne Auffälligkeiten zu sehen. Das Erdwerk ist ein etwa 970 Meter langer ehemaliger Erdwall. Entstanden ist er vor über 5000 Jahren, als die Menschen in der Jungsteinzeit sesshaft wurden.

Archäologen rätseln über Zweck der Erdwerke

Über Sinn und Zweck des Erdwerks rätseln Archäologen bis heute. Nun startet die Erforschung der im Landkreis Nienburg nahezu einmaligen Anlage vom Boden aus. Seit gestern erforscht ein Team der Universität Göttingen das 5,7 Hektar große Areal zwischen Wellie und Steyerberg. Gemeinsam mit Grabungsleiter Tobias Scholz werden zehn Studenten vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte das Gebiet einer sogenannten geomagnetischen Prospektion unterziehen. Diese Methode geschieht oberflächlich – bis auf einige gezielte Bohrungen ohne Eingriffe in den Boden.

Tobias Scholz, Heinz-Dieter Freese und der ehrenamtliche Archäologe Ronald Reimann (v.r.) erläutern die Vermessung.

Für die Vermessung setzt das Team ein geomagnetisches Vermessungsgerät ein, dessen hochempfindliche fünf Sonden kleinste Veränderungen im Erdmagnetfeld registrieren. „Wir können auf diese Weise unter anderem Gräben erkennen, die mit anderem Material wieder gefüllt wurden. Selbst nach tausenden von Jahren“, erklärt Grabungsleiter Scholz. Kombiniert mit einem Differenzial-GPS können diese Magnetfeldanomalien auf den Zentimeter genau vermessen werden. Dafür erwartet die jungen Wissenschaftler viel Laufarbeit. Mit dem zwei Meter breiten Gerät müssen sie eine Fläche von insgesamt rund 15 Hektar – also 150 000 Quadratmeter – vermessen. Eine sportliche Leistung, mit der sie in zehn Tagen fertig sein wollen.

Erste Ergebnisse für Ende April erwartet

„Anschließend müssen wir die Rohdaten auswerten und analysieren“, berichtet Scholz. Er hofft, bis Ende April ein erstes Ergebnis präsentieren zu können. Dann wissen die Archäologen zwar mehr über das Erdwerk, aber noch immer nicht, warum es einst entstand. „Die erste Hypothese war, dass es sich um Verteidigungsanlagen handelt“, erläutert der Grabungsleiter. „Dafür ist die Anlage zu groß. Es wären zu viele Menschen nötig gewesen, um sie zu besetzen.“ Aktuell gehen die Fachleute davon aus, dass die Erdwerke einen zentralen Platz umschlossen, auf denen sich die Menschen zu bestimmten Zeiten und Anlässen trafen. Scholz: „Das letzte Wort zur Interpretation ist aber noch nicht gesprochen.“

Studenten der Universität Göttingen vermessen das Gelände zwischen Wellie und Steyerberg.

Im Landkreis Nienburg wurde neben dem Wellier Erdwerk vor einigen Jahren nur wenige Kilometer entfernt noch eines in Müsleringen entdeckt. Für die Entdeckung war nicht nur Glück notwendig. „Ohne die Luftbildarchäologie von Heinz-Dieter Freese hätte sich das Erdwerk nie offenbart“, verdeutlicht Dr. Jens Berthold, Kommunalarchäologe der Schaumburger Landschaft. Erst aus der Distanz – also aus der Luft in gut 300 Metern Höhe – und mit geschultem Auge lässt sich ein solches Erdwerk in seiner gesamten Größe erkennen.

Die Farbunterschiede im Getreide entstehen übrigens nur bei mangelnder Wasserversorgung der Pflanzen. Wenige Tage lang kurz vor der Reife entwickeln sie sich unterschiedlich. Der Boden in dem bearbeiteten und damit verdichteten Bereich speichert das Wasser etwas länger. Somit wird das Getreide dort später gelb.

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