Jugendliche fuhren vor 30 Jahren zuerst in das andere Texas

Rehburg – hier und in Texas

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30 Jahre sind vergangen, seit Heike Molkenthien und Britta Papenhausen zuerst „das andere Rehburg“ besuchten.

Rehburg - Von Beate Ney-Janßen. Die Zeitungsberichte, über die Britta Papenhausen und Heike Molkenthein sich beugen, sind genau 30 Jahre alt. Damals waren sie im Teenager-Alter – und von der Kirchengemeinde Rehburg wurde ihnen ein großes Abenteuer in Aussicht gestellt: Ein Flug nach Amerika, genauer gesagt nach Rehburg in Texas. Die Namensgleichheit mit dem Ort, in dem die beiden Frauen in Deutschland aufgewachsen sind, kommt nicht von ungefähr.

Einiges mehr als nur die Zeitungsartikel breiten die beiden Frauen auf dem Tisch aus. Schwere Fotoalben hat jede von ihnen. Anhand derer erzählen sie von ihrem ersten Amerika-Abenteuer. Heike Molkenthien hat außerdem eine Chronik dabei von der Kirche „St. Paul Evangelical Lutheran Church of Rehburg, Texas“. Jener Gemeinde, die sie 1988 zuerst besucht haben, die „Rehburg“ im Namen trägt und die 1870 von Rehburgern gegründet wurde. Ein Blick in diese Chronik macht schnell deutlich, woher die texanische Gemeinde ihren Namen bekam. Das machen schon die Namen der ersten Kirchenvorsteher zur Gründung klar: Friedrich Heine, Heinrich Turnau, Heinrich Kiel und Dietrich Bremer. Einige dieser Nachnamen sind auch heute in Rehburg noch sehr geläufig. Weitere und noch deutlichere Hinweise sind im Begräbnisverzeichnis der Gemeinde zu finden. Ein Christian Boessling, der 1824 in Rehburg, Hannover, geboren wurde und ein Gottlieb Busse, geboren 1822 in Winzlar, sind dort unter anderem aufgelistet.

Ein Brief wird in der Chronik außerdem zitiert. 1857 hat ihn Dietrich Korthauer in Texas geschrieben und an seine Eltern in Rehburg, Hannover, geschickt. Nach achtwöchiger Schiffsreise sei er gut angekommen, schreibt er. Es gehe ihm gut, er bekomme viel zu essen. Glücklich sei er, dass er Deutschland verlassen habe. Rehburg werde die Gegend, in der er nun lebe, genannt, weil die Landschaft doch sehr ähnlich derer bei Rehburg und Winzlar sei.

Vor über 150 Jahren siedelten die Ersten um

In 1857 war Korthauer nicht der einzige, der sein Glück suchte, indem er über den Atlantik fuhr und alles zurückließ. 127 Menschen allein aus dem Amt Rehburg machten sich in jenem Jahr auf den Weg. In den Jahren zuvor und danach gab es stets Auswanderer, aber so viel wie in jenem Jahr, waren es nie. Eine Erklärung dafür ist, dass ein Bankier aus Celle meinte, mit Rehburger Bürgerstellen spekulieren zu können. 20 solcher kleinen Grundstücke soll er gekauft haben – der überwiegende Teil derer, die sich auf dieses Geschäft einließen, wanderte aus. Korthauer wird also nicht allein auf der Überfahrt gewesen sein und Texas als Ziel hatte er vermutlich frühzeitig im Blick. Schließlich siedelten dort schon seit 1847 Rehburger an.

Missernten und eine hohe Schuldenlast waren für andere gute Gründe, Rehburg zu verlassen. Manche wurden auch mit falschen Versprechen gelockt. In einem Schreiben beispielweise, das in den Unterlagen des Rehburger Bürger- und Heimatvereins die Zeit überdauert hat, warnt das Bostoner „Comite der deutschen Vereine“ ausdrücklich davor, irgendwelche Verträge zu unterschreiben. So mancher Deutsche habe das getan, weil ihm gegen Arbeitsleistung, die er in Amerika erbringen solle, die Überfahrt und ein Handgeld zugesagt wurden. Viele von jenen hätten dann erst auf amerikanischem Boden erfahren, dass sie sich damit verpflichtet hatten, in der Armee zu kämpfen.

Einige hielten Kontakt 

Und wiederum andere wollten gar nicht fort aus Deutschland – wurden aber dazu gedrängt, wenn nicht gar gezwungen. Ein Beispiel dafür ist die Rehburgerin Röschen Weinberg. Einen „gemeingefährlichen liederlichen Lebenswandel“ habe sie geführt, ist in Unterlagen aus den Jahren 1857/58 zu lesen. Anfangs legte das Königlich Hannoversche Amt ihren Verwandten noch nahe dafür zu sorgen, dass sich das ändere. Doch wenig später schon ging es nur noch darum, wer die Kosten für die „Übersiedelung“ der Frau zu tragen habe. Die letzte überlieferte Nachricht ist jene von ihrer Ankunft in New York im Juli 1857. Was aus Röschen Weinberg geworden ist, weiß niemand.

Diejenigen, die sich im texanischen Rehburg ansiedelten, taten das jedenfalls freiwillig. Ob es nun eine Art Heimweh war, dass sie sich eine Umgebung suchten, die dem ähnelte, was sie aus ihrem früheren Leben kannten? Das ist wohl nicht mehr zu ermitteln. Traditionspflege gehörte bei jenen Siedlern jedoch zu ihrem Leben. Noch im Jahr 1900 beispielsweise wurden Einladungskarten zur Sonntagsschule mit dem auf Deutsch verfassten Spruch „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ gedruckt – obwohl die Gemeinde bereits seit 30 Jahren bestand. Und auch Kirche und Altar tragen deutliche Züge dessen, was sie aus dem deutschen Rehburg kannten.

Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte hielten zwar einige Rehburger und Winzlarer Kontakte zu ihren Verwandten jenseits des großen Teichs aufrecht. Weniger und seltener wurde das aber von Jahr zu Jahr. Bis 1987 der damalige Rehburger Pastor Joachim Schmidt-Deyda damit begann, einen Jugendaustausch zu planen. Zehn Jugendliche und eine Betreuerin flogen schließlich am 18. März 1988 nach Rehburg in Texas, blieben für vier Wochen und nahmen Eindrücke mit, die für manche von ihnen immer noch nachwirken.

Britta Papenhausen ließ ihrer ersten Fahrt von 1988 bereits drei Jahre später ein Praktikum in Texas folgen. Mittlerweile studierte sie in Deutschland Bibliothekars-Wissenschaften und nutzte ihre „alten“ Kontakte für den Praktikumsplatz. In Rehburg, Texas, gibt es zwar kein College, aber jedes Wochenende verbrachte sie genau dort.

Interesse geht zurück

Natürlich hatte sie mittlerweile Freundschaften geschlossen und in der Zeit zwischen ihren beiden USA-Aufenthalten wie auch danach Gegenbesuch bekommen. Mit zwei Familien verstand sie sich besonders gut – und mit einer von ihnen war sie gleich beim ersten Wiedersehen in Rehburg auf deren Spuren der Vergangenheit gewandelt. Ein Vorfahr ihrer Gastfamilie sei der Winzlarer Wilhelm Kiel gewesen, erzählt Britta Papenhausen – und dessen Geburtshaus hätten sie ausfindig gemacht. Der letzte texanische Besucher, den sie bislang begrüßt hat, kam 2016 nach Deutschland und war zu jener Zeit der Pastor der Gemeinde. Auf Luthers Spuren war er unterwegs und wo anders sollte das sein als in Wittenberg? An die alten Kontakte zu Britta Papenhausen hatte er sich aber erinnert, sodass sich die beiden dort trafen. Von Freud und Leid in Texas, sagt die Rehburgerin, würde sie außerdem immer noch einiges erfahren – allein schon durch die texanischen Facebook-Freunde, die sie habe.

Auch Heike Molkenthien hat bis heute Kontakt in die Gemeinde und besuchte sie erst in 2017 wieder. Auffällig für sie sei gewesen, dass das Interesse der Menschen in der Gemeinde an Nachrichten aus dem deutschen Rehburg deutlich zurückgegangen sei. Es könnte sein, dass einfach zu viele Generationen zwischen den Anfängen in Texas mit den Rehburgern und Winzlarern liegen würden. Vielleicht liege es aber auch daran, dass es einen Jugendaustausch zuletzt 1990 gegeben hat. Das wieder aufleben zu lassen, fände sie schön.

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