„Mit Hingabe“

Werner Hübner: Arzt, Bürgermeister, Künstler und noch einiges mehr

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Eine von Werner Hübners Leidenschaften war seine Drehorgel-Sammlung – die in einer großen Jahrmarktsorgel gipfelte.

Rehburg - Von Beate Ney Janßen. „Das Bild kenne ich. Das hing doch im Sprechzimmer von Dr. Hübner!“ Als in der „Romantik Bad Rehburg“ die Ausstellung „Nachbars Kunst“ eröffnet wurde, ist dieser Satz mehr als einmal gefallen. Das Bild, das die Besucher wiedererkannten, hing tatsächlich im Wartezimmer von Dr. Werner Hübner – und selbst gemalt hat er es auch. Das sind allerdings nur zwei Dinge, die etwas über einen vielschichtigen Mann aussagen, der in mancherlei Beziehung Rehburg geprägt hat.

Arzt ist Werner Hübner (1912-1988) gewesen und in Rehburg, mitten im Ortskern, hatte der Allgemeinmediziner seine Praxis. Damit waren es für ihn nur wenige Schritte bis zum Raths-Keller, wo zu seiner Zeit noch die Stadtverwaltung war. Das war praktisch für ihn, denn verdiente er sich sein Geld auch als Arzt, so war er doch zudem zwölf Jahre lang ehrenamtlicher Bürgermeister Rehburgs. Das ist nahezu erstaunlich, denn aus Rehburg stammte Hübner nicht. 

Geboren wurde er 1912 in Sachsen und erst als er 1945 aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, verschlug es ihn zunächst nach Loccum. Dort schlug er sich als Waldarbeiter durch, obwohl er doch schon etliche Jahre als Arzt gearbeitet hatte. In diesen Beruf konnte er erst wieder einsteigen, als 1947 eine Arztpraxis in Rehburg frei wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Frau und seine beiden Kinder bereits aus Sachsen zu ihm gezogen.

"Mit Hingabe"

Arzt, Bürgermeister und noch einiges mehr war Werner Hübner.

Dass ein Sachse, der bei der Kommunalwahl auf der Liste des „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE) kandidierte, im traditionsbewussten Rehburg 1961 nicht nur in den Gemeinderat gewählt, sondern auch noch wenig später mit acht gegen fünf Stimmen zum Bürgermeister der Stadt gemacht wurde, sagt einiges über seine Persönlichkeit aus. Vielleicht ist es das, was seine Enkelin Sabine Menke sagt, wenn sie zusammenfassen will, was ihren Großvater ausgemacht hat. „Mit Hingabe“ habe er alles getan, was er sich vornahm. Und das war nicht eben wenig.

Diese Hingabe bewies er nicht nur in seiner Arztpraxis, sondern auch in der Kommunalpolitik und im Vereinsleben. So geht etwa die Einrichtung eines Kindergartens in dem Städtchen ebenso auf ihn zurück wie auch die Installation einer Schwestern-Station. Die Gründung des DRK-Ortsvereins hat er veranlasst und über Jahrzehnte war er dessen Vorsitzender. Legendär im Ort sind noch heute die DRK-Bälle, zu denen er einlud. Rosi Finkelmann, die lange Jahre seine Sprechstundenhilfe war, beteuert, dass diese Bälle niemals einen anderen Namen trugen als „Hübner-Bälle“. Erstaunlich findet sie auch nach wie vor, dass Hübner sich für diese Tanzvergnügen einsetzte. Denn er, sagt Finkelmann, sei zwar hochmusikalisch gewesen, habe aber nicht tanzen können.

Die Orgelgeschichte

Hübners musikalisches Talent wurde jedoch von seinen Eltern früh gefördert. Die schickten ihn als Kind zum Klavier- und Orgel-Unterricht. Eine Episode, die dazu in Hübners Familie erzählt wird, spricht allerdings eher Bände von anderen Eigenschaften des ehemaligen Bürgermeisters. Er soll nämlich eines Tages die Nase voll gehabt haben vom Notenlernen und Klavierspielen. Daraufhin, so wird ihm nachgesagt, lauerte er seiner Klavierlehrerein nach einsetzender Dunkelheit auf und stülpte ihr einen Kartoffelsack über Kopf und Oberkörper. Schnell geriet er in Verdacht und das Lehrverhältnis wurde aufgelöst. Den von ihm gewünschten Effekt hatte diese Episode aber nicht, denn Hübners Vater bestand darauf, dass er weiterhin Orgelspielen lernte und schickte ihn kurzerhand zum Organisten in den Nachbarort.

Eine Orgel spielte dann Jahrzehnte später noch einmal eine Rolle im Leben Hübners. Dabei ging es bereits um die Orgel in der Rehburger Kirche. Um sie entbrannte ein Streit, der Hübner schließlich so sehr erzürnte, dass er aus der Kirche austrat. Zeit seines Lebens blieb er bei diesem Entschluss und auch zu seiner Beerdigung sprach kein Pastor.

Begabter Karikaturist

Im Wartezimmer Werner Hübners hing diese Zeichnung – von Patienten im Wartezimmer.

Ein Querkopf konnte Hübner also sein und seine Meinung konsequent vertreten. Eine andere Seite von ihm muss aber sein Humor gewesen sein. Dass er davon jede Menge besaß, das belegt allein schon das eingangs erwähnte Bild aus seinem Sprechzimmer. Allerhand Gestalten hat Hübner darauf karikiert und mancher ältere Rehburger erkennt womöglich noch, um wen es sich bei diesem oder jenem handeln soll.

Eine relativ umfangreiche Sammlung der Zeichnungen besitzt Hübners Enkelin, Sabine Menke. Manche der Papiere, die sie aus einem Ordner zieht, sind Kopien, andere Originale. Postkarten sind darunter, die aus dem Hause Hübner etwa zu Weihnachten verschickt wurden. Fromme Wünsche waren es nicht, die er versandte. 

Stattdessen gab es für die Empfänger aber immer etwas zum Lachen. So manches Haus hat er außerdem mit Hochzeitszeitungen bedacht. Daran hatte er sich bereits in jungen Jahren versucht – 1933, zur silbernen Hochzeit seiner Eltern. So wie dort bei seinen Eltern, hielt er auch später den Rehburgern den Spiegel vor und brachte manches Missgeschick und manche Peinlichkeit mit sanftem Spott ins Bild. Eine dieser Hochzeitszeitungen hängt noch bis zum 4. April 2018 in der „Romantik Bad Rehburg“ – neben einigen Bildern von Hübner, die der Rehburger Bürger- und Heimatverein als Leihgabe dorthin gegeben hat. In dessen Museum hängen die Zeichnungen zu anderen Zeiten.

Auch in anderen Haushalten sind manche Zeichnungen Hübners vorhanden. Der Bürger- und Heimatverein besinnt sich nun darauf, dass dort ein Erbe besteht, das gesichert werden sollte. Nach und nach will dessen Vorsitzender, Fritz Mackeben, Hübners Zeichnungen hier und dort ausleihen, um sie zu digitalisieren. 

Viele Sammlungen

Eine Ergänzung zu anderen Hinterlassenschaften Hübners wäre das für den Verein. Ohne Hübner hätte der Heimatverein nämlich nicht seine umfangreiche Sammlung zur Ortsgeschichte. Drei große Stahlschränke, vollgestopft mit Papieren hat Hübner gesammelt. Die Themen reichen von der Kommunalpolitik über das Vereins- und Polizeiwesen bis hin zu allem, was von der jüdischen Gemeinde Rehburgs an Unterlagen blieb. Da sei es doch nur folgerichtig, meint Mackeben, auch das zu sammeln, was der Sammler selbst geschaffen habe.

Andere Sammlungen Hübners haben die Zeit jedoch nicht überdauert. Vielleicht waren es seine Liebe zur Musik, gepaart mit den nicht allzu rosigen Erinnerungen an die Klavierstunden, die ihn dazu brachten, Drehorgeln und Leierkästen zu sammeln. Eine kleine Spieldose aus jener Sammlung hat Sabine Menke noch, alles andere ist nach Hübners Tod verkauft worden. 

Voller Wehmut blättert Werner Hübners Enkelin in alten Erinnerungsalben.

Menke erinnert sich aber noch gut daran, wie es war, wenn ihr Großvater jeden Sonnabend den Mühlenberg, auf dem sein Haus stand, beschallte. Neben den Leierkästen hatte er sich nämlich auch zwei große Jahrmarktsorgeln zugelegt und deren Lautstärke reichte aus, um weit über das Grundstück hinaus gehört zu werden. Ein Foto vom Großvater, der mit baumelnden Beinen auf dem Podest einer dieser Orgeln sitzt und stillvergnügt in die Runde schaut, hat Menke noch. „Das war eine wundervolle Kindheit, dort auf dem Mühlenberg“, sagt sie ein wenig wehmütig. Ähnlich erinnert sich Rosi Finkelmann an „ihren“ Doktor. „Ich vermisse ihn immer noch“, sagt sie seufzend, wenn sie alte Geschichten erzählt.

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