Als Rehburgs Rathaus noch Forstmeisterei war

„Ein reiches Leben“

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Am Ort ihrer Kindheit: Osterhold Heiseke besucht das Rehburger Rathaus.

Rehburg - Von Beate Ney-Janßen. Für Osterhold Heiseke ist ein Besuch im Rehburger Rathaus ein Gang in ihre eigene Vergangenheit. Dort, wo nun die Stadtverwaltung ist, wurde sie geboren und wuchs im Kreis von zehn Geschwistern auf.

 Damals war dieses Gebäude noch die Forstmeisterei und ihr Vater, Hans Heiseke, der Forstmeister.

Der Platz, auf dem das Rathaus steht, hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Auf ihm entstand das, was heute die Stadt Rehburg ist, denn genau dort wurde um 1300 die Reheburgk gebaut – eine Anlage, die dazu diente, den Menschen, die ringsum begannen sich anzusiedeln, Schutz zu bieten und die in direkter Nachbarschaft des Steinhuder Meerbaches und umgeben von moorigem Untergrund ein idealer Ort war, um zu kontrollieren, wer auf dem einzigen sicheren Weg durch dieses Gelände ein- und ausging.

Die Kubatur der Forstmeisterei ist auch heute noch am Rehburger Rathaus zu erkennen.

Rehburg wuchs im Lauf der Jahrhunderte und dessen Bürger begannen, sich nicht nur hinter, sondern ringsum die Burg anzusiedeln. Die Hoheitsverhältnisse änderten sich im Lauf der Jahrhunderte, der Schutz durch die Burg war nicht mehr nötig – ein Zentrum in dem kleinen Ort ist genau jener Platz aber immer geblieben. So residierte etwa über lange Zeit der Amtsrichter genau dort. Beim Rehburger Bürger- und Heimatverein ist noch eine Liste des „Inventariums“ jener Wohnung des Amtsrichters aus dem Jahr 1859 vorhanden – samt einer Zeichnung, die deutlich macht, wie das Gelände seinerzeit genutzt wurde. Vieles von dieser Skizze lässt sich auch heute noch gut nachvollziehen.

Da ist etwa die Kubatur des Hauses. In L-Form steht der alte Gebäudeteil noch heute dort. Rückwärtig schloss sich damals der Hofraum an, abgeteilt vom Gemüsegarten durch eine Mauer. Dort, wo seinerzeit bereits ein Tor vom Hof zum Garten führte, ist es auch heute noch. War allerdings damals in einem benachbarten Gebäude das Gefangenen-Haus – schließlich residierte dort der Amtsrichter – so steht mittlerweile ungefähr an jener Stelle das Rehburger Heimatmuseum. Geschichte trifft dort auf Geschichte.

In die Zeit zwischen der Nutzung der Rehburgk als Sitz des Amtsrichters und dem Einzug der Stadtverwaltung, ist es aber eben Forstmeisterei gewesen und aus diesen Jahren kann Osterhold Heiseke ein lebendiges Bild zeichnen.

Mit dem Schlitten, der nun vor dem Rehburger Heimatmuseum steht, fuhr in früheren Jahren die Familie Heiseke im Winter aus.

Zeichnen ist dabei ein treffendes Stichwort, denn sie, die 1950 in der Forstmeisterei Rehburgs geboren wurde, schlug die Künstler-Laufbahn ein. Französisch und Romanistik studierte sie zunächst, wechselte dann an die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und lebt mittlerweile mit ihrem Mann René, der ebenfalls Künstler ist, in Amsterdam. Zarte Bindungen nach Rehburg hat sie aber dennoch erhalten.

So widmete etwa vor zwei Jahren die „Romantik Bad Rehburg“ ihr eine eigene Ausstellung und auch in der aktuellen Werkschau „Nachbars Kunst“, in der vielfältige Kunst aus Rehburg-Loccum gezeigt wird, sind sowohl sie als auch ihr Mann mit einigen Bildern vertreten.

Das „Heiseke-Kabinett“ wird dort in Bad Rehburg die Ecke momentan genannt, in der diese Bilder hängen. Das liegt allerdings nicht nur an den Werken des Ehepaars, sondern geht noch weiter. Die Liebe zur Kunst – und wohl auch das Talent dazu – hat Osterhold Heiseke nämlich von ihrem Vater geerbt.

Lange Zeit war es in Rehburg nahezu vergessen, dass der Forstmeister, der dort von 1932 bis 1967 lebte, einiges mehr machte, als sich um Wald Feld, Flur und seine große Familie zu kümmern. Mit den Vorbereitungen zu „Nachbars Kunst“ rückte dieses „Mehr“ aber plötzlich in den Vordergrund.

Das begann damit, dass in einigen Winkeln des Rehburger Heimatmuseums Bilder entdeckt wurden, Porträts von Rehburgerinnen und Rehburgern, als Zeichnungen oder auch in Öl porträtiert. Ausdrucksstark sind die Bilder und lassen auf den ersten Blick keinesfalls vermuten, dass derjenige, der sie geschaffen hat, einem ganz anderen Handwerk nachging. Eine alte Frau auf einem Spinnstuhl, der Böttcher im Ort bei der Arbeit, eine andere Rehburgerin, die im Sonntagskleid den Maler anschaut, die Hände ruhig in den Schoß gelegt. Wer dort zu sehen ist, das konnten Mitarbeitende im Heimatmuseum noch erzählen, auch wenn die Bilder ansonsten leicht in Vergessenheit geraten waren. Eines der Porträts zeigt etwa die Großmutter von Rehburgs Ortsbürgermeisterin Angelika Teßner.

Der Neuentdeckung dieser Bilder folgten Anrufe bei Osterhold Heiseke und ihrer Schwester Irmelin. Ob sie wohl noch mehr Bilder von ihrem Vater hätten, die in die Ausstellung wandern könnten? Mehr Bilder hatten sie und steuerten sie gerne bei. So wurde die Ausstellung etwa um ein Stück Rehburger Geschichte bereichert durch die Zeichnung „Mädchen mit Storch“. Das kleine Mädchen, das darauf zu sehen sei, sagt Osterhold Heiseke, sei sie selbst im Alter von ungefähr zehn Jahren und die Geschichte, die sie dazu erzählt, geht zu Herzen.

Einen toten Storch habe ihr Vater damals in den Wiesen entdeckt. Ein Storchennest prangte seinerzeit weit oben auf dem Dach der Forstmeisterei und eines jener Tiere war es, das der Forstmeister nach Hause trug. Ein Pfeil steckte in einem der Flügel. Das hatte den Storch wohl das Leben gekostet. Traurig ließ sich die kleine Osterhold auf den Stufen vor dem Haus nieder, nahm den Kopf des Storchs auf den Schoß und streichelte ihn. Währenddessen erzählte ihr Vater ihr von den weiten Flügen in den Süden und wieder zurück, die die Störche machten, und zeichnete gleichzeitig seine trauernde Tochter. Mit dem Pfeil im Flügel sei der Storch diesen weiten Weg wohl geflogen, erzählte er ihr.

Zeichnend und erzählend – so hat Osterhold Heiseke ihren Vater in Erinnerung. Und mit solchen Erzählungen, wie dem von dem Weg der Störche, sagt sie, habe er es bei seinen Kindern auch geschafft, deren Bewusstsein für die Schönheit der Natur, ihre Vielfalt und dafür, dass es sie zu schützen lohnt, zu wecken.

Eine kleine Episode, die sich 1967 – dem Jahr, in dem Hans Heiseke pensioniert wurde – ereignete, zeigt ein wenig von seinen Bestrebungen, die Natur zu schützen. Bevor er das Haus verlassen sollte, stellte Heiseke noch den Antrag, die alten Bäume, die an der Straßenseite das Gebäude überschatteten, unter Naturschutz zu stellen. Eiche, Ulme und Esche waren alle weitaus älter als 100 Jahre – sie zu erhalten, war sein Anliegen, das leider nicht mehr gelang. Bereits kurz nach dem Antrag toste ein Sturm durch Rehburg, der einen riesigen Ast der Eiche abriss.

Danach wurden den Bäumen „bedenkliche Krankheitssymptome“ attestiert, so dass sie ein Jahr später gefällt wurden – ein weiterer Grund lag aber wohl darin, dass die Straße vor dem Haus ausgebaut werden sollte. Wie in alten Zeitungsartikeln zu lesen ist, setzte sich aber insbesondere die rund 150 Jahre alte Eiche zur Wehr. Demnach trotzte sie zunächst stundenlang den Anstrengungen der Rehburger Feuerwehrmänner, bevor sie sich von Drahtseilen zu Boden ziehen ließ. Ihr Stamm mit 1,60 Metern Durchmesser bereitete Tage später noch weitere Probleme, als der Lastkraftwagen, auf den ihr Stamm zur Abfuhr geladen worden war, beim Anfahren das Übergewicht bekam und auf die Seite kippte. Dem Fällen der Bäume sollen übrigens „Hunderte von Rehburgern“ zugeschaut haben.

Neben der Liebe zur Fauna spielte aber auch die Liebe zu Tieren eine große Rolle im Hause Heiseke. Schmunzelnd erinnert sich Osterhold Heiseke daran, dass ihre Schwester Imke einige Zeit täglich ein Haustier mit in die benachbarte Schule nahm. An sich sei das wohl nicht allzu bemerkenswert gewesen – hätte es sich bei diesem Haustier nicht um ein Wildschwein gehandelt, das im Forsthaus großgezogen wurde. Von Hühnern bis zu Pferden lebten zahlreiche Tiere in den Stallungen hinter dem Haus. Hoch zu Pferde ist Hans Heiseke den meisten Menschen in Erinnerung und das Reiten haben auch alle seine Kinder gelernt.

Vor Kutschen sind die Pferde oft gespannt worden – die Remise, in der diese Kutschen standen, steht im Hinterhof des Rathauses immer noch. Und wenn der Winter mit viel Schnee kam, so erinnert sich Osterhold Heiseke, dann wurde ein Pferd vor den kleinen Schlitten gespannt. Der Schlitten sei später dem Bürger- und Heimatverein geschenkt worden. Vermutlich ist es jener, der heutzutage in den Wintermonaten schön bemalt und geschmückt vor dem Museum steht.

Beim Spaziergang um ihr Geburtshaus herum kann sie so manches wiedererkennen. Von der Freitreppe, die vorne ins Haus führte, ist immerhin einer der beiden Treppenaufgänge noch vorhanden. Dahinter, in der Diele, sagt sie, habe ein großer Gong gestanden. Damit wurde zu den Mahlzeiten im Haus gerufen – 14 Personen hätten dann immer um den Tisch herumgesessen. Schließlich waren neben den vielen Kindern auch noch Hausmädchen und andere Mitarbeiter dabei.

Einer, der einige Jahre dort gesessen hat, war Konrad Droste und er ist später Rehburg-Loccums Stadt-Chronist geworden. Droste lernte nach der Schule zunächst im Hause Heiseke das Forst-Handwerk. Zu dieser Familie und aufbauend auf seiner Zeit in der Forstmeisterei, bekam er Jahrzehnte später eine enge Bindung, die bis zum Ende seines Lebens reichte. Als er nämlich schon längst im Bundespresseamt arbeitete, begegnete er dort in Bonn eines Tages einer Frau, die vage Erinnerungen in ihm wachrief. Wie es sich herausstellte, war es Wiebke Heiseke – eine weitere der Schwestern. Als Droste in Rehburg am Esstisch saß, war sie noch ein Kind gewesen, das kaum etwas Besseres zu tun hatte, als ihm die Luft aus den Fahrradschläuchen abzulassen. Das tat sie in Bonn nicht mehr. Stattdessen heirateten die beiden und zogen nach seiner Pensionierung nach Loccum. Chroniken zu Loccum, zu Bad Rehburg und auch zu Winzlar schrieb Droste in den folgenden Jahren. Eine Chronik über Rehburg von ihm erschien hingegen nicht.

Wie es dort im Forsthaus zuging, hätte er sicherlich schön beschreiben können: Die Geschichten von der Familie, von den Tieren, davon, wie die Natur rundum wertgeschätzt wurde, wie Kunst und Musik gepflegt wurden. Blickt Osterhold Heiseke auf ihre Kindheit und Jugend zurück, dann fasst sie ihre Eindrücke mit einem einzigen Satz zusammen: „Es war ein reiches Leben.“

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