Unterlagen aus MRVZ werden gesichtet

Mordfall Judith Thijsen - Richter: „Situation ist misslich“

Verden - Von Wiebke Bruns. „Die uns vorliegenden Krankenakten waren definitiv unvollständig“, stellte die Erste Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt am Mittwoch in dem Mordprozess am Landgericht Verden fest.

Dabei bezog sie sich auf erste Ergebnisse der noch nicht abgeschlossenen Auswertung von Unterlagen die im Maßregelvollzugszentrum (MRVZ) in Bad Rehburg sichergestellt worden waren. Eine Woche zuvor hatte das Gericht auf Marquardts Antrag die umgehende Durchsuchung des Landesbetriebes angeordnet.

„Es wurden unglaubliche Mengen an Daten gesichert“, berichtete die Juristin. Darunter vier Hauptserver, rund 40 Computer und jede Menge schriftliche Unterlagen. „Das Problem ist, dass diese Unmengen von Daten erst einmal vernünftig aufbereitet werden müssen“, so Marquardt. Für erste Ergebnisse hatten die Ermittler der Nienburger Polizei eine Nachtschicht einlegen müssen.

Gesucht wird nach Unterlagen den Angeklagten Jörg N. betreffend, der während seiner Unterbringung im MRVZ auf einem unbegleiteten Freigang die 23 Jahre alte Judith Thijsen ermordet haben soll. Gefunden wurden Unterlagen über Einzeltherapien, die dem ersten Anschein nach jedoch nur bis 23. Februar 2015 durchgeführt worden sind. 

Nichts bekannt war den Ermittlern bislang von Bewegungstherapien. Dabei soll sich die Stimmungslage des Angeklagten ab August 2015 verändert haben.

Mord am 12. September 2015

Der vorbestrafte Vergewaltiger soll am 12. September 2015 den Mord begangen haben. An dem Tag war er mit Kratzern im Gesicht und verdreckten Schuhen in die Einrichtung zurückgekehrt. In den sichergestellten Unterlagen fanden sich laut Marquardt zwei Bescheinigungen über Kleidungsbeschaffungen von Jörg N. Ausgestellt drei Tage nach dem angenommenen Tattag.

Zwei dicke Ordner mit Unterlagen überreichte Marquardt dem Gericht und betonte nochmals, dass die Auswertung der übrigen Unterlagen durch die Polizei noch nicht abgeschlossen ist. Fest steht damit, dass das MRVZ den Ermittlern trotz mehrere vorheriger polizeilichen Maßnahmen nicht die gesamten Unterlagen betreffend Jörg N. zur Verfügung gestellt hatte. „Wir hätten das als Kammer gerne schon früher gehabt“, merkte der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk kritisch an und bezeichnete die derzeitige Situation als „misslich“.

Zeuge präsentiert sich fragwürdig

Äußerst fragwürdig erscheinen auch die Verhaltensweisen einer Zeugin, die am Nachmittag gehört wurde. Eine Internetbekanntschaft der Getöteten. Nach dem Mord fanden die Ermittler nicht nur Unterlagen über eine Verlobung der beiden. Dieser „Bekannte“ entpuppte sich als Frau, die Judith Thijsen eine falsche Identität vorgegaukelt hat.

Die 37-Jährige aus Krefeld will die 23-Jährige aus Bad Rehburg im Internetportal „Schwarzes Glück – Europas größter Singlebörse für Gruftis und Kinder der Nacht“ kennengelernt haben. Wie die Zeugin aussagte, soll Judith Thijsen am 12. September gegen 15 Uhr noch vergeblich versucht haben, eine gemeinsame Bekannte telefonisch zu erreichen. 

Ansonsten berichtete die Zeugin von wechselnden Männerbekanntschaften des Opfers und Drogenkonsum. Mehrfach fand diese Internet-Liebe ein Ende. „Wir wissen, dass Sie auch andere Profile genutzt und damit Psychoterror betrieben haben“, hielt der Verteidiger der Zeugin vor. Zeitweise war die Krefelderin als Beschuldigte geführt worden.

Der Prozess soll am 1. März fortgesetzt werden.

Quelle: kreiszeitung.de

Rubriklistenbild: © dpa

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