Zweite Chance für schüchterne Nienburger via „Spotted“- Facebookseite

Zwischen Liebespost, Drohungen und schönen Geschichten

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Traumfrau- oder Mann gesichtet?Mit der Facebookseite „Spotted LK Nienburg/Weser“ können Schüchterne nach der Person anonym suchen.

Nienburg - von Kristina Stecklein. Früher stand der Minnesänger vor dem Fenster, heute steht der Facebooknutzer vor "Spotted LK Nienburg": Einer Seite, über die er oder sie anonym nach einer Person suchen kann - vor allem dann, wenn es im ersten Moment einfach die Sprache verschlagen hat.

Es ist vielleicht nur ein flüchtiger Augenblick im Getümmel. Möglicherweise nur ein kurzes Lächeln, ein schüchterner Blick – und dann ist dieser Moment, so einzigartig er auch war, wieder vorbei. Plötzlich geht die Zeit wieder schneller, die Geräusche werden lauter – und die geheimnisvolle Person ist weg.

Eine traurige, wenn auch romantische Szene, die Amerikas Traumfabrik Hollywood kaum besser hätte schreiben können. Und doch kommen diese Situationen in unserem Alltag häufig vor – deutlich macht es Nienburgs „Spotted“ Facebook Seite.

„Hallo, ich suche die hübsche Frau... Die mich heute am Parkautomat (MediaMarkt) vorlassen wollte. [...] Hoffe du erinnerst dich! Würde dich gerne kennen lernen.“

Solche oder ähnliche Posts häufen sich auf der Seite des sozialen Netzwerks. „Spotted“ kommt aus dem Englischen und bedeutet „gesichtet“ oder „entdeckt“. Im Prinzip geht es auch genau darum: Der Seitenbetreiber bekommt eine Nachricht von Person A, in der sie Person B sucht und bittet den Betreiber, die Suche anonym zu veröffentlichen. Anschließend können User, die glauben die gesuchte Person zu kennen, via Kommentarfunktion verlinken – also gewissermaßen „Bescheid geben“. Ein Konzept, das aufgeht: Über  7.000 Facebooknutzer folgen den anonymen Herzensgeschichten aus dem Landkreis Nienburg.

Doch wer steckt hinter der Seite? Wem vertrauen die Menschen ihre Geschichten an? Die Anonymität motiviert womöglich mehr Menschen, ihr Herz zu öffnen – und das wiederum respektieren die Seitenbetreiber. Deshalb wollen sie ihren Namen nicht öffentlich verraten: Insgesamt wissen nämlich nur vier Menschen in ihrem Freundeskreis Bescheid und behalten das Geheimnis für sich.

Seit August 2015 existiert die Seite „Spotted LK Nienburg/Weser“ – und wurde von Max* gegründet, dann kam sein bester Freund Jan* dazu. Das Schlusslicht des Trios bildete schließlich Anna*.

„Der Anreiz war, dass es in jeder Stadt solche Seiten gibt. Das war eigentlich der Grundbaustein, das zu machen“, erzählt Max. Den Beginn im Jahr 2012 haben im Übrigen die Schotten gemacht: Die allererste Spotted-Seite entstand unter dem Namen „Spotted: Glasgow Uni Library“, bei der speziell nach Personen gesucht wurde, die sich in der Universitätsbibliothek aufgehalten hatten.

Dass es nicht immer so „freundlich“ zugeht, kennt Max leider aus eigener Erfahrung. „Wir haben auch schon Mal Drohungen erhalten“, erinnert sich der Seitengründer. Natürlich könne er nachvollziehen, dass es auch Menschen gibt, die nicht per Beschreibung oder Kennzeichen – in diesem Fall werden die letzten Zahlen unkenntlich gemacht – gesucht werden möchten. Dann wird die Suche allerdings sofort gelöscht. Auch Beleidigungen veröffentlichen die Drei grundsätzlich nicht.

„Natürlich wollen wir nicht, dass es Schwierigkeiten gibt. Wir möchten damit keinem schaden“, betonen die Drei. Sollte es tatsächlich zu größeren Problemen kommen, würde die Spotted-Seite zum Wohle aller gelöscht werden. „Rechtlich gesehen kann man uns aber nichts“, sind sich Max und Jan sicher. Manche Firmen hätten sich bereits bei der Seite gemeldet, die nicht möchten, dass ihre Mitarbeiter öffentlich gesucht werden.

„Hey, ich suche eine Nina, sie müsste jetzt zirka 25 bis 26 Jahre alt sein. Sie wurde 1996/97 eingeschult [...] Sie hatte dunkle Haare und war recht zierlich.“

Dennoch gibt es hauptsächlich positives Feedback. „Wir haben da Spaß dran, es sind auch mal witzige Storys bei“, sagt Max lachend. „Es ist auch schon vorgekommen, dass die Person, die gerade eine Nachricht geschickt hat, neben einem sitzt.“ Eine heikle Situation, bei der durchaus auch schauspielerisches Talent bewiesen werden muss. „Wir stellen uns dann auf dumm und fragen dann auch mal: Oh, wer war das denn?“, gibt der 25-jährige Seitengründer schmunzelnd zu.

Dank der breiten Anhängerschaft wandern auch immer wieder Nachrichten in das Mailpostfach, die nicht zwingend etwas mit einer Bekanntschaftssuche zu tun haben. „Manchmal möchte jemand etwas verkaufen, dann verweisen wir auf die entsprechenden Facebook-Seiten“, erklären Jan und Max. Doch auch für wohltätige Zwecke wird die Spotted-Seite genutzt: Zuletzt suchte ein junges Paar nach einem bedürftigen Kind, das an Weihnachten beschenkt werden sollte. „Jedes Kind hat eine schöne Weihnachtszeit verdient“ heißt es in der anonymen Nachricht.

„Wir hatten sogar schon mal ein Kaufangebot“, plaudern die Seitenbetreiber aus dem Nähkästchen. „Da wollte dann jemand Geld für die Seite geben.“ Ein „Deal“, den die Drei sofort ausgeschlagen haben. „Man kann uns zu 100 Prozent vertrauen“, betonen Max, Jan und Anna. Schließlich bringe solch ein „Hobby“ eine große Verantwortung mit sich. Deshalb sei es auch ungewiss, wie es mit Seite weitergeht, wenn die Drei irgendwann keine Lust mehr haben sollten.

Doch bislang stehen die Chancen gut, dass sich die Nienburger noch eine lange Zeit an den Liebesgeschichten der Spotted-Seite erfreuen dürfen. Und mal ehrlich – ein Blind Date auf dem Empire State Building in New York a lá „Schlaflos in Seattle“ mag zwar romantisch sein – aber eben doch ein wenig zu sehr „Hollywood“. Da ist das Mail schreiben doch einen kleinen Tick schneller.

* Tatsächliche Namen sind der Redaktion bekannt.

Hier geht's zur besagten Facebookseite.

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