„Angst hatte ich zu keinem Zeitpunkt“

14 Tage im Nienburger Krankenhaus: Corona-Patienten schildern ihre Erfahrungen

+
Wilfried Stahlhut (l.) und Tobias Göckeritz (2.v.r.) waren Nachbarn in ihren Einzelzimmern auf der COVID-19-Isolationsstation. Charlotte Emily Ramin und Dr. Hans-Georg von Wysiecki haben die beiden Patienten betreut.

Nienburg - Für viele ist es eine Vorstellung des Grauens: Mit COVID-19 unter strengsten Isolationsmaßnahmen im Krankenhaus zu liegen, wohlmöglich noch auf der Intensivstation. Tobias Göckeritz und Wilfried Stahlhut haben es erlebt.

Die Helios-Kliniken Mittelweser haben die beiden Patienten gefragt, wie sie diese Zeit empfunden haben und erhielten zum Teil sehr überraschende Antworten. Ihr Appell an die Bevölkerung:Bitte keine Panik haben. Tobias Göckeritz und Wilfried Stahlhut sind Männer, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen. 

Göckeritz kommt aus Sonnenborstel, ist 62 Jahre alt und Nienburgs wohl bekanntester Landwirt. Als Vorsitzender des Landvolks Mittelweser steht er mitten im Interesse des öffentlichen Lebens. Stahlhut, 57 Jahre alt, ist beruflich in der Baubranche erfolgreich und kommt aus Münchehagen. Für eine Zeitlang waren sie Nachbarn – in ihren Einzelzimmern auf der COVID-19-Isolationsstation der Helios Klinik in Nienburg. Beide zählen aufgrund von Vorerkrankungen zur sogenannten Risikogruppe und litten auch schon Zuhause eine längere Zeit an Symptomen.

Mit Luftnot und Lugenentzündung ins Krankenhaus Nienburg 

„Ich war schon Zuhause eine längere Zeit krank. Tagsüber ging es mir relativ gut, doch nachts litt ich zunehmend an Luftnot. Über den Hausarzt wurde dann der COVID-19-Test initiiert, der sich als positiv herausstellte. Als sich die Luftnot deutlich verschlimmerte, ging ich mit einer Lungenentzündung direkt ins Krankenhaus. Dort wurde ich sofort isoliert. Allerdings ging es mir nach einigen Tagen so schlecht, dass ich auf die Intensivstation verlegt wurde. Nach sechs Tagen ging es mir besser, sodass ich dann auf die Normalstation zurückverlegt werden konnte“, berichtet Wilfried Stahlhut.

Bei Tobias Göckeritz entwickelte sich die Lungenentzündung erst im Krankenhaus. „Ich lag bereits seit sieben Tagen mit hohem Fieber Zuhause, mochte nichts essen und nichts trinken. Aufgrund der Dehydration wurde ich dann ins Krankenhaus eingeliefert. An COVID-19 hatte ich zuvor noch nicht gedacht, doch in der Klinik wurde ich als Verdachtsfall isoliert und routinemäßig einem Test unterzogen. Der war dann positiv.“ Erst nach vier Tagen im Krankenhaus entwickelte sich die für COVID-19 typische Lungenentzündung. „Wenn man schon so lange mit Fieber stramm im Bett liegt, dann kann man nicht sagen, wovon man die Lungenentzündung bekommen hat. Es kann Corona sein, es kann aber auch eine Sekundärinfektion sein, die sich aufsattelt“, erklärt Göckeritz.

Superinfektion bei COVID-19 möglich

Tatsächlich sprachen bei beiden Patienten die Laborwerte auch für eine zusätzliche bakterielle Infektion. „Diese sogenannte Superinfektion ist bei einem COVID-19-Verlauf möglich und wird bei einigen Patienten beobachtet“, erläutert Dr. Hans-Georg von Wysiecki, Chefarzt der Pneumologie. Daher erhielten beide eine Therapie mit Antibiotika. „Das hat auch sehr schnell angeschlagen“, ergänzt Göckeritz. Beide Patienten litten durch die Infektion an einem verminderten Sauerstoffgehalt im Blut und wurden daher über eine Nasensonde zusätzlich mit Sauerstoff versorgt.

„Angst hatte ich zu keinem Zeitpunkt“, berichtet Wilfried Stahlhut. „Die Familie hatte Angst um mich, aber ich überhaupt nicht. Allerdings war ich so schlapp, dass ich keine Kraft zum Telefonieren hatte. Ich hatte dann Textnachrichten über die Spracherkennung an meine Frau geschickt, die zum Teil etwas kryptisch bei ihr ankamen. Das war nicht gerade hilfreich, um ihr die Sorge zu nehmen“, schmunzelt Stahlhut.

Corona im Krankenhaus: Angst kein Thema 

Tobias Göckeritz sieht das genauso. Angst war für ihn kein Thema. „Zum einen hätte mich eine schwere Grippe genauso niederstrecken können. Zum anderen habe ich mich auch gut aufgehoben gefühlt.“ Der Chefarzt der Pneumologie ließ es sich nicht nehmen, die tägliche Visite persönlich durchzuführen, auch am Wochenende. „Dies halte ich schon für einen herausragenden Einsatz“, betont Göckeritz. Auch beim Pflegepersonal habe man im Verhalten keine Unterschiede gemerkt. „Mir tat nur leid, dass sie sich so oft umziehen mussten“, erzählt Stahlhut.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Patienten: Die Appetitlosigkeit. „Ich habe mich tagelang nur von Joghurt ernährt, etwas anderes bekam ich nicht runter“, so Stahlhut. „Erst nachdem ich auf der Intensivstation mit Sauerstoff behandelt wurde, kam der Appetit wieder.“ Göckeritz ergänzt: „Essen mochte ich auch nicht. Und das Krankenhausessen war dann doch nicht attraktiv genug, um mich doch noch dazu zu bewegen“. Beide verloren knapp 10 Kilogramm in der Zeit im Krankenhaus.

Corona: Keine Panik

Einen Appell möchten die beiden nach dieser Zeit noch an die Bevölkerung richten: „Mir ist es wichtig, den Menschen die Angst vor dem Coronavirus zu nehmen. Die Panikmache, die untereinander herrscht, darf so einfach nicht weitergehen“, betont Stahlhut. 

Auch Tobias Göckeritz sieht dies in einem ganz anderen Verhältnis. „Bei uns auf dem Hof leben wir alle eng zusammen und helfen uns gegenseitig bei der Landwirtschaft. Meine komplette Familie wurde auf das Virus getestet, doch positiv nachgewiesen war nur meine Frau, die auch nur leichte Symptome hatte. Mein Schwiegersohn, mit dem ich eng zusammenarbeite, hatte auch leichte Symptome, doch sein Test war negativ, genauso bei meiner Tochter und den Enkelkindern.“

Beide Patienten waren mit mehr als 14 Tagen relativ lange im Krankenhaus. „Dies ist tatsächlich auch häufig zu beobachten bei einer COVID-19-Infektion“, erläutert von Wysiecki. „Wir freuen uns aber, dass die Patienten ohne Komplikationen gesundet sind.“

Nachrichten-Ticker: Corona in Niedersachsen: Zahl der Neuinfektion wieder stärker angestiegen

Das könnte Sie auch interessieren

Welt

Raumfahrer wieder von den USA aus zur ISS gestartet

Raumfahrer wieder von den USA aus zur ISS gestartet

Deutsche Snowboarder sammeln Müll am Jenner

Deutsche Snowboarder sammeln Müll am Jenner
Auto

Ohne eigenes Auto mobil auf dem Land

Ohne eigenes Auto mobil auf dem Land
Reisen

Italiens Topattraktionen öffnen wieder

Italiens Topattraktionen öffnen wieder

Meistgelesene Artikel

Nach Streit und Vandalismus: Umgestaltete „Nazi-Glocke“ wird neu geweiht

Nach Streit und Vandalismus: Umgestaltete „Nazi-Glocke“ wird neu geweiht

Kaffkieker fährt Pfingsten

Kaffkieker fährt Pfingsten

Unter Drogeneinfluss und ohne Führerschein unterwegs

Unter Drogeneinfluss und ohne Führerschein unterwegs

Rucksack und Geldbörse aus Fahrradkörben gestohlen

Rucksack und Geldbörse aus Fahrradkörben gestohlen

Kommentare