Über Herausforderungen und Chancen des Tourismus während der Corona-Pandemie

Tourismus in Corona-Zeiten: Martin Fahrland im Interview

Martin Fahrland, Geschäftsführer der Mittelweser-Touristik. 
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Martin Fahrland, Geschäftsführer der Mittelweser-Touristik. 

Nienburg - Der Tourismus-Sektor hat wie viele andere Wirtschaftsbereiche unter der Corona-Pandemie gelitten. Auch im Landkreis Nienburg sind Gastronomie, Hotellerie, Kultureinrichtungen und Schifffahrt betroffen. Wir haben mit Martin Fahrland, Geschäftsführer der Mittelweser-Touristik, darüber gesprochen, welche Sorgen die Touristiker zurzeit beschäftigen, wen der erneute Lockdown besonders getroffen hat, was trotz der Pandemie gut lief und wie die Zukunft des Tourismus aussehen könnte.

Herr Fahrland, wie sehr hat der Tourismus im Landkreis Nienburg durch die Corona-Pandemie gelitten? Wer ist besonders betroffen?

Martin Fahrland: Die Gastronomen sind arg gebeutelt. Die Menschen hatten nach dem ersten Lockdown im Frühjahr Angst, wieder in die Gastronomie zu gehen und das sorgte für viele Stornierungen. Auch Tagungen, Veranstaltungen und vor allem Familienfeiern wurden abgesagt. Das ist natürlich nicht mehr aufzuholen. Das Schnitzel, das dieses Jahr nicht verkauft wurde, können sie nächstes Jahr nicht nochmal verkaufen. Das ist einfach weg. Ebenso werden nicht alle ausgefallenen Veranstaltungen nachgeholt, vieles ist einfach ersatzlos weggefallen.

Viele Gastronomen bieten im Lockdown einen Liefer- oder Abholservice an. Sie möchten dem Kunden signalisieren „Wir sind noch da“. Außerdem können sie mit diesem Angebot noch ein wenig erwirtschaften. Die Gastronomen haben kreative Hygienekonzepte entwickelt und in die Umsetzung von Hygienemaßnahmen investiert. Und nun mussten sie wieder schließen.

Die Hilfen sind gut und nützlich und werden auch gebraucht, sie müssen aber auch zeitnah ankommen. Aber das ist nicht das, was die Hotellerie und Gastronomie eigentlich will, die Gastgeber möchten für ihre Gäste da sein, sie möchten arbeiten.

Indoor-Einrichtungen, wie beispielsweise Museen, sind auch ein Segment, was in diesem Jahr nicht so funktionierte, weil die Leute Aktivitäten drinnen nicht nachgefragt haben. Ich war in Museen, da war trotz großer Säle und Vorabticketing kaum etwas los.

Wie erging es der Hotellerie in diesem Jahr?

Martin Fahrland: Die Hotellerie durfte während des Lockdowns für Geschäftsreisende geöffnet bleiben. Einige haben beispielsweise Monteure zu Gast gehabt, sodass eine gewisse Auslastung in dieser Zeit da war. Andere Häuser waren komplett geschlossen, weil es sich trotz Kurzarbeit einfach nicht rechnet.

Die ausländischen Gäste sind in diesem Jahr komplett weggeblieben, da verzeichnen wir erhebliche Rückgänge. Geschäftsreisen, Messen, Tagungen und Familienfeiern sind nicht in dem Maße durchgeführt worden wie sonst. Die Mittelweser-Region hat natürlich auch vom Tourismus im eigenen Land profitiert. Aber trotzdem sind es nicht die Zahlen, die wir in den vergangenen Jahren hatten.

Hat auch die Fahrgastschifffahrt gelitten?

Martin Fahrland: Ja. Da besonders ältere Gäste, die hier die Hauptzielgruppe sind, Angst haben, sich auf ein Schiff zu begeben. Die Flotte Weser hat nicht nur in Nienburg ein Schiff, sondern auch eins in Verden und im Weserbergland noch fünf weitere. Die Zahlen sind auch hier nicht so gewesen, wie in den Jahren davor. Der Fahrplan konnte teilweise nicht eingehalten werden. Grillfahrten beispielsweise von Nienburg nach Minden wurden in diesem Jahr nicht angeboten. Rundfahrten mussten abgesagt werden, weil es zu wenig Interessenten gab. Auch Veranstaltungen, Charterfahrten, Familienfeiern und Geburtstage auf dem Schiff sind weitestgehend ausgefallen.

Wie sieht es im kulturellen Bereich aus?

Martin Fahrland: Viele Veranstaltungen sind weggebrochen. Ob im Theater, im Kulturwerk, das Altstadtfest oder Mythodea in Brokeloh. Allein dort sind 8000 Spieler, die fünf Tage bleiben und 40 000 Übernachtungen generieren. Auch unsere Stadtführungen waren zeitweise verboten. Irgendwann durften wir dann wieder mit zehn Personen loslegen. Bis in den Oktober haben wir Führungen angeboten, allerdings nur auf Anmeldung und die Teilnehmer mussten einen Mundschutz tragen. Nach wie vor ist der gesamte Kultur- und Veranstaltungsbereich hart getroffen.

Positiv ist zu erwähnen, dass wir bei Unklarheiten im Rahmen der Corona-Verordnung im stetigen Austausch mit dem Landkreis Nienburg standen. Die Kollegen dort machen einen tollen Job und haben uns bei Fragen sehr weitergeholfen.

Als es auf den Sommer zuging, gab es eine kleine „Corona-Verschnaufpause“ und wieder mehr Freiheiten beim Reisen. Hat auch der Landkreis davon profitiert?

Martin Fahrland: Outdooraktivitäten, also alles, was draußen an der frischen Luft und mit Abstand zu anderen gemacht werden konnte, lief gut. Radfahren war ein Riesenthema in der Region. Der Weser-Radweg war wieder gut frequentiert. Während des Lockdowns im April haben wir an einer Zählstelle 4000 Radler mehr gezählt. Das sind natürlich auch Einheimische gewesen. Viele haben Ausflüge mit dem Fahrrad unternommen. So soll es aber auch sein, denn die touristische Infrastruktur ist auch für die Einheimischen da und macht eine Region lebens- und liebenswerter.

Der Weserradweg war wieder gut frequentiert.

Im Sommer war es auch leichter für die Gastronomen, die Außengastronomie anbieten konnten. Die Gäste fühlten sich draußen einfach sicherer.

Outdoor-Parks, wie zum Beispiel der Dinosaurier-Park in Münchehagen durften schon Anfang Mai mit einem Hygienekonzept wieder öffnen, sodass die Besucherzahlen dort im Laufe des Jahres ganz gut waren.

Kamen dann auch wieder mehr Wohnmobile nach Nienburg?

Martin Fahrland: Wohnmobilstellplätze und Ferienwohnungen waren mit die ersten, die nach dem Lockdown im Frühjahr wieder offen waren. Erst wurden 50 Prozent der Stellplätze in Nienburg freigegeben. Der Bauhof musste jede zweite Parzelle absperren. Wir hatten Anfragen aus ganz Deutschland. Der Platz am Weserufer war immer voll. Deswegen ist die Stadt auf die Idee gekommen, ab August einen Ausweichstellplatz auf der Festwiese einzurichten. Dort haben wir über 160 Wohnmobile gezählt. In der ganzen Mittelweser-Region wurden die Wohnmobilstellplätze sehr gut angenommen. Der Wohnmobil-Markt boomt und hat von der Krise profitiert. In diesem Jahr wurden unglaublich viele Wohnmobile verkauft. Auch der Campingtourismus lief gut. Das wird auch in den nächsten Jahren ein wachsendes Segment sein.

Was war neben Radfahren und Camping beliebt?

Martin Fahrland: In den letzten Jahren hat sich schon abgezeichnet, dass viele Jüngere das Wandern für sich entdecken. Früher war das eher ein Thema für die 50+ Generation. Wandern ist ein Zukunftsmarkt. Wir haben in der Mittelweser-Region zwar keine Wanderwege wie in den Alpen oder im Harz, aber im südlichen Bereich der Region ist Potenzial. In der Region Rehburg-Loccum mit den Rehburger Bergen und in der Samtgemeinde Mittelweser sollen neue Wanderwege entwickelt werden.

Wir haben mit Hannover und Bremen zwei Ballungsräume vor der Tür. Warum sollten die Wanderinteressierten nicht in die Mittelweser-Region fahren statt immer nur in den Deister? Wenn das Angebot, die Qualität und das Marketing stimmen, kommen auch die Gäste.

Die Stadt Nienburg hat Pläne zu einem möglichen Hotel im Gebiet zwischen dem Wesavi und der Festwiese geäußert. Würden Sie das begrüßen?

Martin Fahrland: Ich würde es begrüßen, wenn in Nienburg noch ein qualitativ gutes Haus entstehen würde. Nienburg ist in den letzten Jahren, vor allem im Sommerhalbjahr oft ausgebucht gewesen.

Oft möchten auch größere Gruppen in einem Haus untergebracht werden. Oder es finden Tagungen und Veranstaltungen statt, bei denen die Teilnehmer in einem Hotel untergebracht werden möchten und gerne abends noch zusammensitzen möchten. Diese Kapazitäten haben wir oft nicht. Das wäre auch positiv fürs Busgeschäft. Das Hotel Weserschlößchen erweitert gerade seine Kapazitäten, was mich auch sehr freut.

Durch ein neues Hotel werden zusätzliche Gäste nach Nienburg kommen. Sie werden die Innenstadt besuchen, die Kultur- und Freizeiteinrichtungen und die Gastronomie nutzen. Auch der Einzelhandel profitiert. Die Gäste lassen Geld in der Stadt. Das wäre eine schöne Sache für den Standort Nienburg.

Wie arbeitet die Mittelweser-Touristik in Corona-Zeiten?

Martin Fahrland: Während des Lockdowns im Frühjahr hatten wir die Geschäftsstelle geschlossen und die Kollegen waren in Kurzarbeit. Zu Hause zu arbeiten, ist jedoch nicht allen Mitarbeitern möglich. Die Mitarbeiter der Tourist-Information sind für den Gästeservice zuständig, da müssen wir vor Ort präsent sein. Wir waren immer erreichbar, telefonisch und per Mail. Was auch gut war, denn im Lockdown hatten wir sehr viele Anfragen nach Informationsmaterial über die Mittelweser-Region. Viele potenzielle Gäste haben sich bei uns informiert.

Dann ging es Schritt für Schritt wieder los und wir haben aktiv Marketing betrieben und beispielsweise auf die jeweiligen Öffnungen der Outdoor-Parks, der Schifffahrt, der Unterkünfte und Museen hingewiesen. Unterstützung erhielten wir auch von der Landesmarketingorganisation TourismusMarketing Niedersachsen, die im Auftrag des Wirtschaftsministeriums für das Reiseland Niedersachsen wirbt. Im Sommer hatten wir dann wieder geöffnet und werden jetzt auch bis Weihnachten geöffnet haben.

Wo liegt für Sie die größte Herausforderung im kommenden Jahr?

Martin Fahrland: Mir liegt es sehr am Herzen, dass die Hotellerie, die Gastronomie und die übrigen touristischen Leistungsträger es schaffen, durch diesen Winter zu kommen. Ich hoffe, dass alle im nächsten Jahr noch da sind, es keine Insolvenzen gibt und wir gemeinsam wieder loslegen können. Im Marketing können wir nur auf Sicht fahren. Viele touristische Messen wurden bereits abgesagt. Vieles ist unklar. Beispielsweise wie wird sich das Thema Tagungen und Geschäftsreiseverkehr durch Videokonferenzen et cetera zukünftig entwickeln? Man weiß auch nicht, wie sich die Lage im Ausland entwickelt, ob ausländische Gäste wiederkommen können oder möchten. Wir Touristiker sagen jedoch, die Sicherheit geht vor. Wir können hier nicht auf Biegen und Brechen alles aufmachen und so tun, als wäre nichts. Es ist wichtig, dass die Leute sich nicht anstecken und die Infektionszahlen runtergehen.

Wir hoffen, den Tourismus weiter entwickeln zu können gemeinsam mit den touristischen Leistungsträgern und mit den Kommunen, die letztendlich die touristische Infrastruktur zum Beispiel den Radwegebau bereitstellen. Tourismus ist ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Daran hängen viele Arbeitsplätze.

Was ist ihre Einschätzung: Wird sich der Tourismus beziehungsweise das Reisen durch die Corona-Pandemie verändern?

Martin Fahrland: Ich glaube schon. Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde. Die Leute reisen bewusster. Es wird immer Reisende geben, die sofort in den nächsten Flieger steigen. Aber die Tendenz der letzten Jahre zeigt, dass die Menschen Wert auf Themen wie Umweltschutz, Klimaschutz, Gesundheitsbewusstsein und Qualität legen. Und dafür sind sie bereit, auch mehr zu bezahlen.

Viele Gäste haben sicherlich auch den Reiz Deutschlands während der Corona-Pandemie entdeckt. Deutschland ist ein vielfältiges Reiseland mit einer tollen Tourismus- und Freizeitinfrastruktur. Wir haben von den Alpen über Mittelgebirge, Flachland, Flüsse, Seen bis zum Meer alles. Wir haben kulturell viel zu bieten, tolle Städte, Architektur, eine interessante Museumslandschaft und vielfältige Veranstaltungen. Man kann in Deutschland schöne Urlaube verbringen.

Die Gäste entdecken jetzt auch zunehmend den ländlichen Raum zum Entschleunigen. Das wird auch in den nächsten Jahren ein Trend sein und davon wird auch die gesamte Mittelweser-Region profitieren.

Die Fragen stellte Janina Stosch.

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