Mehr als 100 Besucher sehen das Theaterstück „RemembeRing – Besser ist, du weißt nix“ in der Hoyaer Schulaula

Tragische Familiengeschichte zieht Zuschauer in den Bann

Die Geschichte ihrer Familie erzählte Schauspielerin und Regisseurin Liora Hilb in dem Stück „RemembeRing – Besser ist, wenn du nix weißt“ auf der Aulabühne der Marion-Blumenthal-Oberschule in Hoya. Foto: Horst Friedrichs

Hoya - Von Horst Friedrichs. „Das Stück ist eine Hommage an meine Mutter, weil sie mit meinem Vater nach Deutschland gegangen ist“, erklärte Schauspielerin und Theaterregisseurin Liora Hilb am Donnerstagabend ihrem ergriffenen Publikum in der Aula der Marion-Blumenthal-Oberschule in Hoya. „RemembeRing – Besser ist, wenn du nix weißt“, lautete der Titel der Inszenierung, in der Liora Hilb als einzige Darstellerin ihre tragische Familiengeschichte erzählte. Im Anschluss an die einstündige Aufführung nutzten viele der insgesamt mehr als hundert Zuschauer die Gelegenheit, Fragen an die Schauspielerin zu richten.

In szenischen Bruchstücken, mit minimalistischem Bühnenbild aus variierbaren weißen Tüchern sowie Bild- und Toneinblendungen, schilderte Liora Hilb – im zeitgemäßen Tennisdress, mit Ball und Schläger untermalend – die Geschichte ihrer Familie vor, während und nach der Shoah. Durch die Rahmenhandlung zog sich als roter Faden das Rätsel um einen außergewöhnlichen, auffälligen Ring. Dessen ursprüngliche Eigentümerin war Liora Hilbs Großmutter Jenny Hilb, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Ihren Kindern gelang die Flucht nach Palästina, wo sie sich ein neues Leben aufbauten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergingen 25 Jahre, ehe Lioras Vater mit seiner Familie nach Deutschland zurückkehrte.

Zu dem Zeitpunkt war Hilbs sieben Jahre alt. „Mein Vater und meine Mutter verständigten sich mit Händen und Füßen“, berichtete sie. „Er sprach nur deutsch, konnte ein paar Brocken Englisch und lernte nie Hebräisch, die Sprache meiner Mutter.“ Im Alter von 13 Jahren sah sie zum ersten Mal den Ring der Großmutter an der Hand ihrer Mutter. Über deren gewaltsamen Tod sprach jedoch niemand in der Familie – und ebenso wenig über die Geschichte des Rings, den Liora eines Tages auf mysteriöse Weise durch einen unbekannten Boten erhielt. Sie besitze den Ring noch heute und trage ihn gelegentlich, sagte sie. In Hoya hatte sie ihn allerdings nicht dabei.

Auf der Bühne der Marion-Blumenthal-Oberschule vollbrachte Liora Hilb das undenkbar Scheinende, vor dem düsteren Hintergrund des Holocaust-Grauens ein tragikomisches Moment zum Aufleuchten zu bringen, indem sie das Humorvolle am Wesen ihres verehrten Vaters in den Vordergrund rückte – etwa seine Fähigkeit, mit nur rudimentären Englischkenntnissen und eingeworfenen deutschen Brocken und ohne ein Wort Hebräisch zu können, erfolgreich geschäftliche Telefongespräche zu führen. Eine Szene, die nachwirkte und in der anschließenden Fragestunde eine gewisse Parallele zu Roberto Benignis Film „Das Leben ist schön“ nicht unerwähnt ließ.

Kontraste schockten, als Liora Hilb das unbedarft und locker scheinende Alltagsleben ihrer Familie während der Nazizeit beschrieb und im Hintergrund amtliche Ansagen liefen, wie „Juden dürfen abends ihre Wohnungen nicht verlassen“ oder „Juden erhalten keine Eier mehr“. Nicht weniger düster klang dumpfes Hintergrundgemurmel von Begriffen wie „Reichshauptstadt“, „Reichsgruppenführer“, „Reichsparteitag“ und vielen anderen „Reichs“-Zusammensetzungen. In „RemembeRing“ spannten Liora Hilb und ihre Co-Autorin Miriam Locker einen Bogen über das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie in drei Generationen.

In der anschließenden Fragestunde zeigten sich Zuhörer berührt davon, wie es der Schauspielerin gelungen war, ihre Gefühle in Bewegung umzusetzen. Auf die Frage nach ihrer Tenniskleidung von damals, erzählte sie freimütig, dass ihr Vater und ihre Mutter sie auf einem Tennisplatz kennengelernt hatten.

„Ich bin Deutsche, ich bin Jüdin, und ich gehöre hierher“, sagte Liora Hilb. „Ich denke nicht, dass ich hier weggehen muss.“ Dafür erhielt sie lauten und anhaltenden Applaus. Zu ihrem Stück erklärte sie weiter: „Ich wollte keinen Zeigefinger erheben oder gar Schuldzuweisungen aussprechen.“ Auf die Frage, wie man auf antisemitische Äußerungen reagieren solle, antwortete sie: „Ganz klare Haltung beziehen.“ Dazu merkte sie an: „Die Politik hat viel versäumt.“

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Sylke Linke von der Interessengemeinschaft Synagoge das Publikum und berichtete über das Zustandekommen der Aufführung in Hoya. Daran habe Dr. Jens Neinhardt, dem sie besonders dankte, großen Anteil gehabt. Für die Unterstützung des Projekts dankte Linke überdies Wilfried Imgarten vom Präventionsrat der Samtgemeinde, Frank Roemer, Direktor der Nienburger VGH-Regionaldirektion, und Werner von Behr, Präsident der Hoya-Diepholz’schen Landschaft.

Quelle: kreiszeitung.de

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